Die Dampflok unterm Dach

Hat sich im Dachgeschoss seines Reihenhauses, im ehemaligen Kinderzimmer seines Sohnes, einen Traum erfüllt: Jochen Lawrenz. Der 79-Jährige war Lokführer. Für ihn kein Beruf wie jeder andere.
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Hat sich im Dachgeschoss seines Reihenhauses, im ehemaligen Kinderzimmer seines Sohnes, einen Traum erfüllt: Jochen Lawrenz. Der 79-Jährige war Lokführer. Für ihn kein Beruf wie jeder andere.

Führerstand mit Heizkessel, Manometer, Dampfregler, Hebel, Rohre, Schrauben – alles da: Hier ist der Lübecker Jochen Lawrenz am Zug

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22. Dezember 2017, 14:08 Uhr

Dampfloks und Zubehör, wohin man blickt: Modelleisenbahnen, Loknummernschilder, Lokbeheimatungsschilder, eine Uniformjacke, Signale, Loks auf Briefmarken, Fotos, Zeichnungen, Plakate, Folianten, Fachbücher und schließlich das Sahnestück unterm Dach im ehemaligen Kinderzimmer seines ältesten Sohnes: Ein kompletter Dampflok-Führerstand. Wir sind bei Jochen Lawrenz in Lübeck-Buntekuh und mitten drin in seiner Leidenschaft. Der 79-Jährige war Lokführer. Für ihn kein Beruf wie jeder andere, sondern lebenslange Passion.

Am 1. April 1957 wird morgens um 8 Uhr ein Jungentraum wahr. Jochen Lawrenz aus Weede im Kreis Segeberg tritt seine Ausbildung bei der Deutschen Bundesbahn an. Lokführer will er werden, seit er denken kann. Vorgezeichnet war der Weg bis dahin nicht. Von der Volksschule hatte Lawrenz den Schritt aufs Gymnasium gemacht, doch der Jugendtraum war stärker als die Aussicht auf eine akademische Zukunft.

Jochen Lawrenz beendet die Schule mit der Mittleren Reife, macht, das ist in den 1950er Jahren Bedingung für die Ausbildung zum Lokführer, eine Schlosserlehre; dann ist der Weg frei zum Bahnbetriebswerk Hamburg-Eidelstedt. Er hat seinen Beruf von der Pike auf gelernt. „Wer Lokführer werden wollte, musste erst mal alle Drecksarbeiten machen“, sagt er und blättert Fotos hin. Bis zum Mai 1961 zieht sich seine Ausbildung. Die hätte man komprimieren können, sagt Lawrenz, aber so war das damals eben. Dann ist er Lokführer und der Traum bleibt ein Traum.

Sein Berufsweg startet in Eidelstedt, führt über Husum, wo er mehr als zehn Jahre lebt, dann nach Lübeck. Seine Eisenbahnen fahren nach Lübeck, Kirchweyhe, von Hamburg nach Westerland, nach Dänemark und nach dem Fall der Mauer nach Schwerin. Mecklenburg wird da noch von der Deutschen Reichsbahn der ehemaligen DDR befahren, das darf nur, wer eine entsprechende Prüfung ablegt. „In der DDR galten andere Fahrdienstvorschriften“, sagt Jochen Lawrenz.

Nicht, dass er nur Dampfloks gefahren hätte. Für die zischenden, schnaufenden Eisenrösser war in der Bundesrepublik 1977 ohnehin Schluss. Aber Lawrenz, der Lokomotivführer, hatte sein Sammlerherz und seinen historischen Verstand an die zischenden, schnaufenden Eisenrösser verloren. „Jochens letzte Fahrt“ steht auf einem Plakat, dazu das Datum: 31.12. 1998. Dies sei zwar die letzte Tour seiner Dienstzeit gewesen, sagt Lawrenz, Dampflok-Sonderfahrten nach Westerland und Puttgarden machte er aber noch bis 2003. Natürlich kennt er noch die Details seiner letzten Dienstfahrt: Von Hamburg nach Lübeck ging die, „und wer mir entgegenkam, der hat akustisches Signal gegeben“.

Die Pension hat die Leidenschaft nicht gelöscht, im Gegenteil, sie hat sich im wahrsten Wortsinn als ausbaufähig erwiesen. Jochen Lawrenz geht voran ins zweite Obergeschoss seines Reihenhauses, der Weg führt vorbei an aberhunderten der oben erwähnten Lok-Exponate und dann steht man offenen Mundes vor besagtem Führerstand mit Heizkessel, Manometer, Dampfregler, Hebeln, Rohren, Schrauben – alles gesammelt, im Raum zusammengebaut und angeordnet wie bei einer originalen 38er Lok. „Ich komm an keiner Schrottkiste vorbei“, sagt er. Vom Band sind Standgeräusche einer Dampflok zu hören, am Kessel vorbei geht der Blick auf Gleise; die sind die Vergrößerung einer ziemlich raffiniert ausgesuchten Fotografie, die die Staatsanwaltschaft Hamburg einmal für Ermittlungen zu einem Unfall anfertigen ließ.

„Rechts sitzt der Lokführer, links der Heizer“, sagt Lawrenz, deutet auf zwei Sitzgelegenheiten und zeigt dann auf ein Manometer, das wie bei einer tatsächlichen Fahrt zwölf Atmosphären Kesseldruck anzeigt, weil er den Druckmesser geöffnet und in Stellung gebracht hat. Wie im richtigen Schlosser- und Eisenbahnerleben ist eine Männerhandvoll Putzwolle im Gestänge am Kessel deponiert. Gerade will man fragen, wie der Wohnraum das Eisenross überhaupt tragen kann, als Lawrenz an den Kessel pocht: Holz, mit Stahlblech verkleidet, „mit Original-Stahlblech“, sagt der Erbauer der leichteren Variante. Ebenfalls nachgebaut ist die Feuertür.

Wie kommt man auf die Idee, sich einen Dampflok-Führerstand unters Dach zu bauen? Jochen Lawrenz tut sein Bestes, ein Stück seiner Leidenschaft zu vermitteln. Um die Erinnerung an eine überholte Fortbewegungsart geht es dabei, um industrielle Ästhetik und ganz persönliche Begegnungen mit Menschen und Maschinen. Seltsam oder gar „verrückt“ findet Lawrenz seine Sammellust überhaupt nicht. Er weiß von Kollegen im Rheinland, die sich auch einen Führerstand aufgebaut haben.



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