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Prozess in Lübeck : Mord an Rentnerin – Gutachter sieht volle Schuldfähigkeit des Angeklagten

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Der Mann soll sein Opfer erstickt haben. Er war bereits in der Vergangenheit auffällig und ist zudem drogenabhängig.

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erstellt am 24.Mai.2017 | 17:29 Uhr

Lübeck | Im Prozess um den Mord an einer Lübecker Rentnerin hat ein psychiatrischer Gutachter dem Angeklagten volle Schuldfähigkeit bescheinigt. Der 48-Jährige habe zwar eine dissoziale Persönlichkeit, sei aber zur Tatzeit in vollem Umfang einsichts- und steuerungsfähig gewesen, sagte der Gutachter am Mittwoch vor dem Landgericht. Zuvor hatte eine Gerichtsmedizinerin bestätigt, dass das Opfer mit einem Kissen oder einer Decke erstickt wurde. Hinweise auf ein Sexualverbrechen habe sie nicht gefunden.

Dem Angeklagten wird vorgeworfen, die 85-Jährige am 24. August 2014 getötet zu haben, nachdem die Frau ihn bei einem Einbruch in ihr Haus überrascht hatte. Was genau bei dem Einbruch gestohlen wurde, blieb auch am Mittwoch unklar. Ihre Tante habe immer sehr viel Schmuck getragen, sagte eine Nichte der 85-Jährigen. Mit Sicherheit konnte sie aber nur sagen, dass eine lange goldene Kordelkette und ein Ring verschwunden seien. Auch Bargeld und EC-Karten seien nicht mehr da gewesen, sagte sie.

Die Nichte und auch der 79 Jahre alte Bruder der Ermordeten schilderten die 85-Jährige als vorsichtig, aber auch offen und herzlich. „Sie war eigentlich zu jedem erstmal freundlich und offen“, sagte die Nichte. Vertrauensselig sei die alte Dame, die in sehr guten finanziellen Verhältnissen lebte, aber nicht gewesen, erklärten die Zeugen übereinstimmend.

Der Angeklagte schweigt bisher zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Auch von dem psychiatrischen Sachverständigen ließ er sich nicht untersuchen. Für sein Gutachten habe er deshalb auf ältere Gutachten aus früheren Verurteilungen zurückgreifen müssen, sagte der Sachverständige. Daraus gehe hervor, dass der Angeklagte schon früh durch Entwicklungsverzögerungen, Schulschwänzen, Drogenkonsum und Straftaten aufgefallen sei. „Wenn es ihm nicht gelingt, seine Drogensucht unter Kontrolle zu bringen, sind weitere rechtswidrige Taten zu erwarten“, erklärte der Gutachter und regte die Unterbringung in einer Entzugsklinik an.

Der Prozess wird am 15. Juni fortgesetzt. Da die Verteidigerin für diesen Termin mehrere Anträge angekündigt hat, ist noch nicht klar, wie es weitergeht. Ein Urteil soll möglicherweise erst Ende Juli verkündet werden.

Unsere Chronologie zeigt den Gang der Geschehnisse im Lübecker Mordfall:

24. August 2016

Eine 85-jährige Rentnerin wird von ihrem Lebensgefährten tot in ihrem Bungalow im Lübecker Stadtteil Buntekuh gefunden. Schnell ist klar, dass es sich um ein Tötungsdelikt handeln muss. Die Leiche der Frau war entkleidet worden, ihr Körper wurde mit Zucker bestreut und mit einer unbekannten Flüssigkeit begossen. Die groß angelegten Ermittlungen hatten in dem Stadtteil für erhebliche Unruhe gesorgt. 

15. September 2016

Drei Wochen nach dem gewaltsamen Tod der Rentnerin nimmt die Polizei damals einen 46-jährigen Tatverdächtigen fest. Der Mann stehe im Verdacht, die Frau erstickt zu haben, um sie zu berauben, heißt es vonseiten der Staatsanwaltschaft. DNA-Spuren am Tatort brachten die Polizei auf die Fährte des Tatverdächtigen.

In den Tagen vor dem Mord hatte der Mann zusammen mit einem Bekannten die Terrasse und die Auffahrt des Hauses mit einem Hochdruckreiniger gesäubert – für mehr als 2000 Euro.

3. Februar 2017

Gegen den inzwischen 47 Jahre alten Tatverdächtigen wird Anklage erhoben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord in Tateinheit mit Raub mit Todesfolge vor. Er soll die Terrassentür zum Bungalow des Opfers mit einem Stein eingeschlagen haben, um ins Haus zu gelangen. Als ihm bei der Suche nach Wertgegenständen die vermutlich durch den Lärm aufgeschreckte Hausbesitzerin entgegenkam, soll er sie in das Schlafzimmer zurückgedrängt und erstickt haben.

28. März 2017

Beim Prozessauftakt verweigert der Angeklagte jegliche Aussage. Warum das Opfer entkleidet und mit Zucker bestreut wurde, wirft Fragen auf. „Dieses Vorgehen ist sehr rätselhaft. Möglicherweise haben auch sexuelle Motive eine Rolle gespielt“, sagte der Anwalt der Nebenklage, Oliver Dedow.

Die Aussage der Staatsanwältin, die bei der Vorführung des Angeklagten zugegen war, belastet den 47-Jährigen zusätzlich. Demnach habe dieser in einem Telefonat mit seiner Mutter gesagt „Das war's für mich, der R. hat eine Aussage gemacht.“ Tatsächlich seien es unter anderem die Aussagen des Zeugen R. gewesen, die den dringenden Tatverdacht gegen den Angeklagten geführt hätten. Dieser gab vor Gericht jedoch an, er könne sich an seine Aussage nicht mehr erinnern. Ein Schlaganfall habe sein Gedächtnis beeinträchtigt.

31. März 2017

Der Lebensgefährte des Opfers sagt vor Gericht als Zeuge aus. Er berichtet, dass am Abend vor dem Mord einer der beiden Handwerker, die in den Tagen davor die Terrasse der 85-Jährigen gesäubert hatten, unter einem Vorwand bei der Frau geklingelt hatte. Es wird davon ausgegangen, dass das Opfer vom Tatverdächtigen ausgespäht wurde.

17. Mai 2017

Ein Gutachter bestätigt, dass es sich bei der Substanz auf dem Leichnam des Opfers um Rohrzucker handelt. Über den Hintergrund konnte auch er keine Angaben machen.

Weitere Zeugen belasten den Angeklagten. Demnach habe er versucht, einem Bekannten Schmuck zu verkaufen – Schmuck wurde auch aus dem Haus des Opfers entwendet. Andere Bekannte des 47-Jährigen berichten, dass der Angeklagte nervös wurde und überstürzt aufgebrochen sei, als das Gespräch auf den kurz zuvor bekanntgewordenen Mord kam.

Mit dpa

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