Marien-Orgeln droht der Verfall

Die Hauptorgel:  Anstelle dieser, 1942 beim Bombenangriff verbrannten Großen Orgel, wurde 1968 von der Orgelbaufirma Kemper & Sohn die damals größte Orgel der Welt mit mechanischer Spieltraktur geschaffen. Sie besitzt auf fünf Manualen und Pedal, 100 Register mit 8512 Pfeifen; die längsten messen elf Meter, die kleinste hat die Größe einer Zigarette.
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Die Hauptorgel: Anstelle dieser, 1942 beim Bombenangriff verbrannten Großen Orgel, wurde 1968 von der Orgelbaufirma Kemper & Sohn die damals größte Orgel der Welt mit mechanischer Spieltraktur geschaffen. Sie besitzt auf fünf Manualen und Pedal, 100 Register mit 8512 Pfeifen; die längsten messen elf Meter, die kleinste hat die Größe einer Zigarette.

Sorgen um langfristigen Erhalt der bedeutenden Instrumente in Lübecks größter Innenstadtkirche / Internationales Symposium

shz.de von
29. April 2014, 18:10 Uhr

Auf die gute Nachricht, dass die Astronomische Uhr aufwändig restauriert werden konnte (wir berichteten) folgte jetzt eine schlechte Nachricht für Lübecks größte Innenstadtkirche: Die drei Orgeln der St.-Marien-Kirche sind erheblich beschädigt. Auch wenn es derzeit noch keinen akuten Handlungsbedarf gebe, müsse ihr Erhalt langfristig gesichert werden, sagte Hans-Martin Petersen, Orgelsachverständiger der Nordkirche, in Lübeck.

Ein Gutachten von 2010 hatte bereits erhebliche Mängel in Klang und Technik aller drei Marien-Orgeln festgestellt. Ein internationaler Ideen- und Meinungsaustausch sei notwendig, damit St. Marien „ein herausragender Ort der Orgelmusik“ bleiben könne, sagte Marienorganist Johannes Unger. Fertige Konzepte für die Sanierung gebe es noch nicht, ergänzte Petersen, der das Gutachten erstellte.

Im Rahmen der Buxtehude-Tage vom 8. bis 10. Mai veranstaltet die Kirche ein internationales Symposium zur Rettung der wertvollen Instrumente. Neben einer Reihe hochkarätiger Konzerte stehen Vorträge und Diskussionen zum Orgelbau auf dem Programm. Dabei solle Expertenwissen gesammelt werden.

Bei den Orgeln handelt es zwar nicht mehr um mittelalterliche Instrumente – diese sind in der Nacht zum Palmsonntag 1942 beim Luftangriff auf Lübeck verbrannt. Auch die berühmte Totentanzorgel wurde vernichtet, auf der unter anderem Dietrich Buxtehude und mit großer Wahrscheinlichkeit Johann Sebastian Bach gespielt hatten. Nach dem Krieg wurden die Orgeln ersetzt – und sind mittlerweile „eines der prominentesten Ensembles in Europa“, betonte Petersen.

Die Große Marienorgel, 1968 von der Firma Kemper erbaut, hat laut Gutachten bauliche, klangliche und konstruktive Mängel: Einige Orgelpfeifen blättern bereits ab, es besteht die Gefahr des Einsackens. Auch muss das Orgelinnere gründlich gereinigt werden. Petersen: „Ob die Orgel in der jetzigen Form langfristig Bestand haben wird, ist fraglich“. Erfahrungen mit anderen Kemper-Orgeln aus der Zeit würden nicht optimistisch stimmen.

Die kleinere Totentanz-Orgel ist von Schimmel befallen, der allerdings nicht giftig sein soll. Eine zu hohe Luftfeuchtigkeit in den unbeheizten Perioden, warme Zugluft durch den Touristeneingang und Kältebrücken würden den Pilzbefall begünstigen, so Petersen.

Die diesjährigen Buxtehude-Tage widmen sich dem Organisten Franz Tunder (1614-1667), Gründer der Lübecker Abendmusiken und Vorgänger von Dieterich Buxtehude (1668-1707). Er schrieb geistliche Konzerte, Kantanten und Orgelwerke. Geplant ist auch ein technisches Experiment: Marienorganist Unger möchte mit Hilfe einer neu entwickelten Audio-Technik den Klang der historischen Totentanz-Orgel, die im Zweiten Weltkrieg verbrannt ist, zum Klingen bringen. Unger wird vor den Konzerten die Musik an der Stellwagen-Orgel, Schwesterinstrument der Totentanz-Orgel, in der benachbarten St. Jakobi-Kirche aufnehmen und dann bearbeiten.

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