,Hexenküche’ für Bücher

 Auch Probeprägungen gehören dazu –  natürlich und ausschließlich in filigraner Handarbeiten.
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Auch Probeprägungen gehören dazu – natürlich und ausschließlich in filigraner Handarbeiten.

Hausbesuch: Die Buchbinderei Rux in Lübeck zelebriert ein aussterbendes Gewerbe

shz.de von
15. Dezember 2017, 14:11 Uhr

Die Tür schließt sich, die Innenwelten der Bücher öffnen sich. „Buchbinderei Rux“ steht an der Schönböckener Straße 62a im Lübecker Stadtteil St. Lorenz-Nord. Hier findet Handwerk statt, das sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat. Es ist die Werkstatt von Buchbindemeisterin und Restauratorin Christiane Rux, deren berufliches Herz seit 40 Jahren an einem vermeintlich aussterbenden Gewerbe hängt.

Buchpressen, eine Eckenrundstanze, ein gewaltiges Schneidegerät für Pappen, eine Prägemaschine, Materialschränke ringsherum voll mit Leder, Leinen, Werkzeugen, Nägeln, bleiernen Lettern unterschiedlichster Klischees, Schriftarten und -größen und zentral im Raum eine Arbeitsfläche, auf der sich Bücher fast jeden Alters und unterschiedlichster Zustände finden. Dass es ein bisschen nach Hexenküche riecht, liegt am Topf mit dampfendem Heißleim, der aus einem Granulat angerührt wird, das aus Haut und Knochen hergestellt wird. Daneben schimmert weiß ein anderer Kleber aus einem Keramik-Tiegel: „Weizenstarkleim“, erklärt Christiane Rux und demonstriert gleich mal, wie mit diesen Mitteln umzugehen ist, ohne dass die hässlichen Beulen entstehen, die der Laie von heimischen Papierbasteleien kennt.

Man müsse den Leim flächendeckend auftragen und vor dem Zusammenkleben einwirken lassen, erklärt sie. Vor allem aber ist die Laufrichtung der Papierfasern zu beachten, die bei Papier und Pappuntergrund in die gleiche Richtung weisen müssen. Sagt es, macht es und wischt die Finger an der Schürze ab – eine typische Buchbinderhandbewegung, das Papier soll unbedingt sauber bleiben. 16 Jahre war die gebürtige Lübeckerin alt, als sie wusste, dass sie Buchbinderin werden will. Schneiderin wäre kurz vorher noch eine Option gewesen, ein Handwerk sollte es auf alle Fälle sein. Dass die Entscheidung gut war, zeigte sich schnell. Nach der Ausbildung bei der Moislinger Firma Holtz wird sie als beste Gesellin im Buchbinderhandwerk ausgezeichnet, arbeitet zunächst fünf Jahre lang als Gesellin weiter im Lehrbetrieb, macht diverse Fortbildungen, etwa zur Geweberestaurierung im „Centro del bel Libro“ in Ascona, arbeitet in einer anderen Druckerei an großen Falzmaschinen.

Als sie sich 1986 selbstständig macht, ist Christiane Rux gerade 23 Jahre alt. Mit 27 macht sie ihren Meister, ist nach einer neuerlichen Fortbildung Restauratorin im Buchbindehandwerk. Sie arbeite in ihrem Traumberuf, sagt sie und deutet auf die unterschiedlichen Gerätschaften und Bücher, die selbst dem Laien eine Vorstellung von der Vielfalt der Aufgaben gibt. Vor zwei Jahren hat sie eine Lehrstelle geschaffen, weil es sie getrieben hat, Handwerk und Leidenschaft weiterzugeben.

In der Buchbinderei Rux werden Dissertationen und Masterarbeiten, Chroniken und Alben, Bücher und Kladden gebunden, auf Wunsch mit Prägung, in Leder oder Bibliotheksgewebe. Hier werden auch Schuber gefertigt, auf die passend zu Einbänden schönes Marmorpapier gezogen ist. Wer will, findet hier auch antiquarische Bücher und Stiche, diese Abteilung wird von Frank Nachtigall betreut, dem privaten wie beruflichen Partner. Am allerliebsten kümmert sich Christiane Rux aber um historisches Buchmaterial, für das Privatleute wie Archive und Museen Hilfe suchen. Ein vergilbter „Struwwelpeter“ liegt auf dem Arbeitstisch neben einem alten Kochbuch und mehreren Wilhelm-Busch-Ausgaben, von denen eine vom Autor signiert ist. Und da liegt, was Rux und Nachtigall „die Bundesliga des Buchbindehandwerks“ nennen, ein „Kreuterbuch“ von Adam Lonitzer, laut Titelblatt gedruckt im Jahre 1593. Durch die Buchdeckel haben sich Würmer gefressen. Mit Getier müsse man bei alten Druckwerken immer mal rechnen, sagt Christiane Rux. „Da fühlen sich nicht nur Bücherwürmer, sondern auch Silberfischchen wohl.“

„So wenig wie möglich – so viel wie nötig“, ist das Motto in ihrer Buchbinderei. Der Zerfall soll gestoppt werden, ohne dass der Charakter der Werke verloren geht. Beim alten „Kreuterbuch“ ist das eine Arbeit von Wochen. Zunächst hat Christiane Rux es komplett auseinandergenommen, mehr als 350 Seiten einzeln gereinigt, was gerissen war, mit Japanpapier restauriert, die Lagen per Hand mit Nadel und gewachstem Faden neu zusammengefügt, vom alten Ledereinband gerettet, was zu retten war, und mit neuem Material behutsam ergänzt, die Schließen erneuert: Ein altes Buch ist wieder fit, gelesen zu werden. „Ich finde, das Alte muss erhalten bleiben“, sagt Christiane Rux. Und manchmal muss sie dann auch Kundenwünschen widersprechen, die statt größtmöglichem Erhalt lieber einen Einband wie frisch aus dem Buchladen hätten.


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