Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg : Durchgangslager Pöppendorf: Neue Ausstellung zeigt den Lageralltag in Lübeck

Die Barackenstraße im Durchgangslager Pöppendorf.
Die Barackenstraße im Durchgangslager Pöppendorf.

Nach 1945 kamen hunderttausende Flüchtlinge aus Westpreußen, Danzig und Ostpreußen nach Lübeck. Daran erinnert eine Ausstellung.

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26. Oktober 2018, 18:05 Uhr

Lübeck | Mit einem fast vergessenen Kapitel schleswig-holsteinischer Nachkriegsgeschichte befasst sich eine Sonderausstellung in der Geschichtswerkstatt Herrenwyk in Lübeck. Die Schau „Vertrieben - verloren - verteilt. Drehscheibe Pöppendorf 1945-1951“ beleuchtet die Geschichte des größten Flüchtlingsdurchgangslagers Norddeutschlands im Stadtgebiet von Lübeck.

Wäsche waschen unter schwierigen Bedingungen: Durchgangslager Pöppendorf
Fotoarchiv der Hansestadt Lübeck, Sammlung Gottschalk

Wäsche waschen unter schwierigen Bedingungen: Durchgangslager Pöppendorf

Mit bislang unveröffentlichten Bildern, Erinnerungsstücken und Berichten von Zeitzeugen vermittelt die Ausstellung einen Eindruck vom Leben in dem Lager, das innerhalb von sechs Jahren nach Angaben von Ausstellungskurator Christian Rathmer schätzungsweise 750.000 Menschen durchlaufen haben. Die Exposition wird am Sonntag (11.00 Uhr) eröffnet und ist bis zum 28. April 2019 zu sehen. „Die Ausstellung ist keine Reaktion auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte, denn die Idee dazu ist bereits lange vor 2015 entstanden“, sagte der Historiker Rathmer am Freitag. Dennoch könne sie auch daran erinnern, dass viele heutige Lübecker oder deren Eltern selbst einmal Flüchtlinge waren, sagte er.

Vom Kriegsgefangenen- zum Flüchtlingslager

Das Lager im Waldhusener Forst wurde im Juli 1945 von der britischen Militärregierung zunächst als Entlassungslager für die aus Norwegen zurückkehrenden deutschen Kriegsgefangenen eingerichtet. Von Oktober 1945 an wurde Pöppendorf dann zur Drehscheibe für Flüchtlinge, Vertriebene und ehemalige Zwangsarbeiter, die in ihre Herkunftsländer zurückwollten. 

Ein ankommendes Paar vor dem Lagerschild.
Fotoarchiv der Hansestadt Lübeck, Sammlung Gottschalk

Ein ankommendes Paar vor dem Lagerschild.

„In Spitzenzeiten kamen täglich rund 1500 Menschen hier an und ebenso viele verließen das Lager wieder“, sagte der Historiker. Ab 1947 waren allerdings die Aufnahmekapazitäten der Gemeinden erschöpft, so dass die dann eintreffenden Vertriebenen oft Monate lang blieben. 

Die Unterbringung auch jüdischer Flüchtlinge sorgte weltweit für Empörung

Auch die jüdischen Flüchtlinge vom Auswandererschiff „Exodus 47“ wurden im Herbst 1947 für zwei Monate im Lager Pöppendorf untergebracht, nachdem die Briten das Schiff zuvor vor Palästina gestoppt hatten. „Die Unterbringung der jüdischen Auswanderer in einem mit Zäunen und Wachtürmen gesicherten Lager in Deutschland sorgte damals weltweit für Empörung“, sagte Rathmer. 

Schwieriges Zurechtfinden: Wegweiser im Lager.
Fotoarchiv der Hansestadt Lübeck

Schwieriges Zurechtfinden: Wegweiser im Lager.

Für die Ausstellung haben er und seine oft ehrenamtlich tätigen Mitstreiter in Archiven geforscht und mit Zeitzeugen gesprochen. „Einige von denen, die damals Kinder waren, leben noch und haben bereitwillig von ihren Eindrücken erzählt“, sagte der Kurator.  Die Schau zeigt die primitiven Verhältnisse, unter denen die Flüchtlinge leben mussten. Bis zu 60 Menschen waren in einer Nissenhütte untergebracht, in der in kalten Nächten das Wasser von den Wänden tropfte.

Eine der spartanischen Nissenhütten von innen.
Fotoarchiv der Hansestadt Lübeck, Sammlung Gottschalk

Eine der spartanischen Nissenhütten von innen.

 

Das Lager wurde 1951 geschlossen und zurückgebaut. „Heute erinnern nur noch die Vertiefungen der ehemaligen Latrinen im Wald an das Lager“, sagte Rathmer.

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