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Jahrhundertautor und Nobelpreisträger : Günter Grass wäre 90 geworden – Der Trommler fehlt

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Der Nachlass des Schriftstellers ist noch nicht ganz gesichtet. Eine neue 24-bändige Werkausgabe startet 2018.

shz.de von
erstellt am 12.Okt.2017 | 07:43 Uhr

Lübeck | Wegen seiner politischen Einmischungen ist Günter Grass, der am 16. Oktober 90 geworden wäre, oft geschmäht worden. Doch der laue Bundestagswahlkampf, das Verhalten von US-Präsident Donald Trump oder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un lassen die oft bissigen Kommentare des 2015 gestorbenen Nobelpreisträgers vermissen. In der deutschen Intellektuellen-Szene jedenfalls hat bisher niemand den Platz des Trommlers ausgefüllt, es dominiert eher der Klang der Stille. „Es gab so wenig Humorvolles, Niveauvolles“, sagt der frühere Grass-Lektor und langjährige Freund, der Lübecker Literaturwissenschaftler Prof. Dieter Stolz, über den Wahlkampf. Es fehle jemand, „der auch mal Tacheles redet“.

Verleger Gerhard Steidl, der lange mit Grass dessen Bücher gestaltete, sieht es ähnlich: „Ich kann hier nur spekulieren, aber die Tatsache, dass eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag einzieht, hätte ihn empört, aber vielleicht auch nicht überrascht. Er hat oft genug gesagt, dass eine Politik, die ,alternativlos‘ daherkommt, Populisten den Boden bereitet. Und er hat immer gesagt, dass die Demokratie etwas ist, um das gekämpft werden muss. Er hätte sich wohl über das Schweigen vieler Intellektueller gewundert und sich vernehmlich eingemischt, da bin ich mir sicher.“

Für Literaturfreunde spannender als vermisste politische Aperçus dürfte die Arbeit am literarischen Nachlass sein, der noch nicht vollständig ausgewertet ist. Laut Stolz gibt es „noch unendlich viel zu entdecken“ – etwa unveröffentlichte Gedichte und Prosa aus den frühen 1950er Jahren. „Allerdings gibt es, soweit ich weiß, keinen Roman, der in den Archiven schlummert.“ Bei Siegfried Lenz (1926-2014) hatte sich als Riesenüberraschung im Nachlass der fertige, aber unveröffentlichte Roman „Der Überläufer“ gefunden, der 2016 posthum erschien und zum Bestseller wurde.

Den Überblick über den Grass-Nachlass zu behalten, ist nicht ganz einfach. In der Berliner Akademie der Künste, deren Präsident Grass war, liegen die Manuskripte bis 1995 und sämtliche Korrespondenzen. Das Lübecker Günter Grass Haus, eine Ausstellungs- und Forschungseinrichtung, verfügt über einige danach entstandene Manuskripte. Die in dem Patrizierhaus ebenfalls angesiedelte Günter und Ute Grass Stiftung ist Eigentümerin der meisten seit 1995 entstandenen Werke, darunter die Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) und Grass' letztes Buch „Vonne Endlichkait“ (2015), an dem er praktisch bis zu seinem Tod gearbeitet hatte.

Hintergrund: Die sechs Stiftungen von Günter Grass

Günter Grass (1927-2015) hat zu Lebzeiten insgesamt sechs Stiftungen gegründet und mit Kapital ausgestattet. Fünf Stiftungen seien Menschen gewidmet, deren Lebensleistung Grass „beeindruckt hat und die seine künstlerischen wie politischen Leidenschaften beflügelt haben“, schreibt der Publizist Manfred Bissinger im Vorwort über Grass als Stifter in dem neuen Band „Demokratie stärken“ der August-Bebel-Stiftung zu Verleihungen des August-Bebel-Preises (Ch. Links Verlag, Berlin). Die sechs Stiftungen im Überblick:

Stiftung Alfred-Döblin-Preis

Der zuletzt mit 15.000 Euro dotierte Preis ist benannt nach dem Autor (1878-1957) des Romans „Berlin Alexanderplatz“. Ausgezeichnet werden seit 1979 noch unvollendete Manuskripte – um junge Autoren zu unterstützen, so wie es die Gruppe 47 im Jahr 1958 mit ihrem Preis für Grass' Debütroman „Die Blechtrommel“ getan hatte. Für Grass war Döblin ein literarisches Vorbild. Die Stiftung vergibt Aufenthaltsstipendien im Alfred-Döblin-Haus in Wewelsfleth (Schleswig-Holstein). Das Haus hat Günter Grass dem Land Berlin zur Förderung von Autoren überlassen.

Daniel-Chodowiecki-Stiftung (1992 gegründet)

Sie erinnert an den deutschen Zeichner (1726-1801) mit polnischen und hugenottischen Vorfahren, der einst von Danzig nach Berlin zog. Den Preis (5000 Euro), den Grass als Brückenschlag zwischen seiner Geburtsstadt Danzig und Deutschland verstand, erhalten polnische Grafiker.

Stiftung zugunsten des Romavolks (1997)

Sie verleiht den Otto Pankok Preis und einen Förderpreis – etwa alle drei bis vier Jahre. 2018 wird der Preis wieder verliehen, er ist benannt nach dem Düsseldorfer Kunstprofessor Otto Pankok (1893-1966). „Er war einer meiner Lehrer und zeichnete zeitlebens Zigeuner. Mit seiner aufrechten Haltung ist er an der Kunstakademie die für mich prägende Figur gewesen“, sagte Grass einmal. Im Umfeld der Preisvergaben gibt es oft Veranstaltungen wie bereits eine Fotodokumentation über das Leben der Sinti und Roma in Europa.

Wolfgang-Koeppen-Stiftung (2000)

Das Geburtshaus des Schriftstellers Wolfgang Koeppen (1906-1996) in Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) drohte zu verfallen. Dank der Initiative von Günter Grass und seines Freundes Peter Rühmkorf wurde es mit Hilfe des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) vor dem Verfall gerettet und ist seit 2002 eine literarischen Begegnungs- und Forschungsstätte. Ein Höhepunkt ist das Literaturfestival „Koeppentage“. Die Stiftung vergibt keinen Preis, sie fördert Veranstaltungen über Koeppens Werk.

August-Bebel-Stiftung (2010)

Sie verleiht seit 2011 alle zwei Jahre den August-Bebel-Preis – bisher an Oskar Negt, Günter Wallraff, Klaus Staeck und Gesine Schwan (2017). Die Stiftung ehrt Menschen, „die sich ähnlich August Bebel um die soziale Bewegung in Deutschland verdient gemacht haben“. Bebel (1840-1913) war einer der Begründer der deutschen Sozialdemokratie.

Günter und Ute Grass Stiftung (2011)

Sie widmet sich der Pflege und Erschließung des Werkes von Grass. Die meisten Manuskripte, die nach 1995 entstanden, sind Eigentum der Stiftung. Sie hat ihren Sitz in Lübeck. Vorsitzende des Vorstands ist Ute Grass, die Witwe des Autors. Zum Vorstand gehören auch der Germanist und Grass-Lektor Prof. Dieter Stolz, der dänische Übersetzer Per Øhrgaard und der Hamburger Jurist Joachim Kersten. Zu den Schriften der Stiftung gehören die „Freipass“ -Buchbände (Ch. Links Verlag, Berlin) mit literarischen und politischen Themen. Der dritte „Freipass“ erscheint 2018 – mit Beiträgen zur 1968er-Bewegung in Prag, Paris und Berlin sowie zum Briefwechsel von Grass und Marcel Reich-Ranicki.

Natürlich sei das zurzeit entsetzlich niedrige Zinsniveau ein Problem bei der Wiederanlage des Kapitals der Stiftungen, sagte Hilke Ohsoling, Grass' langjährige persönliche Mitarbeiterin und jetzt Geschäftsführerin der Günter und Ute Grass Stiftung in Lübeck. „Wir könnten durchaus mehr Spenden gebrauchen.“ Projektvorschläge gebe es viele, aber sie müssten realisierbar sein.

In Bremen lagert der audiovisuelle Nachlass, Grass war ein begnadeter Vorleser. Und im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg (Bayern) ist der legendäre Grass-Koffer mit frühen „Blechtrommel“-Kapitelversionen zu sehen. Entgegen Grass' Behauptung, alle Vorarbeiten zur „Blechtrommel“ vernichtet zu haben, hatte der englische Germanist John Reddick 1970 den Koffer in Grass' Pariser Arbeitszimmer einem feuchten Heizungsraum, gefunden. Grass hatte ihn offenbar vergessen.

Und das Steidl Archiv in Göttingen ist noch nicht in eine Kartei überführt. „Da liegen riesige Container im Keller des Archivs, die noch gesichtet und geordnet werden müssen“, sagt Stolz.

Ein heikles Thema bleiben die Grass-Tagebücher. Laut Steidl hat der Schriftsteller eigentlich immer Tagebuch geführt. Doch die Tagebücher bleiben gesperrt, so will es die Günter und Ute Grass Stiftung. Warum? „Ich habe die Tagebücher nicht gelesen“, sagt Stolz, der Mitglied des Stiftungsvorstands ist. „Die Befürchtung ist wahrscheinlich, dass da Dinge drin stehen, die in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben.“ Grass hat nur das Tagebuch „Unterwegs von Deutschland nach Deutschland“ von 1990 veröffentlicht. „Wenn er andere Pläne gehabt hätte, hätte er es uns kundtun sollen, was er nicht getan hat – wer weiß, wann die einmal das Licht der Welt erblicken“, sagte Stolz. Der Stiftungsvorstand habe entschieden, dass das gesperrt bleibe, „bis es eine lohnenswerte Ausnahme gibt“.

Eine neue 24-bändige Gesamtausgabe der Grass-Werke wird von 2018 an erscheinen. Sie löst die 12-bändige „Göttinger Ausgabe“ von 2007 ab. Und 16 Kommentarbände sind geplant, jeweils zu den literarischen Werken. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran“, sagte Stolz. Es werde „sozusagen eine Werkausgabe letzte Hand“, auch wenn Grass nicht mehr letzte Hand anlegen konnte. „Das soll die Referenzausgabe aller Grass-Werke werden.“ Ausgenommen sind der Werkstattbericht „Sechs Jahrzehnte“, Grass' Briefe und die Tagebücher. Es handle sich um eine aktualisierte und erweiterte „Göttinger Ausgabe“ in Einzelbänden.

Die Kommentare werden als Extrabände angeboten, sie sind nicht Teil der Werkausgabe. Anders als bei der „Göttinger Ausgabe“ soll es nicht Bände mit mehreren Werken geben. „Wenn ich ,Hundejahre‘ kaufen will, muss ich ,Katz und Maus‘ nicht mehr gleich mitkaufen in einem Band“, sagt Stolz. Die Ausgabe selbst sei ganz puritanisch: „Da gibt's nur ein Impressum, eine editorische Notiz und den Text – man würde viele Leute abschrecken mit Anmerkungsapparaten in den Büchern.“

Lässt das Interesse am Werk von Grass, der wie kaum ein anderer Schriftsteller im öffentlichen Rampenlicht stand, bereits wenige Jahre nach seinem Tod nach? „Grass ist ganz sicher nicht in Vergessenheit geraten“, sagt Steidl. „Es wird unsere Aufgabe als Verlag sein, ihn in Erinnerung zu halten und ihm neue Leserschichten zu erschließen.“ Grass selber sagte im Jahr 2000 in einer Rede: „Indem man sich an uns erinnern wird, werden wir überleben. Das Vergessen jedoch besiegelt den Tod.“

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