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Ein Keller erzählt die Geschichte eines Viertels

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Im einstigen Handwerkerviertel um St. Aegidien wird erst gegraben und dann gebaut

Wenn gebaggert wird in Lübeck, dann zeigt sich sofort: Überall in der Hansestadt ist geschichtsträchtiger Grund. Im „Gründungsviertel“ beispielsweise wurde nach dem Abriss der Berufsschulen umfangreich gegraben, jetzt geht es um die angemessene Bebauung. Hinter verschlossen Türen werden Donnerstagabend im Foyer der Bauverwaltung Experten aus nah und fern über die Neubebauung des Innenstadtquartiers diskutieren. Der Neuaufbau des Lübecker „Gründungsviertel“ ist eines der herausragendsten und anspruchsvollsten Projekte des Unesco-Welterbes „Lübecker Altstadt“.

Im Gründungsviertel waren Keller zahlreicher Kaufmannshäuser frei gelegt worden. Doch nicht alle Lübecker wohnten im Mittelalter so großzügig wie dort. Das zeigt eine aktuelle Grabung in der Wahmstraße / Ecke Balauerfohr – einen Steinwurf von der St. Aegidienkirche entfernt. Wo viele Jahre ein Döner-Laden in einem Pavillon residierte sollen auf kleiner Grundfläche komfortable Eigentumswohnungen entstehen. Zunächst aber muss der Boden sorgfältig unter die Lupe genommen werden. Denn just an dieser Stelle ging in der Bombennacht, Palmarum 1942, eine Fliegerbombe nieder, die das Areal Wahmstraße in Schutt und Asche legte, die St. Aegidienkirche aber verschont ließ. Nach Palmarum 1942 wurde die Ecke nur provisorisch bebaut. Für die städtischen Archäologen bietet sich jetzt die Gelegenheit, tiefen Einblick in die Geschichte dieses Areals zu nehmen. Und die reicht weit zurück: Eine Bebauung an dieser Stelle wurde erstmals im Jahr 1275 erwähnt. Damals war die Wahmstraße noch deutlich schmaler und mündete versetzt in die Krähenstraße ein. Erst nach 1942 wurden beide Straßen so gestaltet, das sie eine Linie zur Rehderbrücke bilden.

„In diesem Bereich der Altstadt wohnten Handwerker. Entsprechend klein waren die Häuser“, berichtet Archäologe Dr. Peter Steppuhn: „Auf dem kleinen Grundstück an dieser Ecke standen vier Häuser.“ Zwei der Häuser besaßen Keller, die nun freigelegt werden. Es fanden sich zahlreiche Keramikstücke und Alltagsgegenstände, die vom Leben in den Jahrhunderten Zeugnis ablegen.

Neben der Feuersbrunst im Zweiten Weltkrieg haben die Archäologen noch weitere Spuren eines Brandes gefunden. Im 13. oder 14. Jahrhundert müsse es auf dem Gelände schon mal gebrannt haben. Die Gebäude wurden auf den alten Brandresten neu aufgebaut. Und noch etwas konnten die Archäologen aus den Kellerresten ermitteln: Die Häuser der Handwerker waren zwar kleiner als die der angesehenen Kaufleute im Gründungsviertel auf der anderen Seite der Altstadtinsel, sie bestanden aber ebenfalls aus Backsteinen im so genannten Klosterformat.

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