zur Navigation springen

„Nicht der Weisheit letzter Schluss“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Lübecker Pastor Sönke Lorberg-Fehring über den Wert der Seelsorge – und über die Suche nach einer neuen Sicht des Menschen

Top-Thema Seelsorge? Für Dr. Sönke Lorberg-Fehring, Pastor in der Lübecker Bodelschwingh-Gemeinde, ist Seelsorge wichtig. Heute referiert er in der Domgemeinde unter der Überschrift „Seelsorge als neues Sehen“. Beginn ist um 16 Uhr im Gemeindehaus am Mühlendamm. Warum Seelsorge wichtig ist, wieso er sie als großes Geschenk erlebt und warum 100 Jahre nichts ausmachen, erzählt er im Interview.

Seelsorge – was ist das?
Sönke Lorberg-Fehring: Seelsorge ist die Sorge um den Menschen als Seele. In der Seelsorge versuchen wir, den Menschen als Ganzes zu sehen. Seele meint dabei die ‚Ganzheit‘ des Menschen. Deswegen ist Seelsorge zuallererst auch eine Seh-Kunst. Indem wir in den Seelsorge von unseren menschlichen Urteilen und – vor allem! – Vorurteilen absehen und versuchen, den Menschen so zu sehen, wie Gott ihn sieht: Erlöst. Solche Art von Seelsorge ist aber keine Kunst, die vom Himmel fällt. Seelsorge kann man lernen.

Warum ist Seelsorge so wichtig?
Ich empfinde es als großes Geschenk, mir immer wieder klar zu machen, dass mein Blick auf mich selbst und auf andere nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Wenn ich versuche, Menschen auch aus den Augen Gottes zu sehen, entdecke ich jedes Mal neue Aspekte, neue Facetten. Deswegen ist für mich ein seelsorgerlicher Blick auf die Welt auch immer ein ‚Mehrwert-Blick‘. Denn Seelsorge zeigt neue Möglichkeiten im Leben auf und sucht danach, den eigenen Horizont immer wieder zu überschreiten.

Sie konzentrieren sich in ihrem Vortrag auf Eduard Thurneysen. Wer ist das?
Eduard Thurneysen ist ein Theologe aus der Schweiz, 1888 geboren, 1974 gestorben. Er war der engste Freund Karl Barths, einer der Begründer der ‚Bekennenden Kirche‘. Zusammen haben sie nach dem Ersten Weltkrieg die Dialektische Theologie entwickelt. Barth hat sich dabei auf die Systematische Theologie konzentriert und Thurneysen auf die Praktische. Seinen seelsorgerlichen Ansatz hat Thurneysen „Neues Sehen“ genannt.

Neues Sehen – was bedeutet das?
Die Kriegsbegeisterung seiner theologischen Lehrer hat Thurneysen schockiert. Deswegen konnte er nicht so weiter machen wie bisher. Er hat nach einer neuen Sicht des Menschen gesucht. Gefunden hat er sie im Expressionismus und bei Dostojewski. Ihre Sichtweise des Menschen hat er theologisch verarbeitet. Daraus ist das „Neue Sehen“ entstanden.

Das ist alles 100 Jahre her …
… und so aktuell, als wäre es gestern gewesen. Der Erste Weltkrieg hat Thurneysen gezeigt, dass Idealismus und Humanität nur dünne Schichten sind. Sie kann schnell aufbrechen und das Schreckliche im Menschen wird sichtbar. Das gilt heute genauso wie damals. Das muss man in der Seelsorge mitdenken. Seelsorge rechnet also mit dem Guten wie mit dem Bösen im Menschen. Indem Seelsorge beides aushält, eröffnet sie neue Wege und Sichtweisen auf sich selbst, die Welt und Gott.

zur Startseite

von
erstellt am 27.Jan.2014 | 14:40 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen