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Günter Grass-Haus in Lübeck : Unveröffentlichte Tagebücher – Günter Grass' unbekannter Nachlass

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Im Nachlass des Mitte April verstorbenen Autors wurden Tagebücher gefunden. Und auch das Günter Grass-Haus in Lübeck zeigt bislang Unbekanntes vom Literaturnobelpreisträger.

shz.de von
erstellt am 24.Apr.2015 | 10:23 Uhr

Lübeck | Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat bislang unveröffentlichte Tagebücher hinterlassen. „Da ist noch Einiges zu erwarten“, sagte der Leiter des Günter Grass-Hauses in Lübeck, Jörg-Philipp Thomsa in einem Interview. Bis zuletzt habe Grass seiner Sekretärin aus Tagebüchern diktiert, die aus der Zeit um 1995 stammten. Damals war Grass von Berlin nach Lübeck gezogen. Diese Tagebücher habe Grass, der am 13. April im Alter von 87 Jahren starb, wohl noch veröffentlichen wollen, sagte der Museumschef. Die Nachlassverwalter müssten entscheiden, ob sie alle Tagebücher veröffentlichen. „Ich weiß nicht, ob Grass Sperrfristen vorgegeben hat“, fügte Thomsa hinzu.

Grass gilt als einer der weltweit bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart. Lebenslang schaltete er sich leidenschaftlich in gesellschaftspolitische Debatten ein. Gleich sein erster, 1959 erschienener Roman „Die Blechtrommel“ geriet zum Welterfolg. 40 Jahre später wurde Grass für sein Gesamtwerk mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Grass starb im April.

Rund 70 unbekannte Graphiken von Grass werden im Herbst in Lübeck erstmals öffentlich gezeigt. „Es handelt sich um Anfang der 1950er-Jahre entstandene Arbeiten, die 2014 in einem früheren Haus von Grass in Düsseldorf entdeckt wurden“, sagte Thomsa. Die Graphiken sind Thema einer Sonderausstellung, die am 4. Oktober in dem von der Kulturstiftung der Stadt Lübeck getragenen Grass-Haus - einem Forum für Literatur und bildende Kunst - startet.

Ein Museum wie das Günter Grass-Haus in Lübeck dürfte in Deutschland einzigartig sein. In einem erstmals im Jahre 1320 erwähnten Bürgerhaus in der Lübecker Altstadt gelegen, verwinkelt und behutsam mit moderner Architektur kombiniert: Den Innenhof schmücken Skulpturen von Grass - darunter ein Butt und Windhühner als Anspielungen auf literarische Werke des Literaturnobelpreisträgers und bildenden Künstlers.

Nach seinem Umzug von Berlin nach Lübeck 1995/1996 richtete Grass sein persönliches Sekretariat im zweiten Stock des Bürgerhauses mit typischer Altstadtfassade ein. „Das war der Nukleus“, sagt Thomsa. Im Jahre 2002, also drei Jahre nach dem 1999 verliehenen Nobelpreis, eröffnete die Stadt Lübeck im selben Haus das Museum - um neben dem Buddenbrookhaus für Thomas Mann auch für den zweiten Literaturnobelpreisträger der Hansestadt ein Forum zu schaffen.

Träger ist die Kulturstiftung der Stadt - also ein unabhängiges öffentliches Museum bereits zu Lebzeiten über einen Künstler, der im selben Haus sein privates Sekretariat hat. Fast jede Woche sei Grass, der eine halbe Autostunde entfernt am Rande des Dorfes Behlendorf lebte, gekommen, um Korrespondenzen oder Manuskriptarbeiten zu erledigen.

War es ein Segen oder ein Fluch, dass Grass im zweiten Stock eigene Räume hatte? Über diese Frage muss Thomsa schmunzeln, und antwortet „eindeutig ein Segen, aber es hat manchmal trotzdem Diplomatie erfordert...“ Die Chemie stimmte zwischen dem 35-Jährigen Germansiten und dem Literaturnobelpreisträger.

Die historische Bürgerhausfassade der Glockengießerstraße Nr. 21 verrät nicht, dass hier ein Museum ist, dafür aber eine beschriftete Glassäule davor und der Grass gewidmete Shop im Erdgeschoss. Jeder Besucher löst eine „Hördusche“ aus, Mario Adorf liest positive und negative Zitate über Grass: „Der Grass ist mir einfach zu wenig intelligent, um so dicke Bücher zu schreiben“ (der Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt , 1921-1990) oder „Was ist eigentlich das Allerpeinlichste an Günter Grass? Die polternde Selbstgewissheit“ (der Kieler Autor Dirk von Petersdorff (49)).

Jedes Jahr können Besucher aus mehr als einem Dutzend Vorschlägen ein Thema aussuchen, das als nächstes die Ausstellung bereichern soll. Nach der Sexualität im Werk von Grass sowie seiner Soldatenzeit - mit der erst spät öffentlich gemachten Mitgliedschaft in der Waffen-SS als 17-Jähriger kurz vor Kriegsende - läuft zurzeit die Abstimmung über das nächste Modul. Knapp vorn liegt „Grass und der Islam“ vor „Grass und die Ostsee“.

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