„Saalam Lübeck“ öffnet Herzen

„Islam“ bedeuten die Zeichen an der Wand, geschrieben von der Lübecker Kaligrafin Melda Yazici (19). Die Ausstellung zeigt weitere ihrer Arbeiten.
„Islam“ bedeuten die Zeichen an der Wand, geschrieben von der Lübecker Kaligrafin Melda Yazici (19). Die Ausstellung zeigt weitere ihrer Arbeiten.

Eine Ausstellung in der Kunsthalle St. Annen gibt tiefen Einblick in den Alltag der 13 000 Muslime, die in der Hansestadt leben

shz.de von
15. Mai 2015, 16:27 Uhr

„Der Islam gehört zu Deutschland.“ Als Bundespräsident Christian Wulf dies 2010 in seiner Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit konstatierte, war das sogenannte Anwerbeabkommen der Bundesrepublik mit der Türkei schon 49 Jahre alt. Aber noch heute fremdeln viele christlich geprägte Deutsche mit ihren muslimischen Nachbarn. Von denen leben etwa 13  000 in der Hansestadt, sie haben ihre Wurzeln in 16 Ländern. Nun gibt die renommierte Kunsthalle St. Annen Einblick in deren Kultur und deren Alltag.

„Saalam Lübeck“, begrüßt die Ausstellung ihre Besucher. An die 100 Muslime aus Lübeck haben an dieser Schau mitgewirkt, haben Dinge ihres Lebens, Geschichten und Gedanken beigesteuert, erklärt Kuratorin und Leiterin der Völkerkundesammlung Brigitte Templin, die die Schau mit rund 100 Exponaten der ansonsten verschlossenen Völkerkundesammlung ergänzt. Ihr „ganzer Stolz“ ist dabei das Straßen-Außenfenster des 1942 weitgehend zerstörten „Kairoer Zimmers“ aus dem 17./18. Jahrhundert, das für die Ausstellung restauriert wurde. Damit ist der Kuratorin und ihren Mitstreitern eine sehr besondere Schau gelungen. „Innenansicht“ nennt Brigitte Templin diese: Der Blick auf Muslime und den Islam fällt nicht kühl von außen, vielmehr öffnen sich 16 Menschen.

Unter Glas arrangiert sind Dinge des täglichen Gebrauchs, Utensilien zur Kaffeebereitung, Datteln, ein Kopftuch und – staunenswert genug – eine pralle Wassermelone. Zu jedem Glaskasten gehört eine Geschichte. Die zur Wassermelone weiß davon zu berichten, wie das einstige Anwerbeabkommen das Lübecker Leben verändert und vielfach bereichert hat: In den 1960er Jahren hatte ein Gastarbeiter seiner Vermieterin eine Wassermelone aus seiner Heimat mitgebracht – ein damals offenbar noch exotisches Gemüse, denn die Hauswirtin verkochte es zu Suppe. In der Geschichte zum Kopftuch geht es um Freiheit und Zugehörigkeit.

Eine Geschichte hat auch die 19 Jahre alte Lübeckerin Melda Yazici zu erzählen, die sich bei einem Besuch in Istanbul so von der Kunst der Kalligrafie faszinieren ließ, dass sie sich zur Kalligrafin ausbilden ließ. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl ihrer Arbeiten und verweist zugleich auf die lange Tradition des schönen Schreibens, am beeindruckendsten in einem 469 Jahre alten handgeschriebenen Koran aus dem Iran. Sein Besitzer habe das prachtvolle Werk erst nach langem Überlegen aus dem Haus gegeben, sagt die Kuratorin.

Am stärksten ist die Ausstellung, wo sie die individuellen Facetten der Menschen zeigt. Muslime, die bereits in dritter Generation in Lübeck leben, stehen neben Menschen, die erst kurz hier sind, tief religiöse neben gläubigen und lediglich kulturell dem Islam verbundenen, der Arbeiter aus Marokko neben dem Gemüsehändler aus der Türkei und den Schülern aus Thailand. Schwarzweiß-Porträts von muslimischen Lübeckern, aufgenommen vom Fotografen Arne Wesenberg, zeigen Menschen an Plätzen, die für sie von Bedeutung sind: Zimmer sind dabei, Gebäude, ein Lübecker Löwe. Farbaufnahmen von Selman Parlak zeigen Spuren muslimischen Lebens in der Stadt, zwei vor stolz und Freude strahlende Jungen darunter; Parlak hat sie während ihrer Beschneidungsfeier fotografiert. Grabsteine sind auf anderen Aufnahmen zu sehen und dokumentieren ein muslimisches Problem: In Deutschland ist keine Dauerhaftigkeit der letzten Ruhestätte garantiert, deshalb verfügen die allermeisten Muslime ihre Beisetzung im Land ihrer Vorfahren.

Neun Orte muslimischen Glaubens werden vorgestellt, Kopfbedeckungen, für Männer Pflicht, berichten von religiösen Regeln, eine Koranschule ist mit Kücknitzer Bänkchen nachgestellt. In diesem Raum deutet die Ausstellung mit der „Muslimschule“ des Togolesischen Metallkünstlers Didie A. Ahadsi (Jahrgang 1970) über die lokalen Grenzen hinaus.


>„Salaam Lübeck. Muslimisches Leben in der Hansestadt.“. Zu sehen bis zum 18. August 2015 in der Lübecker Kunsthalle St. Annen (Museumsquartier), St. Annen-Straße 15. Infos zu Terminen und Begleitprogramm unter www.mq-st-annen.de


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