So arm sind die Lübecker wirklich

Sven Schindler
Sven Schindler

Umfangreiche Faktensammlung wird in Fachausschüssen und Bürgerschaft beraten

shz.de von
23. Juni 2014, 15:42 Uhr

Sozialsenator Sven Schindler und Claudia Schwartz, stellvertretende Leiterin des Bereichs Soziale Sicherung haben den dritten Armuts- und Sozialbericht der Hansestadt vorgelegt. Die Faktensammlung knüpft an den Stand von 2006 an und beschreibt die Entwicklung bis zum 31. Dezember 2012. Der Bericht verzichtet auf wertende Darstellungen und enthält auch keine Handlungsempfehlungen. Der rund 130 Seiten starke Bericht soll die im politischen Diskurs notwendige sachliche Basis bilden.

Schindler: „Ich würde mich freuen, wenn der Armuts- und Sozialbericht zu einer strategischen Auseinandersetzung über soziale Ungleichheit in Lübeck führt und durch eine gemeinsame Anstrengung der Politik und der sozialen Akteurinnen und Akteure zum Engagement und gezielten Handeln zum Wohle der Betroffenen in unserer Stadt beiträgt.“

Hier einige Ergebnisse: Im Zuge der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes sinkt die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse. Dagegen nehmen Teilzeitarbeit und andere atypische Beschäftigungsverhältnisse wie Leiharbeit und geringfügige Beschäftigung an Bedeutung zu. Rund 43 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse sind atypisch. Von 2008 bis 2012 hat sich der Anteil der Teilzeitbeschäftigten an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in t Lübeck um 34 Prozent erhöht. Der Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung (+6,3 Prozent) und die Abnahme der Arbeitslosigkeit
(-2,2 Prozent) gründen ganz wesentlich auf den Ausbau der Teilzeitbeschäftigung. Rund 28 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Lübeck waren 2012 Teilzeitbeschäftigte. Etwa 79 Prozent der Teilzeitbeschäftigten sind Frauen.

Durch die Ausweitung atypischer Beschäftigungsverhältnisse, geraten zunehmend mehr Erwerbstätige in Abhängigkeit staatlicher Fürsorgeleistungen. 2012 waren rund 30 Prozent der ALG II-Bezieher nicht arbeitslos, sondern erwerbstätig. 2006 lag der „Aufstocker“-Anteil rund 40 Prozent niedriger. Auch deswegen ist die Zahl der erwerbsfähigen ALG II-Bezieher – trotz sinkender Arbeitslosigkeit – nur mäßig von 22732 (in 2006) auf 20282 Personen zurückgegangen.

Insgesamt hat sich die Zahl der SGB II-Leistungsbezieher (inklusive Kinder) um elf Prozent auf 28 000 reduziert, ist die Hartz IV-Quote (SGB II Leistungsbezieher pro 100 Einwohner unter 65 Jahre) von 18,8 auf 16,9 Prozent gesunken. Zurückzuführen sei das auf die Zunahme der Beschäftigung und auf Reformen des Kindergeld- und Wohngeldgesetzes, die es erwerbstätigen einkommensschwachen Familien ermöglichen, aus dem Hartz IV Leistungsbezug auszusteigen. Die Zahl der Haushalte, die Wohngeld beziehen, ist von 2006 bis 2012 um fast ein Drittel von 2998 auf 3976 gestiegen.

Fast die Hälfte der Rentner in Lübeck beziehen Renten, die unterhalb des Existenzminimums liegen. Von 2006 bis 2012 ist die Zahl der Bezieher von Grundsicherung im Alter um fast 40 Prozent auf 2600 Personen gestiegen. Die Grundsicherungsquote der über 65-Jährigen erhöhte sich von 3,9 auf 5,2 Prozent und lag damit über dem s Landesdurchschnitt von 2,8 Prozent.

Familien und Haushalte mit Kindern sind besonders armutsgefährdet. Auch deswegen konzentriert sich die Armut der erwerbsfähigen Bevölkerung Lübecks hauptsächlich auf die kinderreichen Wohnquartiere. Zwar ist die Hartz IV-Quote in Moisling und Buntekuh etwas gesunken, mit 35,9 bzw. 31,9 Prozent beide aber immer noch ganz oben auf der innerstädtischen Rangliste der Armutsverteilung.


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