Lübecker Unternehmer und #MeToo-Debatte : Linke erstattet Anzeige gegen Winfrid Stöcker

<p>Winfried Stöcker war vor Jahren bereits wegen fremdenfeindlicher Äußerungen in die Kritik geraten.</p>
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Winfried Stöcker war vor Jahren bereits wegen fremdenfeindlicher Äußerungen in die Kritik geraten.

Die abfälligen Äußerungen des Unternehmers zu Missbrauchsopfern und Migranten veranlassten die Partei zur Anzeige.

shz.de von
15. Januar 2018, 14:01 Uhr

Die Partei die Linke hat Strafanzeige gegen den Lübecker Unternehmer Winfrid Stöcker wegen dessen Weihnachtsbotschaft an seine Mitarbeiter erstattet. Das Schreiben, in dem Stöcker abfällig zur Sexismusdebatte und über Migranten sprach, rief bereits breiten gesellschaftlichen Protest hervor. Die Linke sieht in Stöckers Ansprache „eindeutig einen Aufruf zu Straftaten“ erfüllt.

„Nicht genug, dass Herr Stöcker in seiner Rede sexuelle Übergriffe verharmlost und die Opfer verhöhnt, er fordert seine männlichen Mitarbeiter darüber hinaus nahezu auf, ,ran zu gehen' und sich die Frau, die sie wollen, einfach zu nehmen“, so Katjana Zunft, Vorsitzende der Lübecker Linken und Mitglied im Womens March Bündnis. Das Bündnis hatte aus demselben Anlass bereits am Sonnabend, 13. Januar, zu einer Kundgebung gegen Rassismus und Sexismus am Lübecker Schrangen aufgerufen.

Zunft begründet die Anzeige weiter: „Herr Stöcker fordert nicht nur zu einer Straftat auf, sondern stiftet zu sexeuller Nötigung, sexueller Belästigung wenn nicht sogar Vergewaltigung an. Auch wenn ich denke, das ein Großteil der Mitarbeiter von Euroimmun nicht so denkt wie ihr Chef, fördert er damit ein Klima, in dem weibliche Mitarbeiterinnen künftig um ihre Unversehrtheit fürchten müssen und keine Untertsützung durch die Firmenleitung erwarten dürfen.“

Es ist nicht das erste Mal, dass gegen Winfrid Stöcker ermittelt wird. Bereits 2015 wurden Ermittlungen wegen des Verdachts auf Volksverhetzung eingestellt.

Auf Anfrage ließ Winfried Stöcker durch sein Büro ausrichten, dass er in den kommenden Tagen nicht erreichbar ist und sich auch künftig zu den Vorgängen rund um seine Rede nicht äußern möchte.

Die Rede im Detail

Adressaten von Winfried Stöckers Rede, die er kurz vor Weihnachten in der Lübecker Jakobikirche hielt, waren die Mitarbeiter des von ihm gegründeten Unternehmens „Euroimmun“. Dass die Äußerungen des bald 71-Jährigen zur #MeToo-Bewegung im Besonderen, jungen Frauen im Allgemeinen und Journalisten im Speziellen derweil aus der geschlossenen Gesellschaft von etwa 300 in der Kirche Anwesenden in die Öffentlichkeit geraten sind, hat Stöcker betrieben, indem er die Rede für alle Welt nachlesbar in seinem Blog veröffentlichte. Die Empörung über ihn ist laut. Aktion und Reaktionen erinnern an die Weihnachtszeit 2014, als Winfried Stöcker in seinem Görlitzer Kaufhausgebäude ein Benefizkonzert zugunsten von Flüchtlingen verbot und dies mit drastischen Formulierungen in einem Interview erläuterte.

Foto: Screenshot www.winfried-stoecker.de/blog
 

Zwischen dem Rezept für Rosmarin-Taler und dem Bericht über einen Fabrikneubau in der chinesischen Hafenstadt Tianjin steht es:

  • „Ich appelliere an die Eigenverantwortung der Betroffenen, die ja auch mit sechzehn Jahren oft schon zur Parlamentswahl gehen dürfen. Die Mädchen könnten zurückhaltender gekleidet und weniger provozierend zum Casting gehen, dass die armen Regisseure auf dem Pfad der Tugend bleiben.“
  • „Ich kenne bei uns einen Kollegen in führender Stellung, der hat sich in früheren Zeiten an eine junge Krankenhaus-Praktikantin herangemacht. Ein Glück, dass das schon so lange her ist, sonst müsste er vielleicht heute seinen Posten aufgeben. Mit dem Opfer hat er eine Familie gegründet und freut sich über drei gemeinsame Kinder. Und er ist Wiederholungstäter: Später war es eine sehr hübsche Studentin in unserem Unternehmen, die er umgarnt und eingefangen hat. Und auch mit ihr hat er drei prächtige Nachkommen gezeugt, auf die er stolz ist.“
  • „Es ist doch das Natürlichste der Welt, dass man eine Frau zu sich nimmt, die man liebt, da braucht man keinen Vormund und keine besonderen innerbetrieblichen Vorschriften.“
  • „Macht Euch ein eigenes Bild und glaubt keiner dummen Zeitung und keinem indoktrinierten Nachrichtensprecher des Fernsehens. Petra Gerster, Marietta Slomka und Claus Kleber sind nicht die einzigen, die ihre Funktion missbrauchen.“
  • „Also glaubt niemandem, außer mir.“
  • Und schließlich „ein Aufruf an Euch Kollegen, die noch auf der Suche sind: Wir haben so viele nette Jungs und Mädchen in der Firma, geht ran, egal ob Ihr Vorgesetzte seid oder nicht, es kommt nur darauf an, dass Ihr das Mädchen oder den Jungen liebt. Und zeugt viele Kinder, dass wir dem mutwillig herbeigeführten, sinnlosen Ansturm unberechtigter Asylanten etwas entgegensetzen können. Unser Kindergarten steht Euch offen.“

Empörung über Stöckers Rede aus allen Richtungen

Öffentlich gemacht folgten dieser „Weihnachtsansprache 2017“ die Proteste auf dem Fuße, am vergangenen Sonnabend versammelten sich auf besagten Aufruf des Womens-March-Bündnisses 150 Frauen und Männer unter dem Motto „Shut up, Stöcker“ zur Demonstration auf dem Lübecker Schrangen. Zuvor hatte Jakobi-Pastor Lutz Jedeck weiteren Veranstaltungen Stöckers eine Absage erteilt. Das Womens-March-Bündnis hatte dazu aufgerufen.

Quer durch Parteien, Institutionen und Verbände verurteilen Frauen wie Männer die Äußerungen des Euroimmun-Gründers, der nach dem Verkauf seines Unternehmens an PerkinElmer weiterhin als CEO aktiv ist. Punkt für Punkt formulierten zuletzt die Grünen, was „schockierend und verletzend“ sei: Massive Verharmlosung von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch, Verhöhnung der Opfer, Verunglimpfung derer, die Macht- und Gewaltverhältnissen kritisieren, Verunglimpfung der Presse.

„Komplettiert wird dieses Gruselkabinett des Chauvinismus noch durch völkisch nationale Elemente“, empört sich Anka Grädner, B 90/Grüne-Kreisgeschäftsführerin und fordert: „Die Stadt Lübeck sollte sich deutlich von Herrn Stöcker distanzieren und bis auf weiteres Kooperationen einstellen. Auch von Wirtschaftsverbänden und anderen Akteuren erwarte ich, dass sie sich diesbezüglich anschließen. Es wäre der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln, dass Personen, die sich derartig rassistisch und sexistisch äußern, in Lübeck mit am Ehrentisch sitzen dürfen.“

In Lübeck gilt Winfried Stöcker als aktueller Retter des Flughafens, den er 2016 übernahm, und er hat eine Honorarprofessur für Labordiagnostik an der Universität zu Lübeck inne. Auch von dort kam der Protest prompt. Gabriele Gilessen-Kaesbach, die neue Uni-Präsidentin, gibt klare Kante: „Die Äußerungen sind empörend und völlig inakzeptabel. Es ist bedauerlich und beschämend, zu sehen, wie sich ein ehemals verdienter Firmengründer öffentlich disqualifiziert.“

Ebenso deutlich hatte sich vor drei Jahren ihr Vorgänger Hendrik Lehnert positioniert, als Stöcker sich über Asylpolitik und Flüchtlinge geäußert hatte. Süffisant hatte der in diesem Zusammenhang über „reisefreudige Afrikaner“ und „Neger“ gesprochen. Lehnert konterte damals: „Toleranz, Weltoffenheit und ein klares Bekenntnis zu multikulturellem Denken und Handeln sind unveräußerliche Werte unserer Campus-Kultur.“ Weiter: „Von dem Gedankengut, das Prof. Dr. Winfried Stöcker in seinem Interview mit der Sächsischen Zeitung geäußert hat, distanzieren wir uns daher auf das Nachdrücklichste.“

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