Neues Stadtviertel : Lübecks anspruchsvollstes Projekt der Nachkriegszeit

Die Fläche rund um das weiße Grabungszelt der Archäologen am Fuß der Marien-Kirche soll wieder bebaut werden.  DEWANGER
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Die Fläche rund um das weiße Grabungszelt der Archäologen am Fuß der Marien-Kirche soll wieder bebaut werden. DEWANGER

Zwischen Alf- und Fischstraße soll ein komplett neues Stadtviertel entstehen – auf Grundlage der historischen Grundstücksstruktur.

shz.de von
19. November 2013, 00:36 Uhr

Lübeck | Noch haben hier die Archäologen das Sagen, arbeiten auf Deutschlands größter Ausgrabungsstelle. Ab 2015 sollen hier Baufirmen das Bild bestimmen, denn zwischen Alf- und Fischstraße soll ein komplett neues Stadtviertel entstehen – auf Grundlage der historischen Grundstücksstruktur. Im so genannten Gründerviertel, einem der ältesten Quartiere der Hansestadt, werden ab dem Jahr 2020 wieder schmale Straßen und kleine Giebel-Häuser das Stadtbild unterhalb der St.-Marien-Kirche prägen. „Das ist eines der anspruchsvollsten Projekte der Nachkriegszeit in der Hansestadt“, sagt Bau-Senator Franz-Peter Boden (SPD).

32 Grundstücke unterschiedlicher Größen sollen ab der zweiten Jahreshälfte 2014 an einzelne Bauherren oder Baugemeinschaften verkauft werden. Der Preis soll etwa 420 Euro pro Quadratmeter betragen. Zusätzlich stehen noch zwei „Kopf“-Grundstücke bereit, um entweder insgesamt oder in Teilen bebaut zu werden. Im kleinteiligsten Fall stünden so 43 Flächen bereit. Die Grundstücksgrenzen orientieren sich am historischen Zuschnitt. Vorausgegangen ist den Planungen bereits die Einbeziehung von Bürgern, Maklern, Architekten, Stadtentwicklern und auch der Initiative „Rettet Lübeck“. Herauskommen soll später analog zu den Wünschen der Befragten ein „breiter Mix von möglichen Wohnformen“, so Boden.

Die Ideen der neuen Hausherren in spe muss aber in Teilen klaren Vorgaben folgen. „Alles wird sich am historischen Kontext orientieren, aber es wird kein Disneyland geben“, sagt XXX. Will heißen: Die Häuser bekommen Giebel und maximal zwei Geschosse. Während Dachformen und Fensterstrukturen vorgegeben sind, sind bei Materialien und Farben noch Gestaltungsmöglichkeiten offen – sofern der Gestaltungsrat der Stadt auch zustimmt, somit auch realisierbar. Der Clou: Es wird zu Beginn des kommenden Jahres einen Fassaden-Wettbewerb geben. Jedes Grundstück wird einen Siegerentwurf erhalten, daran können sich dann zukünftige Häuslebauer orientieren oder ihn ganz umsetzen.

Die Umsetzung der Pläne soll relativ zügig beginnen. Im kommenden Jahr werden unter den Straßen neue Leitungen verlegt, 2014/15 soll der Bebauungsplan stehen, ab Mitte 2015 kann gebaut werden – zuerst im Bereich zwischen Braun- und Fischstraße, ab 2017 dann zwischen Fisch- und Alfstraße. Die Fertigstellung ist für 2019 geplant, im Jahr 2020 folgt noch die Umgestaltung der Alfstraße.

Die Vermarktung der Grundstücke wird nach den Plänen die städtische Gesellschaft Trave übernehmen. „Die Interessenten haben somit einen einheitlichen Ansprechpartner“, sagt Boden. 70 Personen hätten sich schon bei der Stadt gemeldet. So genannte weiche Vergabekriterien, wie Familienstand oder Ansinnen mit dem haus würden dann entscheiden, wer den Zuschlag für den kauf bekomme, so Boden. Die Stadt erwartet einen Erlös von etwa 4,3 Millionen Euro – bei etwa drei Millionen Euro Kosten für die Infrastruktur in dem Gebiet.

Ähnlich gepflastert wie die Fleischhauer- und Hüxstraße könnte das Ganze später einmal aussehen. Viel Platz zum Wohnen auf der einen, wenig Platz für Autos auf der anderen Seite. Wohin der „ruhende Verkehr“, sprich die parkenden Autos verbannt werden, ist noch nicht abschließend geklärt. Im Bereich des ehemaligen Parkplatzes Einhäuschen Querstraße ist zumindest eine Tiefgarage mit etwa 75 Stellplätzen angedacht. Ansonsten soll das Quartier ein autoarmes Gebiet sein – verkehrsberuhigt versteht sich.

Gründungsviertel: Die Wurzeln Lübecks
Im Bereich der Fischstraße entstanden kurz nach der Stadtgründung im Jahr 1143 die ersten Kaufmannshäuser. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bereich fast vollständig zerstört. Abweichend vom historischen Grundmuster entstanden hier zwischen 1954 und 1961 zwei Berufsschulen, die 2011 abgerissen wurden. 
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