Gesellschaft : Traditionsevents wegen Corona viel kleiner oder gar nicht

Ulf Kämpfer, Oberbürgermeister der Stadt Kiel, spricht während der Pressekonferenz. /dpa/Archivbild
Ulf Kämpfer, Oberbürgermeister der Stadt Kiel, spricht während der Pressekonferenz. /dpa/Archivbild

Corona-Prävention statt Hochkultur, Heavy-Metal-Kult und Volksfest-Trubel: Schleswig-Holsteins diesjähriger Festivalsommer sieht ganz anders aus als jahrzehntelang üblich. Er fällt aber auch nicht ganz ins Wasser.

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18. Juni 2020, 08:05 Uhr

«Die Kieler Woche 2020 ist eröffnet!» Tausende bejubeln diese Botschaft auf dem Rathausplatz und stürzen sich dann in die Neun-Tage Festwoche an der Förde. So sollte es sein an diesem Samstagabend. Corona hat das verhindert. Auch die anderen traditionellen Sommerereignisse in Schleswig-Holstein mussten ihre Pläne völlig über den Haufen werfen. Wie haben die Veranstalter reagiert? Hier eine Übersicht zu ausgewählten Events:

KIELER WOCHE: Mehr als drei Millionen Gäste aus aller Welt kommen normalerweise in der letzten Juni-Woche, darunter tausende Segler, hunderte Musiker, Kleinkünstler, Matrosen, Unternehmer, Politiker. Die Stadt reagierte auf die Corona-Pandemie mit einer Verlegung (5.-13. September) und unter dem Motto «Zurück zu den Wurzeln» mit einem weitgehenden «Eindampfen» des Programms auf das Segeln. Auf zusätzliches Personal konnte die Stadt in diesem Jahr verzichten.

An den Planungen ändere auch die Entscheidung von Bund und Ländern zur Verlängerung des Verbots von Großveranstaltungen nichts, hieß es am Mittwochabend. «Segeln plus X' lautet in diesem Jahr unser Kieler-Woche-Motto - und dabei bleiben wir», sagte Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD). Das aktuelle Konzept basiere bereits auf den Vorgaben, die bis zum 31. August gelten und nun verlängert wurden. Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen werde es bei der Kieler Woche ebenso wenig geben wie große Bühnen und Eventflächen. Die Kontaktverfolgung werde gewährleistet, ein Hygienekonzept ist in Arbeit.

«Wir feiern klein, aber fein», sagte Stadtsprecherin Kerstin Graupner. Von lokalen Bands und Solo-Acts gibt es Konzerte an besonderen Orten. Sie werden live gestreamt. Für Künstler, die eigentlich auftreten sollten, musste die Stadt keine Gagenausfälle bezahlen. Als Gründe nannte sie ihre eigene frühzeitige Reaktion und die Kooperationsbereitschaft aller Partner.

Für das nächste Jahr zeigt sich Kämpfer optimistisch. Vielleicht müsse die Stadt das Konzept noch einmal neu anpassen und möglicherweise übernehme sie auch neue Elemente aus dem diesjährigen Segelsport-Event, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. «Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es aber 2021 wieder die Kieler Woche sein, die wir alle kennen und lieben - das größte Segelevent der Welt und das größte Sommerfest im Norden Europas.»

SCHLESWIG-HOLSTEIN-MUSIK FESTIVAL: Deutschlands größtes Klassik- Festival sollte vom 4. Juli bis zum 30. August stattfinden. Im April warfen die Veranstalter wegen Corona das Handtuch. Über 200 Konzerte an 126 Spielstätten waren geplant, fast 200 000 Tickets lagen bereit. Intendant Christian Kuhnt gab nicht auf und entwickelte als kleinere Alternative den «Sommer der Möglichkeiten». Das an Corona-Bedingungen angepasste Programm ist live, im Radio, Fernsehen und Internet zu erleben. Im Rahmen der rund 100 Aktionen macht der französische Harfenist Xavier de Maistre als diesjähriger Porträtkünstler musikalische Hausbesuche. Für die Komponisten-Retrospektive beziehen dänische Künstler eine Carl-Nielsen-WG auf Gut Pronstorf. Das Festivalorchester kommt in kleinerem Rahmen zusammen.

Das Eröffnungsfest mit de Maistre und Ex-Porträtkünstlern wie Sabine Meyer (Klarinette), Martin Grubinger (Percussion) und Sol Gabetta (Violoncello) wird vom NDR-Fernsehen auf Gut Hasselburg ohne Publikum aufgezeichnet und am 5. Juli auf 3sat und NDR Kultur übertragen. Als Ersatz für die «Musikfeste auf dem Lande» in Gutshöfen oder Scheunen fährt ein Musikfest-Trecker über Land. Künstler verwandeln den Anhänger in ein mobiles Podium und fahren damit durch Dörfer und Städte, um spontane Konzerte zu geben. Mit Zwischenstopps auf Marktplätzen und Promenaden, vor Pflege- und Seniorenheimen oder Krankenhäusern werden Anwohner und Passanten musikalisch überrascht.

Seit Absage des SHMF können alle 140 000 erworbenen Tickets zurückerstattet werden oder man verzichtet darauf. Das Geld fließt in einen Fonds für Festivalkünstler. Ausgefallene Konzerte mit Gregory Porter, Tom Jones und Rolando Villazón werden 2021 nachgeholt.

WACKEN OPEN AIR: Die 75 000 Tickets für das als eines der größten Heavy-Metal-Festivals der Welt geltende Wacken-Festival waren bereits 21 Stunden nach Beginn des Vorverkaufs vergriffen. Das Festival sollte vom 30. Juli bis 1. August stattfinden. In diesem Sommer ist definitiv keine Veranstaltung vor Ort geplant. «Daher bitten wir alle Fans unter anderem aus Rücksicht auf die Bewohner und die landwirtschaftlichen Flächen, das Dorf nicht zum Festivalzeitpunkt zu besuchen», sagt ein Sprecher der Veranstalter. Das Team habe bereits vor der Absage an digitalen Angeboten gearbeitet, um den Fans die Wartezeit auf das Festival 2021 zu verkürzen.

Ein regulärer Vorverkauf ist für das nächste Wacken-Festival aktuell aber nicht geplant. Denn der Großteil der Karten sei bereits durch die Erstattung der Tickets für 2020 vergeben worden, sagte der Sprecher. Eine Chance auf Karten gibt es für Metalfans aber noch. Auf ihrer Webseite Wacken.com haben die Veranstalter ein Formular für Ticket-Interessenten veröffentlicht. Die Rechte zum Ticketkauf sollen verlost werden. «Durch die Idee der Verlosung soll die Fairness im Erwerb von Tickets erhöht werden», sagte der Sprecher.

Der überwiegende Teil der Belegschaft des Veranstalters befindet sich derzeit in Kurzarbeit, sagte der Sprecher. «Bezüglich der zahlreichen Helfer sind wir uns schmerzhaft bewusst, dass leider ein großer Teil der im Eventbusiness tätigen Menschen als Selbstständige vor existenziellen Nöten steht, weil das bisherige staatliche Rettungsnetz deren besondere Situation nicht oder kaum berücksichtigt.» Ein staatlicher Rettungsschirm auch für die Kulturbranche sei sinnvoll: «Gerade der Rock'n'Roll wird besonders hart getroffen, da in diesem Genre bereits zu normalen Zeiten kaum Subventionen fließen.»

EUTINER FESTSPIELE: Die 70. Saison (20. Juni - 3. August) sollte mit Puccinis Oper «Madame Butterfly» und Jerry Hermanns Musical «Ein Käfig voller Narren» gefeiert werden. Wegen Corona wurden die traditionellen Opernfestspiele auf der Bühne im Schlosspark Mitte April abgesagt. Die Jubiläumsspielzeit wurde auf 2021 verschoben.

Dann wird nach Angaben der Geschäftsführung unter anderem Carl Maria von Webers Oper «Der Freischütz» auf dem Spielplan stehen. Sie wurde 1821 uraufgeführt. «Auch wegen der Aufführungsrechte konnten wir den Spielplan für dieses Jahr nicht einfach um ein Jahr verschieben», sagte Geschäftsführer Falk Herzog. Als kleinen Vorgeschmack werde es voraussichtlich im Herbst kleinere Konzerte auf der neuen Studiobühne in der Opernscheune geben. Für die Veranstalter bedeutet die Absage einen herben finanziellen Verlust. Zur Rückerstattung eines Großteils der 12 500 verkauften Eintrittskarten kommen nach Festivalangaben Honorare für bereits erbrachte Leistungen der Regieteams.

«Solisten und Orchester mussten wir kündigen, weil wir als Sommerbühne keine Kurzarbeit anmelden konnten», sagte Herzog. Für sie gebe es aber voraussichtlich von der Landesregierung einen finanziellen Ausgleich für die ausgefallenen Honorare. «Außerdem hat die Schneiderei der Festspiele Gesichtsmasken genäht, die zugunsten unserer Künstler verkauft werden», sagte Herzog.

KARL-MAY-SPIELE: «Unter Geiern - Der Sohn des Bärenjägers» lockte im vergangenen Jahr mehr als 400 000 Besucher in die Kalkberg-Arena in Bad Segeberg. Die Corona-Pandemie stoppte die Hoffnungen auf eine Wiederholung des Besucherrekords. Statt einer Inszenierung «Der Ölprinz» gibt es 2020 für Westernfans nur Backstage-Führungen in dem Freilichttheater, sagte Pressesprecher Michael Stamp. Für diesen Sommer waren bereits rund 70 000 Karten im Vorverkauf abgegeben worden. Sie können umgebucht oder zurückgegeben werden.

«Sobald die Umbuchungen abgeschlossen sind, bereiten wir den weiteren Vorverkauf für 2021 vor», sagte Stamp. Die Premiere des «Ölprinzen» sei auf den 26. Juni 2021 verschoben. Danach gebe es Aufführungen bis zum 5. September jeweils donnerstags bis sonntags. «Wir sind sehr optimistisch, dass wir im nächsten Jahr wieder in gewohnter Weise spielen können», sagte Stamp. «Unsere Besucher teilen unseren Optimismus.»

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