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Außenminister in Lübeck : G7-Treffen: Das war der Gipfel in meiner Stadt

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Unser Redakteur Hendrik Mulert lebt auf der Lübecker Altstadtinsel - G7 aus der Sicht eines Anwohners.

shz.de von
erstellt am 15.Apr.2015 | 16:00 Uhr

Lübeck | Ausnahmezustand, Angst vor Gewalt, Tausende Polizisten und Demonstranten: Das hört sich nach Beschreibungen aus einem Krisengebiet an – fernab von Deutschland. Doch all das ist Teil einer Stadt in Schleswig-Holstein. Die Lübecker Altstadtinsel verwandelte sich am Montag für drei Tage in eine Hochsicherheitszone – die Außenminister der G7-Staaten sind zu Gast. Wo sonst Touristen aus aller Welt das Weltkulturerbe bestaunen, sichern bewaffnete Einsatzkräfte in Kampfmontur ganze Straßenzüge und verwinkelte Gassen. Zum Schutz der Politprominenz und zur Abschreckung potenzieller Krawallmacher. Das Ganze bleibt natürlich auch nicht folgenlos für die Anwohner. Einer von ihnen bin ich.

Als ich am Montagabend mit dem Auto auf die Altstadtinsel kommen möchte, muss ich meinen gewohnten Heimweg umfahren. Polizisten sichern die Zufahrt auf eine Brücke. Da kommt keiner vorbei. Zehn Minuten später bin ich an der Wohnung. Aber wo parken? Ach ja, an der Kanalstraße kann ich mit meinem Anwohnerparkausweis stehen bleiben. Ausnahmsweise. Als „Gefallen“ der Stadt – um uns Anwohner nicht noch mehr auf die Palme zu bringen.

Genervt sind viele Bürger bereits seit Wochen. In Gesprächen kommt es immer wieder zu folgenden Fragen: Die Stadt wird für den Verkehr teilweise gesperrt, wie komme ich eigentlich zur Arbeit? Und warum muss das alles überhaupt in Lübeck stattfinden?

Haltestelle in der Königstraße: Diese Polizisten warten aber nicht auf den Bus, sondern auf die Demonstranten.
Haltestelle in der Königstraße: Diese Polizisten warten aber nicht auf den Bus, sondern auf die Demonstranten. Foto: Hendrik Mulert
 

Und verunsichert sind die Menschen auch. Von Tag zu Tag mehr. Vor allem, als das „Event“ näher rückt, die hohe Polizeipräsenz seit dem Wochenende sichtbar wird. Kommt es zu Krawallen wie vor ein paar Wochen in Frankfurt um die Europäische Zentralbank? „Wir wissen alle nicht, was kommt“, sagt mir eine Verkäuferin eines Schuhgeschäfts in der Fußgängerzone nicht ganz unaufgeregt am Wochenende. Geschlossen werden soll der Laden aber erstmal nicht.

Der Besitzer eines kleinen Lebensmittelladens gibt sich wenig später ganz gelassen. „Ach, was soll denn passieren? Ich habe den Krawallmachern doch nichts getan. Und versichert bin ich ja auch“, sagt er. 72 Stunden später – am Dienstag – sehe ich ihn am Rande der großen Stop-G7-Demo. Er wirkt nervös, als er sich die bewaffneten Polizisten und die vorbeilaufenden Demonstranten ansieht.

Wenn etwas passiert, dann wohl am Dienstag. So die einhellige Meinung. Dann beginnt das Außenminister-Treffen, dann wird die größte Demo erwartet. Angekündigt haben sich auch vermeintlich gewaltbereite Gruppen aus dem Ausland.

Kein Wunder also, dass vor allem an diesem Tag Anspannung in der Stadt herrscht. Als ich das Haus gegen 9 Uhr verlasse, wirkt die Stadt gespenstisch ruhig. Ein paar Geschäfte und Kneipen sind mit Holzplatten verbarrikadiert, an anderen zieren Botschaften wie diese die verschlossenen Türen: „Wegen des G7 bleibt unser Geschäft bis einschließlich Mittwoch geschlossen“.

Ein typisches Bild in diesen Tagen in Lübeck: Polizeiwagen und verbarrikadierte Häuser.
Ein typisches Bild in diesen Tagen in Lübeck: Polizeiwagen und verbarrikadierte Häuser. Foto: Hendrik Mulert
 

Den Gang über den Rathausplatz kann ich mir sparen, da ist eh alles dicht. Im altehrwürdigen Gebäude gibt es später lecker Abendessen für die Außenminister. Und davor ein paar Statements für die Presse. Ich mache also einen großen Bogen um eines der Aushängeschilder der Stadt.

Wegen G7: Kein Durchkommen am Rathaus-Platz.
Wegen G7: Kein Durchkommen am Rathaus-Platz. Foto: Hendrik Mulert
 

Und dann wage ich mich auch noch zur nächsten No-Go-Area – in den Bereich rund um das Hansemuseum. Ein Glück, dass ich da nicht mehr wohne, denke ich mir. Die Kleine Altefähre war ein paar Jahre mein Zuhause, nur ein paar Meter entfernt von dem Neubau an der Untertrave, in dem am Mittwoch Weltpolitik besprochen wird. Während des G7 ist der untere Bereich der Straße komplett abgesperrt. „Wie kommen denn aber die Anwohner in ihre Wohnungen?“, frage ich einen der Polizisten an der Absperrung. „Da muss man sich ausweisen“, antwortet er. Teilweise brächten die Beamten die Anwohner auch direkt zum Hauseingang.

In dieser Straße war bis vor einem Jahr das Zuhause unsereres Reporters. Während des G7 ist sie Teil einer Hochsicherheitszone.
In dieser Straße war bis vor einem Jahr das Zuhause unsereres Reporters. Während des G7 ist sie Teil einer Hochsicherheitszone. Foto: Hendrik Mulert
 

Ein paar Schritte weiter treffe ich ein älteres Ehepaar aus England. Die Touristen sind mit einem Stadtplan unterwegs. Sie scheinen verwirrt. „Kann ich helfen?“, will ich wissen. „Nicht so wirklich“, antworten sie mir. Sie hätten bis vor Kurzem nichts von dem G7-Gipfel gewusst – und vor allem die Ausmaße der Absperrungen unterschätzt. Sie tun mir leid, Lübeck ist sonst immer eine Reise wert.

Die Ruhe vom Vormittag weicht langsam Hektik, die Außenminister erreichen nach und nach die Stadt. Dementsprechend neugierig eilen die Lübecker mit ihren Handy-Kameras Polizei-Kolonnen hinterher, die die Staatsgäste sicher zu ihren Zielen bringen sollen. „Einen Schnappschuss von Steinmeier und Co. werde ich doch bestimmt bekommen“, scheint der ein oder andere zu hoffen. 

Hier durften die Lübecker durch. Andernorts hieß es seitens der Polizei oft: Hier geht es nicht weiter. Das ging vielen Anwohnern auf die Nerven.
Hier durften die Lübecker durch. Andernorts hieß es seitens der Polizei oft: Hier geht es nicht weiter. Das ging vielen Anwohnern auf die Nerven. Foto: Hendrik Mulert
 

Und auch die große Stop-G7-Demo wirft ihre Schatten voraus. Auf dem Klingenberg, nicht weit entfernt vom Rathaus, sammeln sich erste Demonstranten. Etwa 2000 sind es, die sich am späten Nachmittag auf den Weg durch die Innenstadt Richtung Hansemuseum machen. Alles bleibt friedlich – zum Glück. Vom Lautsprecher-Wagen ertönt Musik, es kommt sogar Party-Stimmung auf. Die Demo endet gegen 19.15 Uhr, die Teilnehmer verteilen sich in alle Himmelsrichtungen.

Stiller Protest am Dienstagabend.
Stiller Protest am Dienstagabend. Foto: Hendrik Mulert
 

Wirklich schwere Ausschreitungen gibt es auch nicht, als es langsam dunkel wird. Doch die vielen Schaulustigen erleben an diversen Orten der Stadt eine Art Katz-und-Maus-Spiel zwischen einzelnen Demonstranten-Gruppen und der Polizei. Vor allem sind es Jugendliche, die das „Spektakel“ verfolgen wollen und dort hinrennen, wo es zur Sache geht. Leider gibt es auch unschöne Bilder, als Polizisten und Demonstranten direkt aufeinanderprallen.

Spannungen zwischen Polizei und Demonstranten. Kurz zuvor hatte ein Beamter einen von ihnen am Boden fixiert.
Spannungen zwischen Polizei und Demonstranten. Kurz zuvor hatte ein Beamter einen von ihnen am Boden fixiert. Foto: Hendrik Mulert
 

Der Ausnahmezustand hält bis zum späten Abend an. Doch die Situation entspannt sich zusehends.

Als ich am Mittwochmorgen aufwache, freue ich mich gleich zweimal: Erstens scheint die Sonne und es ist endlich wieder warm. Zweitens erfahre ich, dass es auch in der Nacht zu keinen Ausschreitungen gekommen ist. „Schön, dass alles bald vorbei ist“, ruft mir eine Nachbarin zu, als ich Brötchen vom Bäcker hole.

Dass der „Spuk“ aber noch nicht ganz vorbei ist, wird mir bewusst, als ich mehrere Dutzend geparkte Polizeiwagen an einer Hauptstraße sehe. Doch die Lage bleibt am Mittwoch entspannt. Einige Geschäfte, die am Dienstag noch geschlossen hatten, begrüßen wieder ihre Kunden. Krawalle sind nicht mehr zu befürchten.

Aber erst heute Abend, denke ich mir, ist wohl alles geschafft. Dann bekommen die Lübecker ihre Stadt langsam zurück.

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