Medienbericht : „Weißer Ring“: Landespolizei wusste offenbar seit Juli von Vorwürfen

Mehr Anzeigen – und immer mehr Mitwisser: Die Vorwürfe sollten offenbar nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Avatar_shz von
30. März 2018, 15:17 Uhr

Lübeck/Kiel | Offenbar war ein Teil der schwerwiegenden Belästigungsvorwürfe gegen einen Ex-Berater beim „Weißen Ring“ in Lübeck bereits länger bekannt: Auch die Führung der Landespolizei soll bereits im Juli 2017 informiert gewesen sein. Das berichten die Lübecker Nachrichten und berufen sich dabei auf zwei E-Mails von Lübecks Polizeichef Norbert Trabs. Damals soll der abgesetzte Leiter der Lübecker Beratungsstelle der Opferschutzorganisation eine ihm bekannte Mitarbeiterin der Polizeidirektion Lübeck sexuell belästigt haben. Sie meldete dies ihren Vorgesetzten.

Der Berater, ein 73 Jahre alter pensionierter Polizist, stand schon länger in der Kritik. Bereits Ende 2016 sollte das zuständige Kommissariat keine Opfer von Sexualdelikten mehr an den Weißen Ring überweisen. Mehrere Frauen hatten Detlef H. bezichtigt, sie belästigt oder sich entblößt zu haben.

Mails an Döring und Landespolizei

Am 20. Juli 2017 soll Trabs den damaligen Landesvorsitzenden des Weißen Rings, Uwe Döring, angemailt haben. Er habe die Staatsanwaltschaft über den Vorfall informiert. Wörtlich soll in der Mail stehen, Trabs gehe „davon aus, dass Sie – unter Einbeziehung von Auffälligkeiten in der jüngeren Vergangenheit – die erforderlichen Konsequenzen ziehen werden“.

Die zweite Email ging dem Bericht zufolge an den damaligen Polizeichef Ralf Höhs, den damaligen Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium Jörg Muhlack und dessen Stellvertreterin Silke Detering. Auch hierein schrieb Trabs, dass er die Staatsanwaltschaft informiert habe. Und: Da es sich dabei „um den Vorsitzenden des Weißen Ringes HL handelt, der sehr gut vernetzt ist, könnte die Angelegenheit Wellen schlagen“.

Wollte Döring die Vorfälle verheimlichen?

Die Mails legen ebenfalls nahe, dass Döring Angst davor hatte, dass die Vorfälle an die Öffentlichkeit kommen. „Mit Minister a. D. Döring habe ich mich bereits persönlich ausgetauscht. Dort stellt man sich die Frage, wie man die Situation ,geräuschlos‘ bearbeiten kann. Ich habe klargemacht, dass das nicht die Angelegenheit der Polizei ist“, zitieren die „Lübecker Nachrichten“ aus der Mail an Höhs und Muhlack. Döring soll diese Aussage aber zurückgewiesen haben.

Die Ermittlungen in dem Fall hatte die Kieler Staatsanwaltschaft übernommen – allein schon, damit kein Verdacht entstehe, dass eine Nähe von Ermittlern und Verdächtigen vorhanden sei. Höhs und Muhlack sind im November ihrer Ämter als Polizeichef und Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium enthoben worden. Grund waren „Kommunikationsprobleme“, die der damals neue Innenminister Hans-Joachim Grote bemängelte.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen