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Blankensee vor dem Aus? : Insolventer Flughafen Lübeck: Absturz oder Steigflug?

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Fluggastschwund, Insolvenzen, Parteienstreit - gerade wird mal wieder ein neuer Betreiber gesucht. Den 100. Geburtstag im Jahr 2017 werde er aber erleben, hoffen die Befürworter.

shz.de von
erstellt am 26.Dez.2015 | 11:21 Uhr

Lübeck | Der Lübecker Flughafen steckt wieder einmal in Turbulenzen. Ob in Blankensee 2017 der 100. Geburtstag gefeiert wird, bleibt ungewiss. Aktuell verhandelt Insolvenzverwalter Klaus Pannen nach eigenen Angaben mit fünf Interessenten für den Airport. Wer den Zuschlag bekommt, wird nach Angaben Pannens voraussichtlich erst im Januar entschieden. 

Blankensee ist Schleswig-Holsteins größter Flughafen und der einzige mit regelmäßigen internationalen Verbindungen. Doch es gibt Probleme: Mit dem Chinesen Chen Yongquiang ist bereits der vierte Betreiber in zehn Jahren gescheitert. Zuvor hatten der neuseeländische Infrastrukturkonzern Infratil, die Hansestadt Lübeck und der deutsch-ägyptische Geschäftsmann Mohamad Rady Amar versucht, den Flughafen auf Vordermann zu bringen.

Bis Februar 2016 läuft der Flugebtrieb noch regulär weiter. Pannen sieht gute Chancen für einen Neubeginn. So reagiert die Politik:

  • Der Vorsitzende der SPD-Fraktion in der Lübecker Bürgerschaft, Jan Lindenau, sagt: „Die Nachrichten des Insolvenzverwalters geben Anlass zu der Hoffnung, dass das klappt.“ Schließlich wäre die Abwicklung für die Stadt die teuerste Variante, weil dann Fördergelder zurückgezahlt werden müssten, sagt Lindenau.
  • Auch sein Kollege von der CDU-Fraktion, Andreas Zander, ist sich sicher: „Der Flughafen wird seinen 100. und auch weitere runde Geburtstage erleben. Die Tatsache, dass es noch fünf Interessenten gibt, zeigt, dass Bedarf für den Flughafen gesehen wird“, sagt Zander.
  • Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) dagegen will sich zur Zukunft des Flughafens nicht äußern. „Das ist allein Sache des Insolvenzverwalters“, sagt er knapp. 

Wie ist der aktuelle Stand der Entwicklung?

Spätestens seit Sommer 2014 ist nicht mehr viel los am Lübecker Airport. Nur noch vier Ziele - Danzig, Riga, Kiew und Skopje - fliegt die ungarische Gesellschaft Wizz Air von Lübeck aus an. Weitere Verbindungen nach Sofia und Bukarest sind ab Frühsommer geplant. Die Zahl der Passagiere in Lübeck-Blankensee ist von knapp 700.000 im Jahr 2009 auf 169.000 im Jahr 2014 gesunken. 

 

Dabei gab es mal große Pläne für den Flughafen, der 1917 als „Kaiserliche Flugschule“ für das Militär eröffnet wurde. Der neuseeländische Infrastrukturkonzern Infratil, seit 2005 Mehrheitsgesellschafter des vormals städtischen Flughafens, wollte den Flughafen ausbauen, die irische Billigfluglinie Ryanair eine Basis mit Flügen zu europäischen Zielorten einrichten. Der Ausbau scheiterte jedoch am Planfeststellungsverfahren und daran, dass Infratil 2009 ausstieg.

Inzwischen gibt es zwar einen Planfeststellungsbeschluss, doch Anwohner und Naturschutzverbände haben dagegen geklagt. Das Verfahren liegt seit Jahren beim Oberverwaltungsgericht in Schleswig. Nach einem Bürgerentscheid im April 2010 übernahm die Stadt vorübergehend wieder den Betrieb. Ende 2012 verkaufte sie den defizitären Airport zu einem symbolischen Preis an Rady Amar. Als der nach nur anderthalb Jahren spurlos verschwand, musste der Flughafen zum ersten Mal Insolvenz anmelden.

Am 1. August 2014 übernahm der chinesische Geschäftsmann Chen Yonquiang den Flughafen. Seine Pläne: Er wollte chinesische Gesundheitstouristen und Flugschüler nach Lübeck holen. Daraus wurde nichts. Im September drehte er den Geldhahn zu, der Flughafen musste erneut Insolvenz anmelden.

Angesichts der Passagierzahlen stehe der Airport vor einer schwierigen Zukunft, sagt der der Geschäftsführer des Allgäu Airport in Memmingen und Vorsitzende der Interessengemeinschaft der Regionalen Flugplätze (IDRF), Ralf Schmid. „Ein Regionalflughafen kann erst ab einer Größenordnung von einer halben bis einer Million Passagieren im Jahr Geld verdienen“, sagt Schmid. Das funktioniere aber nur mit Hilfe der öffentlichen Hand. „Man kann von einem Privaten kaum erwarten, dass er die Infrastruktur für einen ganze Region vorhält und das Risiko allein trägt.“ 

Die Kommunalpolitiker setzen auf private Investoren

„Wir haben nichts gegen den Flughafen an sich, er ist wichtig für den Tourismus und bietet auch Arbeitsplätze“, sagt der Vorsitzende der Grünen-Fraktion in der Bürgerschaft, Thorsten Fürter. „Aber wir wenden uns gegen die völlig überzogenen Ausbaupläne und gegen jede Subventionierung durch die Stadt“, sagt er. Auch die anderen Bürgerschaftsparteien stehen auf dem Standpunkt, die hoch verschuldete Stadt Lübeck dürfe kein Geld mehr in den Flughafen stecken. Die regionale Verkehrsinfrastruktur sei Aufgabe des Landes, heißt es dazu. Das Land schließt jedoch eine Beteiligung kategorisch aus. „An unserer Auffassung, dass Hamburg der Flughafen für Schleswig-Holstein ist, hat sich nichts geändert“, sagt der Sprecher des Wirtschaftsministeriums, Harald Haase.

„Die Rahmenbedingungen für Regionalflughäfen sind generell schwieriger geworden. Luftverkehrssteuer und Sicherheitsauflagen lassen die Kostenvorteile gegenüber den großen Flughäfen schrumpfen“, sagt Schmid. Es gebe aber durchaus erfolgreiche Regionalairports, an denen meist Gebietskörperschaften und mittelständische Unternehmen der Region beteiligt seien, sagt der IDRF-Vorsitzende. Ob das für Unternehmen im Raum Lübeck eine Option sein könnte, lässt der Sprecher der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Lübeck, Can Özren, offen. Ein Problem sei die seit Jahren fehlende Planungssicherheit, sagt Özren. „Dennoch sollten Politik, Verwaltung und alle Kräfte der Stadt ein Konzept entwickeln, um wenigstens die Verkehrsfähigkeit des Flughafens zu erhalten, wenn sich kein neuer Betreiber findet“, fordert der IHK-Sprecher.

Jürgen Friedel, Ex-Geschäftsführer des Flughafens Lübeck.
Jürgen Friedel, Ex-Geschäftsführer des Flughafens Lübeck. Foto: Stormarner Tageblatt
 

Der ehemalige Blankensee-Geschäftsführer und Luftfahrtberaten Jürgen Friedel schlägt vor, der Airport sollte sich von der Großluftfahrt verabschieden und sich auf Geschäftsflieger konzentrieren. „Als gut gemachter Business-Airport sehe ich durchaus Chancen für Lübeck.“

 

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