Geschichtenerzähler

Circus Roncalli residiert in Lübeck vor der Holstentorhalle bis Sonntag, 25. August.
Circus Roncalli residiert in Lübeck vor der Holstentorhalle bis Sonntag, 25. August.

Gefeierte Premiere am Holstentor / Die Poesie des Circus Roncall ist in Lübeck bis Ende August zu erleben

shz.de von
02. August 2019, 15:08 Uhr

Lübeck | Er ist wieder da: Nach 2015 und 2017 hat Bernhard Paul mit seinem Circus Roncalli neben dem Holstentor Quartier bezogen. Dies sei zwar einer der engsten, aber eben auch einer der schönsten Plätze, die die Tour zu bieten hat, ist von den Artisten zu hören. „Storyteller“ heißt das aktuelle Programm – Geschichtenerzähler. Und die nahmen bei der Lübecker Premiere ihr Publikum gefangen.

Roncalli, das ist Verzauberung. Für die hat Paul auch im Gründungsjahr 1975 nicht die seinerzeit noch übliche fauchende, trompetende Zirkusmenagerie benötigt. Clowns bilden bei ihm, der selber Clown ist, seit jeher das Herz. Zum Programm gehörten in der Vergangenheit zwar Nummern wie die berühmte Pferdedressur von Karl Trunk, doch auch das soll Geschichte sein, sagt Gründervater Paul. Bevor in Lübeck die Manege zur Premiere freigegeben wird, steht er selbst mit Mikrophon in der Hand im Rampenlicht und erklärt die neue Linie des Hauses: tierfrei, plastikfrei, und – ergänzend zur Bratwurst – vegetarisch und vegan. Begeisterter Applaus kommt auf im vollbesetzten Zuschauerrund, in dem ihm vis-à-vis Bürgermeister Jan Lindenau in der ersten Reihe sitzt. Der ist bekennender Zirkus-Fan, und Paul kann nicht anders, als zu verraten, dass der, um eine unverkäufliche Roncalli-Figur zu ergattern, einst für ein Kaufhaus den Weihnachtsmann mimte. Da ist man eigentlich schon mittendrin in der anrührenden Magie der Komik.

Doch bevor man die komischen Stars der Zirkustruppe, den Weißclown Gensi, den technischen Tüftler Carrilon, den distinguierten Eddy, den Beatboxer Robert, den „dummen August“ Anatoli, den breakdancenden Verwandlungskünstler Kai und den Publikumsliebling Chistirrin zu sehen bekommt, werden eben doch Tiere geboten: Pferde zuerst, schließlich Elefanten und zwischendrin wundersamerweise Goldfische, die per Holografie-Technik auf eine rundum aufgezogene Gaze projiziert sind. Mit dem Blick auf das Tierwohl hat sich eben auch der Publikumsgeschmack geändert. Aber warum ein Zirkus, der nie Wildtiere in seine Manege gelassen hat, der auch in seiner Vergangenheit tierfreie Spielzeiten hatte, sich die Elefanten nun als Holografien ins Zelt holt, wird nicht recht klar.

Dann aber entsteht sie ganz schnell, diese spezielle Roncalli-Atmosphäre, mit den Clowns im Herzen und den Artisten mit den begnadeten Körpern: Quincy Azzario zum Beispiel, die als die „Sharon Stone der Handstandkünste“ bezeichnet wird, die theatralische Luftakrobatin Adèle Fame, die vier Cedeños mit ihrer Salto- und Flugnummer, Vivian Paul, die ältere Tochter des Roncalli-Gründers, mit ihrer Partnerin Natalia Rossi als „Queens of Baroque“, die Bello Sisters oder Zhenyu Li mit ihren Equilibristik-Nummern, Ulik Robotic, der, wie aus gänzlich technisierter Zukunft in die Gegenwart gefallen, ein Pas de deux mit einem Roboterarm tanzt. Vom Beatboxing des Robert Wicke war schon die Rede. Ihm gelingt einer der strahlenden, das Publikum hemmungslos amüsierenden Höhepunkte, wenn er sich „Dietmar aus Stockelsdorf“ an die Seite holt, um ihn zum Mitmachen zu animieren.

Es endet, wie es immer endet: Mit tosendem Applaus, einem Walzer, zu dem Zuschauerinnen und Zuschauer gebeten werden, mit Konfettiregen, Luftballons, mit Standing ovations, die auch ganz besonders dem achtköpfigen Roncalli Royal Orchestra unter Georg Pommer gelten - und in diesem Jahr mit einem letzten Lied, für das Publikumsliebling Chistirrin die Runde durchs Publikum macht. Ja, singen kann er auch, der kleine Klabautermann aus Mexiko City mit dem roten Tupfer auf der Nase, der in den vergangenen Stunden die Clownskollegen aufgemischt, Posaune, Trompete, Pauke und Becken gleichzeitig gespielt, seine Faxen auch am Trapez gemacht hat. Wer braucht bei Artisten wie ihm Elefanten?

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen