„Man kann immer umkehren“

In der Gedenkstätte Lutherkirche: (v.l.) Pröpstin Petra Kallies, Pastorin Constanze Oldendorf, Dr. Harald Schmid, Pastor Thorsten Rose und Dr. Karen Meyer-Rebentisch.
In der Gedenkstätte Lutherkirche: (v.l.) Pröpstin Petra Kallies, Pastorin Constanze Oldendorf, Dr. Harald Schmid, Pastor Thorsten Rose und Dr. Karen Meyer-Rebentisch.

In der Lübecker Lutherkirche ist eine Gedenkstätte eingerichtet worden / Sie erinnert an die Zeit der vier Lübecker Märtyrer

shz.de von
08. Mai 2015, 13:44 Uhr

Wie bleibt Geschichte lebendig? Was kann man aus Vergangenem für die Gegenwart und Gestaltung der Zukunft lernen? Das sind Fragen, die in der Lübecker Lutherkirche oft diskutiert werden. Ab jetzt in einer neu gestalteten Ausstellung, die von der Nordkirche als offizielle Gedenkstätte ausgewiesen ist. Sie wird künftig von der Historikerin Dr. Karen Meyer-Rebentisch geleitet.

Das Motto der Dauerausstellung lautet „ ... ich kann dich sehen“. Sie erzählt vom Schicksal der Lübecker Märtyrer der NS-Zeit, an seiner ehemaligen Wirkungsstätte mit Schwerpunkt auf Pastor Karl Friedrich Stellbrink. Er wurde im Zusammenhang mit dem Bombenangriff auf Lübeck vom März 1942 verhaftet, vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und im November 1943 in Hamburg hingerichtet. Das gleiche Schicksal erlitten drei katholische Geistliche, die inzwischen selig gesprochen sind und an die, auch mit Hinweis auf den evangelischen Kollegen, in der Krypta der Lübecker Herz Jesu-Kirche an der Parade erinnert wird. Die katholischen Kapläne sind auch in der Lutherkirche präsent.

Die Gedenkstätte in der Lutherkirche (Moislinger Allee 96) ist ab sofort mit festen Öffnungszeiten und neuem Programm zu erleben. Dass hier Geschichte nicht nur erzählt oder beschrieben, sondern am authentischen Ort erlebbar wird, sei für die Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten ein Grund, finanziell mit einzusteigen, betont Dr. Harald Schmidt. Die Lutherkirche erfülle in nahezu idealer Weise zwei Voraussetzungen: Sie sei Grundlage für Bildungsarbeit am historischen Ort und werde durch Aktivitäten lebendig gemacht und lebendig erhalten.

Auch der Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg steht hinter dem Projekt, unterstreicht Pröpstin Petra Kallies. Christen hätten den Auftrag, Ausgegrenzten, Machtlosen und Verfolgten beizustehen. Dies sei brennend aktuell. Das Beispiel Pastor Stellbrink zeige, dass es möglich ist, sich zu verändern und seine Ansicht zu korrigieren. Er sei als überzeugter Nazi angetreten, habe später Stück für Stück seinen Irrtum erkannt und zunächst im Verborgenen, dann auch öffentlich gegen die NS-Ideologie Stellung bezogen. Pröpstin Kallies: „Pastor Stellbrink ist für mich ein gutes Beispiel, dass es niemals zu spät ist, einen eingeschlagenen Weg zu verlassen, wenn man ihn als falsch erkennt. Man kann immer umkehren.“

„Die Lutherkirche ,Stellbrinks Wirkungsstätte, ist 1937 als NS-Vorzeigebau errichtet eingeweiht worden“, erläutert Pastor Thorsten Rose. Seit 1993 steht die Kirche unter Denkmalschutz. Für Rose und seine Kollegin Constanze Oldendorf ist die Zusammenschau von Gedenkstätte und lebendiger Gemeindekirche wichtig. Die Kirche ist quasi selber Ausstellungsgegenstand – mit Ausstattungsstücken wie dem einstigen Altar „Die deutsche Familie“.

Seit März arbeitet Kuratorin Dr. Meyer-Rebentisch für die Gedenkstätte. „In ihrem Widerstand gegen das NS-Regime haben die vier Geistlichen konfessionelle Schranken überwunden“, sagt sie. Deshalb arbeite sie bewusst mit der katholischen Seite zusammen. Die Erinnerungsstätten in der Propsteikirche Herz Jesu und in der Lutherkirche ergänzten sich gut.

Die Hauptamtlichen an der Moislinger Allee hoffen auf für die Zukunft viel ehrenamtliches Engagement, um die Lutherkirche immer mehr zu einer „offenen Kirche“ werden zu lassen. Sie ist außer zu den Gottesdiensten und Amtshandlungen mittwochs und freitags sowie an jedem ersten Sonnabend im Monat zwischen 14 und 16 Uhr für die Ausstellung geöffnet. Sonnabends findet dabei ab 14.30 Uhr eine Führung mit Gesprächsmöglichkeit statt.

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