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Lübeck

23. November 2017 | 14:18 Uhr

„Schreibstube der Hanse“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Dokumente aus dem Lübecker Archiv sollen für die Liste des Unesco-Weltdokumentenerbes nominiert werden

Verwaltungen produzieren viel Papier. Schon vor 600 Jahren hat die Hanse jede Menge Dokumente hervorgebracht. Heute lagern sie im Lübecker Archiv. Ein kleiner Teil davon ist für das Weltdokumentenerbe der Unesco nominiert. Das Gedächtnis der Hansestadt Lübeck umfasst 6500 Regalmeter und lagert in grauen Stahlregalen. Doch in den großen und kleinen Archivboxen verbergen sich ungeahnte Schätze. Darunter sind auch viele Urkunden zu rund 500 Jahren Geschichte der Hanse. 17 davon haben Archivdirektor Jan Lokers und Kollegen aus anderen ehemaligen Hansestädten zur Aufnahme ins Weltdokumentenerbe der Unesco vorgeschlagen. „Diese Dokumente sollen veranschaulichen, was die Hanse eigentlich war“, sagt Lokers.

Dazu haben Lokers und seine Kollegen fünf besonders charakteristische Dokumentengruppen ausgewählt. „Dazu gehören die Hanse-Rezesse, Ergebnisprotokolle der Hansetage, die allen Teilnehmern per Boten zugesandt wurden“, sagt Lokers. Auch die „Privilegien“ genannten Verträge, die Hansekaufleuten Handelsrechte einräumen, gehören dazu.

Besonders prächtig gestaltet ist das Privileg des englischen Königs Edward VI. aus dem Jahr 1547. Darin bestätigte der erst neun Jahre alte König den Hansestädten sämtliche von seinen Vorgängern gewährten Privilegien. „Lübeck war quasi die Schreibstube der Hanse“, sagt Lokers. Das erkläre auch, warum hier so viel mehr Unterlagen lagerten, als in anderen ehemaligen Hansestädten. Dennoch stammen die 17 für das Unesco-Programm „Memory of the World“ (deutsch: Gedächtnis der Menschheit) vorgeschlagenen Urkunden nicht nur aus Lübeck, sondern auch aus Archiven in Belgien, Estland, Lettland und Polen. Das Programm besteht seit 1992. Alle zwei Jahre dürfen die Mitgliedsstaaten zwei neue Dokumentenpakete zur Aufnahme vorschlagen - einzeln oder auch länderübergreifend wie im Fall der Hansearchivalien.

Die haben die erste Hürde bereits genommen. „Das deutsche Nominierungskomitee hat den Vorschlag geprüft und an die Unesco nach Paris weitergeleitet“, sagte die Sprecherin der Deutschen Unesco-Kommission, Katja Römer. Voraussichtlich Ende 2019 werde dann ein internationales Beratergremium eine Empfehlung abgeben. Weitere deutsche Vorschläge sind laut Römer die mittelalterliche Liederhandschrift „Codex Manesse“ und der Behaim-Globus, der weltweit älteste erhaltene Erdglobus. Doch im Lübecker Archiv lagern nicht nur Dokumente zur Hanse. „Wir haben rund 11 000 mittelalterlichen Urkunden im Bestand, 10 000 Testamente seit 1280 bis heute, Familien-, Firmen- und Vereinsarchive“, zählt Lokers auf. Dazu kommen Amtsbücher, Akten, Landkarten, Pläne und Münzen aus rund 850 Jahren Stadt- und Staatsgeschichte, denn Lübeck war bis 1937 ein Stadtstaat. „Und wir bekommen ständig neues Material hinzu. Die Stadtverwaltung bietet uns jedes Jahr 500 bis 600 Meter Akten an, von denen wir etwa fünf Prozent übernehmen,“ sagt er. Klar, dass es da in den fünf Magazinen und zwei Außenstellen des Archivs eng wird. Aber einen Teil der Archivalien auszusortieren und wegzuschmeißen, wie es ein Kommunalpolitiker vor einigen Jahren mal vorschlug, kommt für den Archivdirektor nicht infrage. „Das wäre kulturelle Barbarei“, sagt er. Auch die Digitalisierung wäre in seinen Augen kein Ausweg, da auch digitale Daten und Datenträger nicht ewig hielten. „Optimal wäre eine Datenspeicherung auf DNA, aber das ist noch weitgehend Zukunftsmusik“, sagt Lokers.

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