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Internationaler Hansetag : Ins Spätmittelalter mit dem Lübecker Hansevolk

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Rechentuch statt Computer, Fässer statt Container und an der Hose Schnüre statt Reißverschluss: Beim Hansetag in Lübeck spielt der Verein Hansevolk das Wirtschaftsleben im Mittelalter nach.

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erstellt am 02.Mai.2014 | 10:05 Uhr

Lübeck | Im richtigen Leben sind sie Speditionsfachleute, Unternehmensberater, Chemielaborantin oder Verkehrspsychologin. Doch an den Wochenenden verwandeln sie sich in Fernhandelskaufleute, Schankwirte, Söldner und Ablassprediger. Die Mitglieder des „Lübecker Hansevolks“ haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben der Lübecker Stadtbevölkerung im Spätmittelalter möglichst authentisch darzustellen. Ihren großen Auftritt werden die rund 40 Mitglieder der Gruppe beim Internationalen Hansetag vom 22. bis zum 25. Mai in Lübeck haben. Dann wollen sie drei Tage lang rund um den Lübecker Dom die Zeit zwischen 1450 und 1500 wieder lebendig werden lassen.

„Hier, edle Frau, seht diesen schönen Rosenkranz aus hellen und dunklen Bernsteinperlen“, preist die Kauffrau Engelke van Soest ihre Kostbarkeiten an. „Der Bernstein kommt aus Nowgorod und nur unsere Lübecker Paternostermaker dürfen daraus Rosenkränze herstellen“, fährt sie fort. Während des Hansetages wird sich das Areal rund um den Dom in einen Handelsplatz verwandeln, wo die Lübecker Fernhandelskaufleute ihre Kontore aufbauen.

„Es wird Handelsniederlassungen von vier Kaufmannsfamilien geben, die Handel mit Nowgorod, Brügge, Bergen und London treiben und ihre Waren zeigen“, sagt Gudrun Köhler. Sie hat das Hansevolk im Jahr 2004 ins Leben gerufen. „Wir sind eine bunt gemischte Gesellschaft, die Spaß daran hat, in die Rollen von Lübeckern des Spätmittelalters zu schlüpfen“, sagt sie. Seither ist die Gruppe in den Sommermonaten fast jedes Wochenende unterwegs, besucht mittelalterliche Lager und Feste und repräsentiert die Hansestadt Lübeck bei den Internationalen Hansetagen der Neuzeit. „Wir waren schon in Antwerpen, Tartu, Venedig, Visby und Nowgorod. Doch in diesem Jahr dürfen wir erstmals selbst ein historisches Fest organisieren“, sagt die 48-jährige Verwaltungsangestellte.

Bei den Auftritten des Hansevolks wird sie zur Kaufmannswitwe „Gudrun Kölerinne“, die die Geschäfte ihres verstorbenen Ehemannes weiterführt. In der Gruppe hat jeder ein oder zwei feste Rollen, die er sich selbst gewählt und deren historischen Hintergrund er genau studiert hat. Engelke van Soest zum Beispiel heißt im richtigen Leben Angelika Schildmeier und ist Verkehrspsychologin. „Auch Engelke führt als Witwe eines Nowgorodfahrers die Geschäfte ihres verstorbenen Mannes weiter. Das war im Mittelalter durchaus akzeptiert, auch wenn Frauen sonst kaum selbstständig tätig sein durften“, sagte sie.

Dass die Geschäfte van Soests gut laufen, erkennt man schon an ihrer Kleidung. Über ihrem langen Kleid aus grünem Wollstoff trägt sie eine rote Houppelande, ein repräsentatives Kleid mit kurzer Schleppe, das an Halsausschnitt und Ärmeln mit Marderpelz besetzt ist. Auch ihr Nachbar Severin Warendorp hat es im Handel mit England zu Wohlstand gebracht. Die geschlitzten Ärmel seines roten Wollrocks sind ab Ellenbogenhöhe mit Pelz gefüttert. Wie fast alle Mitglieder der Gruppe hat auch Warendorp alias Sören Gehrke sein Gewand nach historischen Vorlagen selbst geschneidert. Probleme, sich zu verkleiden, hat der 39-Jährige nicht. „Nur Toilettengänge sind gewöhnungsbedürftig. Hose und Oberteil werden nämlich durch Schnüre miteinander verbunden, das erfordert eine gewisse Planung“, sagt er und grinst dabei. „Wir legen viel Wert darauf, dass unsere Gewänder möglichst authentisch sind. Wir tragen keine Reißverschlüsse, keine modernen Schuhe und keine Strickstrümpfe, die es im Mittelalter noch nicht gab“, sagt Gudrun Köhler.

Neben dem eigenen Freizeitspaß hat das Hansevolk auch das Ziel, vor allem jungen Menschen zu zeigen, wie ihre Vorfahren gelebt haben. „Wir sind nicht kommerziell orientiert, wollen nichts verkaufen, sondern lebendiges Wissen vermitteln“, sagt sie.

Unterstützung bekommt die Gruppe beim Hansetag von befreundeten historischen Gruppen aus ganz Europa. „Gemeinsam werden wir das Wirtschaftsleben im spätmittelalterlichen Lübeck, aber auch fröhliche Feste und die Schrecken der Pest lebendig werden lassen“, sagt Köhler.

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