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Lübecker Landgericht : Zweijährige missbraucht und vergewaltigt: Knapp elf Jahre Haft für Vater

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Mit dem Urteil blieb das Gericht unter dem Antrag der Staatsanwältin. Der Mittäter muss zehn Jahre in Haft.

shz.de von
erstellt am 15.Jun.2017 | 09:26 Uhr

Lübeck | Die Taten sind monströs - das zweijährige Mädchen windet sich, weint und schreit ununterbrochen. Doch ihren Peinigern kann sie nicht entkommen - sie ist gefesselt und geknebelt, als sich die beiden Männer an ihr vergehen und laute Musik spielen, um die Schreie des Kindes zu übertönen. Einer der Männer ist ihr Vater - seine Verbrechen dokumentiert er auf Video und stellt Bilder davon ins Internet. Was der 29-Jährige und sein 47 Jahre alter Mittäter dem Kind antun, stellt selbst für langjährige Juristen eine erhebliche Belastung dar, wie die Vorsitzende des Lübecker Landgerichtes am Donnerstag bei der Urteilsverkündung bekennt.

Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen, während auf den Videos der schwere sexuelle Missbrauch und die Vergewaltigung des kleinen Kindes mit Fingern und Gegenständen zu sehen ist, ihre Panik und ihre Todesangst. Die Strafen, die das Gericht nach eingehender Beweiswürdigung schließlich findet: zehn Jahre und neun Monate Gefängnis für den Vater und zehn Jahre Haft für dessen 49 Jahre alten Mittäter. Der schwer in seiner Persönlichkeit gestörte Vater muss zudem nach Verbüßung etwa der Hälfte der Haft in die geschlossene Psychiatrie.

Ob und wann er je wieder freikommt, hängt von seinem Therapiererfolg ab, sagt die Vorsitzende Richterin Helga von Lukowicz. Eine Prüfung daraufhin erfolgt jährlich. Es wird wohl lange dauern, angesichts seiner völligen Empathielosigkeit und seiner sadistisch-masochistischen Prägung, die ihm ein Gutachter bescheinigt. Der Mann, dem niemand in seinem Umfeld die Taten zutraute und der nach eigenem Geständnis sorgfältig darauf bedacht war, alle Spuren der erschütternden sexuellen Übergriffe zu verwischen, bleibt nach Feststellungen des Gerichts untherapiert gefährlich. Auch während der Urteilsverkündung zeigt der 29-Jährige in der moosgrünen Kluft der Untersuchungshäftlinge keine innerliche Bewegung. Den Kopf in eine Hand gestützt, blickt er aufmerksam, aber teilnahmslos zum Gericht.

Mutter und Kind - sie sind Nebenkläger in dem Verfahren - sind in Schleswig-Holstein bei den Großeltern untergekommen. Seit Bekanntwerden der Verbrechen breiten die Großeltern einen „Mantel des Schutzes“ um Tochter und Enkelin, sagt deren Rechtsanwältin Franziska Hammer. Wie alle Bezugspersonen, die Mutter selbst, die Großeltern, Kinderärzte und Kindergartenerzieher - niemand habe auch nur ansatzweise Anzeichen für die schweren Übergriffe gefunden. „Er hat penibel alle Spuren verwischt“, sagt die Opferanwältin. Die Mutter sei aus allen Wolken gefallen, als Anfang November plötzlich ein Sonderkommando ihre Wohnung stürmte und den Vater festnahm. Den Tipp hatten die Ermittler von einem Chatpartner des Vaters, der ihm Tatbilder geschickt hatte mit dem Kommentar: „Mag es, wenn sie leidet“. Völlig schockiert informierte der Mann sofort die Behörden. Drei Tage später wurde der 29-Jährige festgenommen.

Ihren Beruf hat die Mutter zur Zeit aufgegeben, sie und ihre Tochter befinden sich in Therapie. Die Familie leiste „Großartiges, um beide aufzufangen, zu schützen und zu stabilisieren“, sagt Hammer. „Es besteht Hoffnung, dass die Kleine wieder Vertrauen fassen und ein möglichst normales, fröhliches Kind werden kann“. Beide Männer hatten die Taten zwar gestanden. Sie wären aber anhand der Videos ohnehin überführt worden, stellt das Gericht fest. Gegen etwa 50 Männer, die den Missbrauch des Mädchens live im Internet verfolgt haben sollen, ermitteln die Behörden noch gesondert. Die Staatsanwaltschaft hatte für den Vater 13 Jahre und für den Mittäter elf Jahre gefordert. Sie will ebenso wie die Verteidiger Revision prüfen. Die Verteidiger hatten keine konkreten Anträge gestellt.

Was bisher geschah:

Frühjahr 2015: Die beiden Männer lernen sich auf einem Dating-Portal im Internet kennen.

Mitte Juli 2016: Chat-Protokolle belegen, dass sich die Männer zum Sex in der Wohnung des damals 28-Jährigen verabreden. Nach dem ersten Treffen sei dann die Idee zum Missbrauch der damals Zweijährigen entstanden. Hier beginnt das Martyrium des Mädchens.

Per SMS verabreden sich die beiden Männer zu ihren Taten, wenn die Mutter nicht zu Hause ist. Sie fesseln und knebeln das wehrlose Kind, um sich an ihm zu vergehen, schlagen und demütigten es.

November 2016: Der Angeklagte bietet Bilder und Videos des Missbrauchs unter anderem im Darknet an. So kommen die Taten auch ans Licht. Ein Zeuge, dem der Vater Bilder der Taten zugeschickt hatte, informiert umgehend das Jugendamt, die Polizei wird eingeschaltet. Drei Tage später wird der Kindsvater festgenommen.

19. April 2017: Nach umfangreichen Ermittlungen einer für den Fall gebildeten Ermittlungsgruppe erhebt die Staatsanwaltschaft Lübeck Anklage gegen den damals 28-jährigen Vater des Mädchens und den 47-jährigen Mittäter wegen des Vorwurfs des schweren sexuellen Missbrauchs. Dem Vater werden insgesamt neun Taten vorgeworfen, der 47-Jährige soll an vier Taten beteiligt gewesen sein.

26. April 2017: Prozessauftakt in Lübeck: Gleich zu Beginn des Prozesses gesteht der Vater des Kindes die Taten in vollem Umfang. Der Mitangeklagte gesteht drei der ihm vorgeworfenen Taten.

Die Mutter habe nichts von den Taten wissen können, sagt der damals 28-Jährige aus. Er habe die Spuren immer rechtzeitig vor ihrer Rückkehr beseitigt. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit sichtet das Gericht Bilder des Missbrauchs.

Im Zusammenhang mit dem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft nach eigenen Angaben noch gegen etwa 50 weitere Personen, die den Missbrauch zum Teil live im Internet verfolgt und Anweisungen gegeben haben sollen.

Während der 28-Jährige bei seinen Aussagen fast emotionslos wirkt und kein Wort der Reue verliert, kämpft sein Mitangeklagter bei seiner Aussage mit den Tränen. „Es tut mir unendlich leid. Ich weiß nicht, warum ich zum Monster mutiert bin“, sagt er. Er habe die Taten immer sofort nach Verlassen des Tatorts verdrängt und sei in sein normales Leben zurückgekehrt.

12. Juni 2017: Die Staatsanwaltschaft fordert mehrjährige Haftstrafen für die Angeklagten. Staatsanwältin Uta Haage beantragt für den 29 Jahre alten Vater des Mädchens dreizehn Jahre und für den 47 Jahre alten Mitangeklagten elf Jahre Freiheitsentzug. In drei Fällen soll das zum Tatzeitpunkt zweijährige Mädchen vergewaltigt worden sein, in zwei Fällen wurde das Mädchen durch Knebelung in Lebensgefahr gebracht.

„Die Taten trugen zum Teil sadistische Züge“, sagt Haage in ihrem Plädoyer. Der 29-Jährige hatte im Prozess ausgesagt, die Schreie des Kindes hätten ihn erregt.

Die Verteidiger der beiden Männer stellen keine konkreten Anträge. Der Rechtsbeistand des 29-Jährigen forderte für einen Mandanten eine „gerechte Strafe“, der Verteidiger des 47-Jährigen bat um eine Strafe „im einstelligen Bereich“. 

Mutter und Tochter befinden sich inzwischen in psychiatrischer Behandlung, das kleine Mädchen lebt jetzt in einer liebevollen Pflegefamilie, wie die Anwältin, die beide als Nebenklägerin vertritt, berichtet.

mit dpa

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