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Literatur-Nobelpreisträgerin : Herta Müllers liest in Lübeck ohne Filter

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Schriftstellerin erzählt, wie sie ihre Collagen erstellt - und hält Apothekenzeitschriften für „richtig gutes Material“.

shz.de von
erstellt am 16.Sep.2013 | 09:40 Uhr

Mal wohlige Wärme, mal Eiseskälte – Herta Müller taucht ihre Zuhörer in emotionale Wechselbäder. Begleitend zur Ausstellung „Wortkünstler/Bildkünstler. Von Goethe bis Ringelnatz. Und Herta Müller“ las die Literatur-Nobelpreisträgerin in Lübeck jetzt aus ihren Collagen. Im Wechsel dazu berichtete sie, befragt vom Leiter des Literaturhauses Berlin Ernest Wichner, von ihrer Arbeit: Herta Müller ohne Filter. Ein Erlebnis.

Gerade noch hat sie ihr Publikum im Großen Saal der Gemeinnützigen zum lauten Lachen gebracht, hat von ihren Vorarbeiten zu den Collagen erzählt, für die sie mit der Schere Wörter, Silben, Bildchen aus Broschüren, Zeitungen Magazinen sammelt, hat einen kleinen inhaltlichen Ausflug in die Welt der bunten Blätter unternommen und findet die Pointe in der Feststellung: „Die Apothekenrundschau – ah! Unglaublich gutes Material!“ Dann steuert sie auf Schicksale wie das des chinesischen Dissidenten Ai Weiwei um und ihr Wortstrom wird zum Rinnsal. Sie ist mittendrin in ihrer Geschichte: Im Banat geborene Rumäniendeutsche, von kommunistischer Diktatur bedrängt, bedroht, diffamiert.

Aber egal, ob die Worte heiter fließen oder stocken – Herta Müller legt sie immer erst auf die Goldwaage. Als Ernest Wichner die Gleichzeitigkeit von Widerstand gegen die Securitate und Tod des Vaters als „Krise“ bezeichnet, die Herta Müller zum Schreiben gebracht habe, fährt die milde auf: „Mit Krisen hab ich’s nicht so. Es war ja immer furchtbar schlimm. Das Wort Krise auf Menschen bezogen kenne ich nur aus dem Westen.“ Dann zeichnet sie nach, wie das war in dem Heimatdorf mit den ewig gleichen Leuten, Trachten, der Engstirnigkeit und dem „Dialekt, diesem furchtbaren Dialekt“. Dazu die akuten politischen Bedrohungen. „In dieser Situation habe ich angefangen zu schreiben“, sagt sie. „Ich wollte wissen: Gibt’s mich noch?“

Dann steht sie auf und liest ausgewählte Collagen, die für jedermann sichtbar auf die Wand projiziert werden. Denn bei allem Schwergewicht, das auf den Texten liegt, ansehen muss man diese unbedingt. Herta Müller, die sich zwar nicht als Bildkünstlerin verstanden wissen will, legt Wert auf Farben, Formen und Größen ihrer Wörter. Gegenüber dem Romaneschreiben sei die Arbeit mit Schere und Kleber regelrecht Erholung, sagt sie. Eine Woche, dann müsse eine Collage fertig sein, und die Wörter, „die sind ja sowieso schon da. Ich muss sie nur suchen.“ Ihre Zuhörer wissen nicht so recht, ob sie an dieser Stelle lachen sollen.

Auch als sie auf Oskar Pastior kommt, der Freund, von dem posthum eine Verwicklung mit der Securitate bekannt wurde, ist es still. Aber Herta Müller erzählt nur, wie der sich über mitgebrachte Collagen gefreut habe. „Für Oskar“ habe sie noch jeweils extra etwas dazukleben müssen. „Und wer heißt schon Oskar“, berichtet sie von der Not dieser Wortfindung: „Ich hatte schon alle Lafontaines ausgeschnitten.“ Herta Müller erntet Gelächter, steht auf und liest erneut. „Milch ist der Zwilling von Teer – in Weiß oder Schwarz kann mal lügen – Mutter schiebt ein Bonbon im Mund hin und her – Vater telefoniert mit den Fliegen.“

>Info: Die Ausstellung „Wortkünstler/Bildkünstler. Von Goethe bis Ringelnatz. Und Herta Müller“ ist noch bis bis 20. Oktober im Museum Behnhaus Drägerhaus und im Pavillon der Overbeck-Gesellschaft, Lübeck, zu sehen.


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