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Hamburger Unikat : Der kultige Entertainer vom Fischmarkt: „Aale Dieter“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„Aale Dieter“ singt Schlager, unterrichtet Manager und ist doch vor allem eines: Hamburgs bekanntester Fischverkäufer.

Hamburg | Wie 78 sieht er nicht aus, der beste Verkäufer Hamburgs. Und auch nicht wie jemand, der sich bald zur Ruhe setzen will. Um 6 Uhr an einem kalten Sonntagmorgen steht er hinter seinem Stand am Altonaer Fischmarkt, hundert Aale vor sich aufgestapelt. Ein Hüne mit Elbsegler auf dem Kopf, mit weißem Rollkragenpullover und dickem Bauch unter einem blau gestreiften Fischerhemd. Darauf sein Name gestickt: „Aale Dieter“. Zwei knallrote Hosenträger halten seine Jeans. Lange Nase, hervorstehendes Kinn, braun gebranntes Gesicht und erstaunlich glatte Wangen. Die meerblauen Augen gucken forsch und freundlich. „Moin Junge, is kalt“, ruft ihm ein vorbeilaufender Verkäufer vom Markt zu. „Ja nützt nichts, iss einen Aal. Dann wirst du zur Rakete“, ruft ihm „Aale Dieter“ zu.

Noch ist sein richtiges Publikum nicht da. Um seinen Stand an der Kaikante schlurfen nur ein paar angetrunkene Partygänger, die die Nacht durchgemacht haben, ein paar Zombies auf der Suche nach Kaffee. Im Hintergrund ragen die riesigen Schiffskräne vom Hafen in den lachsroten Himmel.

Heute Morgen, erzählt er, sei er um zwei Uhr aufgestanden. Ab vier Uhr habe er den Stand aufgebaut. „Ich will präsent sein“, sagt „Aale Dieter“, der mit bürgerlichem Namen Dieter Bruhn heißt. Wie jeden Sonntag von März bis Dezember. Seit 58 Jahren. So lange verkauft er schon Räucheraal und Räucherlachs auf dem Fischmarkt. „Als ich mit 20 angefangen habe, haben hier noch die Elbfischer mit ihren Kuttern angelegt“, sagt der gelernte Maschinenbauer, der im Hamburger Problembezirk Hamm geboren wurde. Mittlerweile wohnt er im feinen Eppendorf und macht im Winter fünf Wochen Madeira-Urlaub.

Das Managermagazin wählte ihn 1989 zu einem der zehn besten Verkäufer Deutschlands. Seitdem wird er von Managern und Vertretern für Seminare gebucht. Erst kürzlich von einer großen Hamburger Versicherung. Den Leuten im Anzug erzählt er dann in seiner schnoddrigen Hamburger Art, wie man Leuten einen Aal verkauft, die eigentlich keinen wollen.

Plötzlich versammeln sich 40 Leute um den Stand

Es ist sieben, immer mehr Touristen strömen auf den Markt. „Kommt mal alle her“, ruft „Aale Dieter“ den Vorbeilaufenden zu. Zu einer Frau mittleren Alters: „Komm her, my Deern, sei nicht so zickig.“ Sie schaut belustigt und sagt: „Ich bin aber schüchtern.“ Stehen bleibt sie trotzdem, um zu sehen, was als Nächstes passiert. Plötzlich hat sich eine Traube von 40 Leuten um den kleinen Stand gesammelt. „Aale Dieter“ nimmt einen langen Aal, schält die Haut ab und schneidet mit dem Messer kleine Stücke ab. Er reicht sie den Leuten, die immer näher ranrücken. „Der beste Aal, den es gibt, mein Sohn“, sagt er einem interessiert, aber skeptisch blickenden jungen Mann in der ersten Reihe.

Der Fisch schmeckt zart-rauchig, nicht zu fettig. Einer fragt nach dem Preis. 18 Euro für einen großen, 15 Euro für einen kleinen. Ob es Rabatt gebe. „Probieren ist der Rabatt, den du kriegst“, entgegnet „Aale Dieter“. Ein Mann im Publikum, der sich als Marketingberater herausstellt, notiert sich den Spruch in sein Smartphone. Ein erster Kunde zückt einen Zwanziger. Dann geht alles sehr schnell. Auf einen Schlag sind zehn Aale verkauft. Seine Sprüche, mit lauter, kräftiger Stimme herausposaunt, sorgen für Stimmung in der Menge. Das Publikum steigert sich in ein Gemisch aus guter Laune und Kauflust. Das wird sich im Laufe des Vormittags mehrmals so wiederholen.

An der Rückwand des Standes hängt ein Schwarz-Weiß-Foto aus Dieters jungen Jahren. Damals, mit 45, noch schlank und sportlich, unterhielt er die Kundschaft nicht nur mit flapsigen Sprüchen, sondern auch mit einem Flickflack in seiner Bude: „Da bin ich mit den Beinen nach oben gesprungen an die Decke – jupp, jupp, jupp. Da war ich noch richtig wendig. Da haben die Leute geschrien wie verrückt.“

Touristen kommen nur seinetwegen

Die Fähigkeit, Leute zu unterhalten, hat „Aale Dieter“ zum Antrieb seines Geschäftes gemacht, Fisch zu verkaufen. Das macht ihn einzigartig auf dem Fischmarkt. Er ist zum Gesicht des Marktes geworden, steht in Reiseführern, Touristen kommen nur seinetwegen. Er wurde mehrmals als „Hamburger Original“ für die MS Europa gebucht.

Aber er ist nicht nur Showman, er ist auch ein cleverer Verkäufer. Ein Blick zu den anderen Fischverkäufern zeigt, was er anders macht: Er ruft nicht mit billigen Preisen um sich (er verlangt schließlich 50 Prozent mehr als die Nebenstände), sondern stellt eine persönliche Beziehung zu den Menschen her, redet mit ihnen, erzählt von sich. „Die anderen Verkäufer profitieren ja auch von mir. Ich ziehe viele Leute auf den Markt, die nur meinetwegen kommen“, sagt er.

Kurz dazwischengefragt: Was glaubt er, was andere von ihm lernen können? „Man muss echt bleiben. Ich bleibe immer so, wie ich bin“, sagt Dieter. Schon als junger Mensch sei er selbstbewusst gewesen und mit jedem gleich umgegangen. Sympathie erzeuge Sympathie. Ein guter Verkäufer müsse auf die Menschen zugehen. „Wenn einer keine Ausstrahlung hat und nicht richtig reden kann, wird das nichts mit dem Verkaufen.“

Seine kräftige Stimme kommt ihm beim Marktschreien zugute. Als Kind nahm er bei einem bekannten Tenor an der Hamburger Staatsoper Gesangsunterricht; seine Mutter wollte einen Sänger aus ihm machen. Er brauche kein Mikrofon und werde auch nicht heiser wie seine Konkurrenten auf dem Fischmarkt. 2004 veröffentlichte er sogar eine CD mit Schlagern: „Wovon kann ein Mensch denn schon träumen?“, 2009 folgte „Moin, Moin oder Tschüss“.

Später, nachdem seine Show gegen halb zehn vorbei ist, verrät „Aale Dieter“ bei einem Kaffee in der nahen Kultkneipe „Eier Karl“, wie lange er das überhaupt noch machen will. „Ich will auch mit 100 noch Fisch verkaufen, wenn es mir dann noch gut geht“, sagt er. Ihn treibt an, was alle Entertainer antreibt: der Zwang, die Show weitergehen zu lassen. Er muss immer wieder auf die Bühne – seinen Verkaufsstand.

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erstellt am 11.Jun.2017 | 17:44 Uhr

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