Prozess gegen 30-Jährigen in Lübeck : Mutter mit Geflügelschere erstochen: Angeklagter war wie im Rausch

Der Angeklagte wird in den Saal geführt. Der erste Prozess platzte.
Der Angeklagte wird in den Saal geführt. Der erste Prozess platzte.

Nachdem der erste Prozess an einem Formfehler scheiterte sagte am Mittwoch die Großmutter gegen den 30-Jährigen aus.

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24. Januar 2018, 08:10 Uhr

Lübeck | Im zweiten Anlauf hat am Mittwoch in Lübeck der Prozess um einen blutigen Familienstreit mit tödlichem Ausgang begonnen. Einem 30 Jahre alten Mann wird vorgeworfen, im Juli 2017 im Streit seine Mutter erstochen und seine Großmutter lebensgefährlich verletzt zu haben. Die heute 79 Jahre alte Großmutter sagte aus, ihr Enkel habe wie im Rausch auf seine Mutter eingestochen. Um ihn zu stoppen, habe sie ihm mit einer Bratpfanne auf den Kopf geschlagen, sagte die Zeugin, die seit dem Vorfall auf einem Auge blind ist.

Der Angeklagte, dem Totschlag und versuchter Totschlag vorgeworfen werden, sagte aus, er könne sich kaum an die Tat erinnern. Ein erster Prozess gegen ihn war vor rund zwei Wochen wegen eines Formfehlers geplatzt.

Das war geschehen:

André K., gelernter Dachdecker aus Lübeck, soll seine Mutter mit einer Geflügelschere erstochen haben. Und er hätte vermutlich auch seine Oma damit getötet, wenn die ihn nicht mit einer Bratpfanne kampfunfähig geschlagen hätte. Das Familiendrama war damit aber noch nicht vorbei, sondern forderte ein weiteres Todesopfer – der bettlägerige Vater des Angeklagten kam nach der Bluttat in ein Pflegeheim, erstickte dort zwei Monate später. Und ohne Frage wurden viele Seelen zerstört: Die drei Kinder von André K. können nicht fassen, dass ihr Papa ein Mörder ist.

Beim ersten Prozess am 9. Januar ließ André K. das Gericht erst einmal nach seiner Pfeife tanzen. Ihm ist die Ladung zum Prozess nicht fristgerecht zugestellt worden. Er bekam sie erst sechs Tage vorher – sieben hätten es sein müssen. Die Vorsitzende Richterin Helga von Lukowicz erklärte: „Die Kammer ist wegen des neuen Geschäftsverteilungsplans erst seit dem 1. Januar zuständig, die Ladung konnte also frühestens am 2. Januar rausgehen.“ Der Prozess könne trotzdem fortgesetzt werden, wenn der Angeklagte damit einverstanden sei, sagt sie damals.

Aber das war er nicht, auch nicht nach Beratung mit seinem Rechtsanwalt. „Glücklich bin ich mit der Situation nicht“, sagte Hans-Jürgen Wolter auf dem Gerichtsflur. Und fügt dann hinzu: „Es ist eine große Familientragödie, für meinen Mandanten geht es um viel. Deshalb will er Zeit für ein Gespräch mit einem weiteren Sachverständigen. Denn er war durch Drogen und seine psychischen Probleme so beeinträchtigt, dass er keine konkrete Erinnerung mehr an diesen Abend hat.“

Dieser Abend, das war der 14. Juli 2017. André K. hatte Mutter Iris K. (51) besucht. Warum es mit ihr zum Streit kam, ist unklar. Freunde der Familie sagten, André K. habe Geld gebraucht, um zu seiner Lebensgefährtin nach Riga (Lettland) zu fahren. Doch der Rechtsanwalt betonte, sein Mandant habe den pflegebedürftigen Vater wohl grob behandelt. Bodenleger Andreas K. (53) war nach einem Herzinfarkt vor zehn Jahren reanimiert worden, litt seitdem an einer irreparablen Hirnschädigung.

14. Juli 2017: Bestatter tragen die Leiche von Iris K. aus dem Einfamilienhaus in der Straße Am Teichberg in Lübeck.
Holger Kröger
14. Juli 2017: Bestatter tragen die Leiche von Iris K. aus dem Einfamilienhaus in der Straße Am Teichberg in Lübeck.
 

Im Streit mit der Mutter habe der Angeklagte zunächst mit den Fäusten auf sie eingeschlagen, hieß es in der Anklage wegen Totschlags und versuchten Totschlags, die noch vor dem Konflikt um den Formfehler verlesen wurde. „Dann holte er aus der Küche eine Geflügelschere und stach auf Kopf, Brust, Bauch und Rücken der Mutter ein“, sagte Staatsanwalt Nils-Broder Greve. Iris K. starb durch einen Stich ins Herz. Als die Großmutter, die im selben Haus lebte, aufwachte und ihrer Tochter zur Hilfe eilte, soll André K. auch sie zu Boden geschlagen und dann 20 mal mit der Geflügelschere auf sie eingestochen haben. Der Staatsanwalt: „Danach wendete sich der Angeklagte wieder der bereits toten Mutter zu. Diese Gelegenheit nutzte die Großmutter, um ihrem Enkel eine Bratpfanne auf den Kopf zu schlagen.“

André K. sackte bewusstlos zusammen. Oma Christina W. (78) soll trotz ihrer schweren Verletzungen die Nachbarn alarmiert haben, die dann die Polizei riefen. Die alte Dame lag nach der Tat sechs Tage auf der Intensivstation, überlebte, auf einem Auge durch die Stiche mit der Geflügelschere erblindet. Sie ist nun Nebenklägerin und hätte am 9. Januar als Zeugin aussagen sollen. Ihr Rechtsanwalt, Frank-Eckhard Brand, erklärte: „Für sie ist die Aussetzung der Hauptverhandlung ein Desaster. Sie hat sich auf diesen Tag vorbereitet, was ihr nicht leicht gefallen ist, denn die Aussicht, noch einmal über diesen Abend reden und ihren Enkel sehen zu müssen, belastet sie sehr.“

Die Verlesung der Anklage verfolgte André K. ohne Regung, strich sich nur ab und zu durch seinen Bart. Er ist der Alleinerbe des Familienvermögens, wurde aber wegen seiner psychischen Auffälligkeit unter Betreuung gestellt. Er hat zwar Dachdecker gelernt, aber nie in dem Beruf gearbeitet, bezog Hartz IV. Allenfalls half er mal am Marktstand seiner zweiten Großmutter. „Eine latente Aggressivität war schon immer in ihm“, sagte eine Bekannte. „Warum sie sich gegen seine Mutter gerichtet hat, können wir alle nicht verstehen. Sie hat ihn immer aus allem rausgeholt, stand immer an seiner Seite.“

mit dpa

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