Dirigentin in Lübeck : Romely Pfund: Die Frau am Pult

Romely Pfund bespricht mit dem Pianisten Mikkel Møller Sørensen aus Dänemark während der Generalprobe zu „Der Operndirektor“ die Noten.
Romely Pfund bespricht mit dem Pianisten Mikkel Møller Sørensen aus Dänemark während der Generalprobe zu „Der Operndirektor“ die Noten.

Frauen am Dirigentenpult sind immer noch die Ausnahme. In Lübeck schwingt Romely Pfund den Taktstock.

shz.de von
24. Mai 2015, 11:43 Uhr

Lübeck | Romely Pfund ist Dirigentin – und damit eine Ausnahme. Der Mensch am Pult ist nämlich auch im 21. Jahrhundert zu mehr als 90 Prozent männlich. Am Lübecker Theater arbeitet sie jetzt am Zweiakter „Der Operndirektor“ und leitet auch damit etwas Besonderes, denn die Opera buffa ist eine Koproduktion des Theaters mit der Musikhochschule Lübeck, bei der jungen Sängerinnen und Sängern die Bühne bereitet wird. Gestern feierte das flotte Stück Premiere.

Vater und Großvater Musiker, Mutter Solotänzerin: Wenn ihr Weg der vorgegeben war, dann doch breit ausgetreten. Romely Pfund, 1955 in Dresden geboren, ist mit Musik und Bühnenkunst aufgewachsen. „Ich habe meine Jugend bei der Mutter im Theater und beim Vater im Orchester verbracht“, sagt sie. Auch die Lust aufs Dirigieren habe sie zeitig verspürt: „Ich habe mich immer dafür interessiert, den Ton anzugeben.“ Sie lacht. Aber natürlich geht es um viel mehr als den Spaß am Chef-Sein.

Der Weg ans Pult ist für Frauen wie für Männer lang; der ihre führte über das Studium (Klavier und Dirigieren) in ihrer Heimatstadt Dresden, als Kapellmeisterin in die Altmark und nach Dessau, in Meisterkursen unter anderem bei Kurt Masur und in den Dirigentenkurs in Tanglewood, USA bei Leonard Bernstein, Seiji Ozawa und Gennadi Roshdestwenski. Sie war Generalmusikdirektorin der Neubrandenburger Philharmonie, leitete das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, gastierte an der Komischen Oper Berlin, der Deutschen Oper am Rhein, war Generalmusikdirektorin der Bergischen Symphoniker, arbeitete als Operndirektorin und Musikalische Oberleiterin am Landestheater Neustrelitz. Seit 2013 ist sie Dozentin an der Musikhochschule Lübeck, hier betreute sie diverse Opernprojekte.

Als Frau am Pult ist sie ein weißer Rabe. Von Marin Alsop bis Simone Young hat der inzwischen auch im Internet verfügbare Europäische Dirigentinnenreader (www.dirigentinnen.de) etwas mehr als 90 Frauen zusammengetragen – nicht viel in der Musikwelt, die ansonsten reichlich weibliche Stars hervorbringt. Der musikalische Chefposten ist noch immer Männerdomäne. Warum? „In Deutschland ist schon die Studiendauer eindeutig frauenfeindlich“, sagt Romely Pfund und meint insbesondere eine systemimmanente Familienfeindlichkeit. „Mindestens zehn Jahre braucht man am Pult, um als Dirigent ernst genommen zu werden. Und ein ganzes Leben lang muss man lernen, lernen, lernen. Da tut sich ein riesiges Aufgabengebiet auf.“ Und man muss die Kraft haben, sich durchzusetzen. Für Kinder sei da fürs Erste kaum Platz. Sie selbst hat zwei, einen Sohn und eine Tochter. Allerdings: „Als die zur Welt kamen, war ich schon Chef.“

Doch die Frauen werden aufholen, da ist Romely Pfund sicher. „Es gibt viele Studentinnen, und es gibt Dirigentinnen wie Simone Young, die als Intendantin und Generalmusikdirektorin der Hamburgischen Staatsoper andere Dirigentinnen einlädt.“ Ein Feld für Festivals tue sich auch auf, „und beispielsweise auch für Rundfunkorchester“, sagt Romely Pfund. Für sie selbst, gesteht sie ein, sei die Frauenfrage selten Thema gewesen.

Im Brennpunkt steht die Lust am Machen und die Neugierde auf unbekannte musikalische Welten. Sie hat mit den Jazz-Musikern Albert Mangelsdorff, Rolf Kühn, mit Peter Herbolzheimer und dem Bundesjazzorchester gearbeitet, auch mit Markus Stockhausen und seiner Band. „Es gibt Kollegen, die das ablehnen“, sagt Romely Pfund, „aber ich habe in Städten gearbeitet, in denen man um das Publikum werben musste. Es hat sich gelohnt, das Publikum strömte geradezu, und es kamen Menschen aus allen Schichten.“

Auch mit Studenten hat sie gearbeitet, entsprechend erfahren packt sie die Lübecker „Operndirektor“-Koproduktion an. Dass die jungen Sängerinnen und Sänger allesamt gut bei Stimme sind – und bei den Anforderungen des Stückes auch sein müssen – und die Studenten im Orchester hervorragende Instrumentalisten, steht außer Frage. Allerdings fehlt ihnen die Routine. „Studenten brauchen einfach länger als die Profis“, sagt die Dirigentin. „Bühnenerfahrung“, sagt sie, „ist das A und O.“

„Der Operndirektor“ – weitere Aufführungen sind am 10. und 16. Juni, jeweils 20 Uhr. Theater Lübeck. Theaterkasse: 0451/399600.

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