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Tiefe Risse: St. Petri wird mit Hochbrandgips saniert

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Experiment ist geglückt: Mörtel-Mischerin sorgt für die passende Farbnuance der Fugen

Noch verdecken Planen das Gerüst an der westlichen Backsteinfassade des 108 Meter hohen Kirchentums von St. Petri. In der Werkstatt der Lübecker Bauhütte ist man derweil fleißig: Dort wird eine spezielle Mörtel-Mischung für die beschädigten Fugen entwickelt. Im Frühjahr sollen die Arbeiten am Mauerwerk beginnen.

Derzeit rührt Magdalena Jakubek aus Toruń (Polen) in den Mörteleimern der Kirchenbauhütte. „Wir haben eine optische Anpassung durchgeführt. Dabei geht es um die Ästhetik des Farbtons und darum, wie wir ihn am besten anmischen können“, sagt die studierte Restauratorin, die einen mit Holzkohle eingefärbten Gipsmörtel entwickelt und dabei alle Grauschattierungen fest im Blick hat.

Mit diesem Spezialmörtel soll nun die Turmwestwand neu verfugt werden. Verfugen sei „eine kribbelige Sache“, meint Hüttenmeister Bernd Leinert zu dem Vorhaben, das Mauerwerk wieder instand zu setzen: „Der Mörtel muss sich mit dem Mittelalter vertragen und gleichzeitig praktisch anwendbar sein. Neben Farbe, Zusammensetzung und Festigkeit ist es unser Ziel, das Mauerwerk, welches durch eintretende Feuchtigkeit bereits erheblich gelitten hat, möglichst lang zu erhalten.“

Hochbrandgips heißt die geheimnisvolle Beimischung, welche die Fugen wieder schließen soll – und das auf Dauer. „Hochbrandgips ist bereits im 11. Jahrhundert eingesetzt worden und hat die letzten 850 Jahre eine gute Arbeit geleistet“, sagt Leinert. Hingegen hätten Ausbesserungen mit dem zehnmal günstigeren Kalkzementmörtel ihre Schwachstellen. Der Bauhüttenleiter vertraut deshalb auf die alte Traditon des atmungsaktiven Hochbrandgips: „Was einmal drin war, kommt auch wieder rein.“

Geschätzte 15  000 Kilogramm werden von dem mittelalterlichen Mörtel benötigt, um etwa 2000 Quadratmeter Fugen zu erneuern. „Das ist unser bisher größtes Projekt mit dieser Art von Gips“, sagt Leinert, etwa 40  000 Kolsterformatsteine und 4500 Formsteine werden verbaut. „Der alte Mörtel muss sich mit dem neuen vertragen und eine haftende Verbindung eingehen – im schlimmsten Fall fällt die Fuge raus“, erklärt Architekt Christoph Diebold, der am Ende für das Gelingen der Sanierung von St. Petri verantwortlich ist. Das lässt erahnen, weshalb es mit dem Gips ins Eingemachte geht und der Mörtelmix regelmäßig in Bremen genauestens unter die Lupe genommen wird. Die dort ansässige Materialprüfanstalt zeichnet sich durch eine gute Erfahrung mit Gipsmischungen aus.

Während im Zementmischer mit Hilfe von Granitsteinen die Holzkohle zunächst im großen Stil fein gemahlen wird, sollen kleinere Mengen für den weiteren Mischvorgang in luftiger Höhe bereit gehalten werden. Auf dem 4000 qm großen Gerüst wird dann Holzkohle, Hochbrandgips und Wasser zum Mörtelmix vermischt. Da dieser bestenfalls innerhalb von einer Stunde verarbeitet werden soll, ist das eine logistische Herausforderung. Um risikofreies Trocknen des Mörteils zu ermöglichen, wird das beschädigte Mauerwerk erst ab Frühjahr fachmännisch verbaut.

Bauende ist voraussichtlich Ende dieses Jahres. 2016 wird die Nord-West-Front saniert, im Folgejahr beginnen die Sanierungsmaßnahmen an der süd-westlichen Backsteinfassade. 2,8 Millionen Euro werden die Kosten für die drei Bauabschnitte betragen. Lübecker Bürger und Geschäftsleute haben im Rahmen der Aktion „Sieben Türme will ich sehen…“ bereits für Spenden in Höhe von nahezu 1,2 Millionen Euro gesorgt.



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