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Erstochen im Wald bei Lübeck : Joggerin-Mordprozess: Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft

vom

Der grausame Tod der 29-jährigen Joggerin aus Lübeck hat die Menschen erschüttert. Für den Staatsanwalt kommt dafür nur eine Strafe in Frage – die höchste, die das deutsche Strafrecht kennt.

shz.de von
erstellt am 17.Jan.2014 | 13:37 Uhr

Lübeck/Schwerin | Für die Staatsanwaltschaft ist der Fall klar: Die 29 Jahre alte Joggerin aus Lübeck wurde am 7. Juli heimtückisch umgebracht. Ein kaltblütiger Mord, ohne jeden Anlass, sagte der Anklagevertreter und forderte am Freitag vor dem Landgericht Schwerin eine lebenslange Haftstrafe für den 46-jährigen Angeklagten. Das Gericht solle zudem die besondere Schwere der Schuld feststellen, so dass eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren nicht möglich ist.

Dieser Auffassung schloss sich der Anwalt der Nebenklage im wesentlichen an. Der Verteidiger dagegen hält eine gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge für erwiesen, die mit elfeinhalbjährigem Freiheitsentzug bestraft werden solle. Das Gericht will seine Entscheidung am Mittwoch kommender Woche verkünden.

Der 46-Jährige, selbst Vater von vier Kindern, habe am Tattag den Entschluss gefasst, irgendeinen Menschen zu töten, sagte Staatsanwalt Jörg Seifert im Plädoyer. Die junge Mutter, die mit ihrer Familie zu Besuch bei den Eltern in Lübeck war, sei zufällig sein Opfer geworden. Die 29-Jährige war am 7. Juli 2013 auf einem Waldweg zwischen Lübeck und Herrnburg (Nordwestmecklenburg) beim Joggen angegriffen und durch einen gezielten Messerstich in die Halsschlagader getötet worden. Sie habe versucht, sich zu wehren, aber keine Chance gehabt.

Die Beweislast der Indizien sei so groß gewesen, dass es des späten, zudem unglaubhaften Geständnisses nicht bedurft hätte, sagte der Anklagevertreter. Der Mann habe die Tat wie einen Unfall aussehen lassen wollen und zudem dem Opfer noch eine Mitschuld gegeben. „Das ist eine Verhöhnung unserer Tochter und eine Beleidigung für uns“, zitierte der Nebenklageanwalt die Mutter der getöteten Joggerin. Er geht von einer sexuellen Nötigung als Grund für den Übergriff aus.

Für den Staatsanwalt dagegen hat sich in dem Prozess kein klares Motiv abgezeichnet. Möglicherweise komme auch Frustabbau in Frage. Der Mann habe vergebens Arbeit gesucht und von der Mutter seiner Kinder getrennt gelebt. Zweimal hatte er in den 80er Jahren Frauen überfallen. Seine letzte Verurteilung in anderer Sache liegt zehn Jahre zurück. Verteidiger Jörn Gaebell hält die Version seines Mandanten nicht für widerlegt und forderte für eine „Spontantat“ elf Jahre und sechs Monate Haft.

Unmittelbar vor den Plädoyers hatte eine Psychiaterin dem Angeklagten eine Persönlichkeitsstörung attestiert, eine verminderte Schuldfähigkeit aber verneint. Er sei planvoll vorgegangen und weiterhin für die Gesellschaft gefährlich.

Der 46-Jährige hatte erst am Montag nach langem Schweigen die Tat zugegeben, eine Tötungsabsicht aber bestritten. Er war vier Tage nach der Tat in seiner Lübecker Wohnung festgenommen worden. DNA-Spuren an der Tatwaffe, einem in Tatortnähe gefundenen Butterflymesser, hatten auf seine Spur geführt.

Was Sie über den Mordfall wissen sollten:

Wer war Anna-Lena U.?

Anna-Lena U. ist in Lübeck aufgewachsen. Die 29-Jährige war verheiratet und hatte eine zwei Jahre alte Tochter. Die Familie lebte aber nicht in Lübeck, sondern in Italien. In der Hansestadt war Anna-Lena U. nur, um ihre Eltern zu besuchen.

Was passierte am 7. Juli 2013?

Anna-Lena U. war im Wald bei Herrnburg (Nordwestmecklenburg) joggen. Am Sonntagvormittag gegen 11.30 Uhr fand ein  Jogger ihre Leiche. Sie lag auf einer kleinen Sandfläche neben dem alten Kolonnenweg. Der Weg gehört zum ehemaligen Grenzstreifen und wird gerne von Reitern, Joggern, Hundehaltern und Fahrradfahrern  genutzt. Da der Mann kein Handy bei sich hatte, lief er in Richtung Lübeck zurück. Er soll dann auf einen Radfahrer getroffen sein, den er  auf die grausige Entdeckung ansprach. Es war ausgerechnet der Vater der Ermordeten, der sich schon auf die Suche nach seiner Tochter gemacht hatte, weil sie nicht nach Hause zurückkehrte. Isabel Wenzel, Sprecherin der Polizeidirektion Rostock: „Der Vater fand dann seine tote Tochter.“ Anna-Lena U. soll blutüberströmt dagelegen haben, sie hatte Stichverletzungen am Hals.

Wie kam die Polizei dem Täter auf die Spur?

Ausschlaggebend für den Fahndungserfolg waren nach Angaben  des Leiters der  Kripo   Schwerin, Joachim  Arlom, Spuren des Täters, die  am Körper der Getöteten und an  der Tatwaffe sichergestellt wurden. Das Messer, mit dem der jungen Frau der tödliche Stich in  den Hals versetzt wurde, war in Tatortnähe gefunden worden. Ein DNA-Abgleich führte  die Polizei zu einem Mann aus Lübeck.

Vier  Tage  nach  dem Mord stürmten SEK-Beamte die Wohnung des Tatverdächtigen. Seine direkte Nachbarin  erzählt: „Es knallte gewaltig, da habe ich durch den Türspion geguckt – und sah die Polizisten mit ihren Sturmhauben.“ In einem weißen Overall und gefesselt mit Handschellen wurde Norman L. abgeführt. „Er war ein netter Typ, aber eher introvertiert“, sagt die Nachbarin.

Wer ist Norman L.?

Norman  L.  wohnte  nur   knapp 1,5  Kilometer  vom  Tatort  entfernt. Er ist geschieden und arbeitslos, war 1989 nach einer versuchten Vergewaltigung vom Lübecker Landgericht zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden, die er auch komplett abgesessen hat. Auch danach hat er nach Informationen des sh:z immer wieder Frauen belästigt. Der Vater von drei Töchtern war mit deren Mutter zwölf Jahre lang verheiratet gewesen. Vor einem Jahr trennten sich die beiden, Norman L. zog in die Wohnung nicht weit entfernt von seiner Ex-Frau – um die Kinder weiter regelmäßig sehen zu können, ein Auto hatte er nicht. Norman L. arbeitete zeitweise als Lagerist, war zuletzt aber arbeitslos.“ Seine Ex-Frau möchte nicht über ihn sprechen. „Es ist zu schwer für sie, auch wegen der Kinder“, erklärt ein Bekannter und fügt hinzu: „Norman war ein Einzelgänger ohne Freunde. Er trank viel und lungerte nicht nur vor dem Haus seiner Ex-Frau herum, sondern streifte auch viel in der Gegend umher.“

Was steht in der Anklage?

Einen Monat nach dem gewaltsamen Tod einer Lübecker Joggerin hat die Schweriner Staatsanwaltschaft Anklage gegen den 45-jährigen Tatverdächtigen erhoben. Dem Mann werden Mord, versuchte sexuelle Nötigung und Verstoß gegen das Waffengesetz zur Last gelegt.

Norman L. soll Anna-Lena U. überfallen haben, um sich an ihr zu vergehen. Als sie sich  wehrte, hat sie der Angeklagte nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft aus Frust über den missglückten Übergriff und Angst vor Entdeckung erstochen. Die  Klageschrift geht von niederen Beweggründen als Mordmerkmal aus.

Was sagte Norman L. in seinem Geständnis?

Am 13. Januar legt Norman L. ein sechsseitges Geständnis ab. „Es tut mir unendlich leid“, heißt es in der Erklärung, die sein Anwalt verlas. Er habe den Tod der Frau nicht gewollt. Er habe an jenem Tag im Juli 2013 eine Körperverletzung an irgendjemandem begehen wollen, um eingesperrt zu werden. Damit habe er seiner von ihm getrennt lebenden Verlobten einen Warnschuss verpassen wollen, die immer wieder die Verantwortung für die vier gemeinsamen Kinder bei ihm abgeladen habe. Aus heutiger Sicht sei ihm diese Überlegung „absolut unbegreiflich“. Er habe einen Spaziergang in die Palinger Heide zwischen Lübeck und Herrnburg (Mecklenburg-Vorpommern) unternommen, als ihm plötzlich die Idee zu der Körperverletzung gekommen sei. Es sollte „nichts Schwerwiegendes“ sein.

Auf dem Weg sei ihm eine Person entgegengekommen, die er erst spät als Frau erkannt habe. Er habe ihr in den Arm stechen wollen. Sie habe ins Messer gegriffen. Dann, als er habe weglaufen wollen, habe die Frau ihn festgehalten und zurückgerissen. Beide seien zu Boden gegangen, sie habe plötzlich unter ihm gelegen. Beim Sturz sei das Messer offensichtlich im Hals der Frau gelandet. Das sei nicht bewusst geschehen, beteuerte er. Dann sei er weggerannt. Sein Butterflymesser habe er bei dem Spaziergang dabei gehabt, um es im Wald wegzuwerfen. Ihm sei bewusst gewesen, dass der Besitz eines solchen Messers illegal ist. Ihm sei mehrere Tage lang nicht bewusst gewesen, dass er die Frau tödlich getroffen hatte, hieß es in der Erklärung des Angeklagten weiter. Sie sei nach dem Angriff aufgestanden und habe sich in die Richtung bewegt, aus der sie gekommen war. Er sei weggelaufen und habe sich nach etwa 350 Metern hingesetzt, um eine Zigarette zu rauchen. Dabei habe er das Messer fallen lassen und mit dem Fuß Sand darübergescharrt.

Dieses Geständnis könnte sich strafmildernd auf das Urteil auswirken.

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