Nach Belästigungsvorwürfen in Lübeck : Krisenberater: Weißer Ring sollte Opfern Infomaterial geben

Von Belästigungsvorwürfen gebeutelt: Der Weiße Ring.

Von Belästigungsvorwürfen gebeutelt: Der Weiße Ring.

Hilfesuchenden sollte klar gemacht werden, was der Mitarbeiter der Opferhilfsorganisation darf – und was nicht.

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22. März 2018, 08:37 Uhr

Mainz/Lübeck | Der von Belästigungsvorwürfen gebeutelte Weiße Ring sollte einem Berater zufolge in Zukunft den Hilfesuchenden klare Handreichungen für die Gespräche mit der Opferhilfsorganisation geben. „Dort sollte stehen: Was darf die Person, die mir gegenübersitzt, und was darf sie nicht? Wen rufe ich an, wenn der Opferberater unschöne Dinge tut?“, erklärte der Sozialunternehmer und frühere Krisenhelfer Kilian Kleinschmidt.

Ein früherer Mitarbeiter des Weißen Rings in Lübeck soll mindestens ein Dutzend hilfesuchende Frauen sexuell belästigt und genötigt haben. Nach Bekanntwerden des Skandals meldeten sich immer mehr betroffene Frauen.

„Viele Opfer von extremer Gewalt haben gar keine Maßstäbe mehr“, erklärte Kleinschmidt, der unter anderem für die Vereinten Nationen in verschiedenen Krisenregionen der Welt arbeitete. Wenn jemand sein Leben lang brutalisiert worden sei, wisse er nicht mehr, ob es normal sei, wenn sich jemand vor ihm entblöße. Deswegen sollten zu den Handreichungen ganz praktische Beispiele gehören, etwa ob der Berater das Opfer in die Arme nehmen darf, wenn es weint.

Im humanitären Bereich habe er oft erlebt, dass in den Organisationen mit viel Aufwand nach möglichen Schwachstellen für sexuelle Gewalt gesucht wurde, sagte Kleinschmidt, der heute von Wien aus arbeitet. Denn klar sei: „Wo es Abhängigkeiten und Autoritäten gibt, kann es immer zu sexueller Gewalt kommen. Man muss sogar davon ausgehen, dass es dazu kommen wird.“ Das gelte für Unternehmen genauso wie die Polizei oder die Kirche. „Wieso sollte es bei sozialen Organisationen anders sein?“, fragte Kleinschmidt.

Der Vorstand des Weiße Rings plant, in einer Sondersitzung darüber zu beraten, wie die Organisation künftig bei solchen Vorwürfen schneller reagieren kann.

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