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Justizvollzugsanstalt in Lübeck : Geiselnahme in der JVA: Gericht vor schwierigem Prozess

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Beamter wurde an Heiligabend 2014 in der JVA-Lübeck überwältigt. Nun werden vier Häftlinge angeklagt. Doch es gab viele Ermittlungspannen.

shz.de von
erstellt am 28.Okt.2015 | 18:18 Uhr

Lübeck | Selten hat eine Straftat für einen solchen politischen Wirbel gesorgt wie die Geiselnahme in der Justizvollzugsanstalt Lübeck. Der Vorfall kostete die Anstaltsleiterin den Job, auch Justizministerin Anke Spoorendonk (SSW) geriet ins Kreuzfeuer. Jetzt kommen die vier Geiselnehmer vor Gericht.

Für die III. Große Strafkammer am Lübecker Landgericht wird der Prozess, der kommenden Mittwoch beginnt, nicht leicht. Bei den Ermittlungen gab es Pannen, und die Angeklagten werden wohl schweigen. Heiligabend 2014 durften die vier Männer ein paar Stunden gemeinsam in einer Zelle sitzen. Um ihre Flucht aus dem Gefängnis zu erzwingen, sollen sie einen Justizbeamten durch einen gespielten epileptischen Anfall in den Raum gelockt und überwältigt haben.

„Laut Anklage täuschte mein Mandant den epileptischen Anfall vor“, sagt Rechtsanwalt Jan Kürschner, der daran allerdings Zweifel hat. Angeblich habe Eugenijus F. (37) seinen Kopf wiederholt gegen den Türrahmen geschlagen. „Verwirrend ist, dass in einer ersten Meldung an die Anstaltsleiterin zum Hergang der Name eines anderen Angeschuldigten für den epileptischen Anfall genannt wird“, so Kürschner.

In einem Brief an die Ermittler soll Eugenijus F. geschrieben haben, er habe mit der Geschichte nichts zu tun. Auch zwei weitere Mitangeklagte wollen von der Geiselnahme regelrecht überrascht worden sein. Der Justizbeamte sei in die Zelle gestolpert und auf ihn gefallen, gab einer zu Protokoll. Danach schwinde seine Erinnerung. Durch selbstgebrannten Wodka seien alle betrunken gewesen.

Den Angeklagten sind keine Blutproben entnommen worden, eine schwerwiegende Panne. Die Staatsanwaltschaft zweifelt aber nicht daran, dass es eine Absprache zur Flucht gab, hat gemeinschaftliche Geiselnahme, gemeinschaftliche schwere Körperverletzung, Nötigung und versuchte Gefangenenmeuterei angeklagt.

Als Haupttäter soll Alexej S. (23, Foto) zum Brotmesser aus Aluminium gegriffen haben. Der Deutschrusse aus Lübeck war erst ein paar Monate zuvor wegen heimtückischen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Im November 2013 hatte er in Kellinghusen (Kreis Steinburg) zwei Brüdern (24 und 26) auf offener Straße mit einem Messer in den Hals gestochen. Der ältere starb. Sein Motiv blieb im Dunkeln, möglicherweise war Alexej S. verärgert, dass die Bekannten sich nicht mehr zu Straftaten anstiften lassen wollten. Das Landgericht Itzehoe stellte die besonderer Schwere der Schuld fest.

Mit dem Messer am Hals drängte Alexej S. jetzt den Justizbeamten die Treppe des Hafthauses hinunter ins Erdgeschoss, die drei Mitangeklagten folgten. Weil der Schlüssel vom Gürtel der Geisel abgerissen war, öffneten zwei andere Beamte aus Angst um das Leben ihres Kollegen zwei Türen. Kurz danach kam es zu einem Handgemenge, bei dem es der Geisel gelang, sich zu befreien. Alexej S. soll danach nicht kampflos aufgegeben haben, noch einen Weihnachtsbaum auf die Beamten geworfen und wild um sich geschlagen haben.

Eugenijus F. hingegen soll sich nicht gewehrt und freiwillig auf den Boden gelegt haben. Trotzdem soll auf ihn eingetreten worden sein. Die Staatsanwaltschaft Lübeck ermittelt gegen einen Vollzugsbeamten wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt. Ob der Fall jemals geklärt werden kann, ist ungewiss. Rechtsanwalt Kürschner: „Mein Mandant schweigt zu diesem Sachverhalt – wohl aus Angst, denn er ist wieder in Lübeck untergebracht.“ Dort könnte Eugenijus F. lange Zeit bleiben. Er gilt als Mitglied der litauischen Bande „Die Ballspieler“, gegen die am 3. November der Prozess fortgesetzt wird. Die Gruppe soll unter anderem für den Pfandhaus-Raub von Kiel verantwortlich sein.

Politisch hat die Geiselnahme hohe Wellen geschlagen. Die damalige Anstaltsleiterin, Agnete Mauruschat, musste ihren Posten räumen, weil sie Polizei und Staatsanwaltschaft erst einen Tag später unterrichtet hatte. Die Ermittlungen wegen Verdachts der Strafvereitelung sind mittlerweile aber eingestellt. Auch Justizministerin Anke Spoorendonk geriet unter Druck, weil sie sich zunächst schützend vor die Anstaltsleiterin gestellt hatte. Für den Prozess sind 17 Verhandlungstage geplant, 30 Zeugen geladen und fünf Sachverständige bestellt. Ein Urteil wird für März erwartet.

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