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Hamburg : Der Schließfach-Schock wirkt nach

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Eine Freundin der 39-Jährigen, die die Babyleichen im Schließfach des Hamburger Hauptbahnhofes ablegte, weiß keine Erklärung für das Verhalten ihrer Freundin.

shz.de von
erstellt am 24.Sep.2014 | 15:41 Uhr

Hamburg | Sechs Geburten, drei versteckte Babyleichen: Der Fall von Svenja K. (39) hat die Region nachhaltig erschüttert. Was hat die dreifache Mutter aus Bad Schwartau (Kreis Ostholstein) zu den Taten getrieben? Jetzt spricht eine Freundin über den „Schließfach-Schock“, wie sie es nennt.

„Niemals hätte ich Svenja das zugetraut“, sagt Doris Menke (Name geändert). Beide hatten sich im Jahr 2011 bei der Arbeit in einem Hotel in Timmendorfer Strand kennengelernt. „Svenja war als stellvertretende Hausdame im Management tätig“, sagt Menke. „Ein richtig netter Typ. Die Lehrlinge kamen mit ihren Problemen zu ihr, konnten das Herz ausschütten. Sie wollte, dass alle sich wohlfühlen.“

Drei Kinder hatte Svenja K. damals – und gerade ein neugeborenes Mädchen auf dem Rensefelder Friedhof in Bad Schwartau verscharrt.

„Ich habe sie bewundert wie sie das macht mit dem Job und ihren drei Kindern, der Schule und den Hausaufgaben“, sagt Doris Menke. „Sie hat ja fünf Tage die Woche gearbeitet, dazu noch die Schichten am Wochenende.“

Über den Fund der toten Babys in dem Schließfach am Hamburger Hauptbahnhof sagt die Freundin: „Ich will Svenja nicht in Schutz nehmen, aber mir ist es völlig unverständlich, dass ihr Ehemann nichts gemerkt haben will. Uns Kollegen ist ja auch eine Veränderung aufgefallen. Svenja ist ein pummeliger Typ, 2013 war sie auf einmal sichtlich dünner geworden. Uns hat sie gesagt, sie habe eine Diät gemacht. Im Fahrstuhl ist sie dann umgefallen, der Kreislauf. Wir dachten, weil sie in kürzester Zeit so viel abgenommen hat. Heute weiß ich, es war eine der Schwangerschaften. Wir haben sie damals gewarnt: Mach nicht noch einmal so eine Radikaldiät.“

Psychisch habe man ihr den tiefen Einschnitt nicht angemerkt. Stattdessen habe die dreifache Mutter allen Kollegen viel von ihren Kindern erzählt. „Es hörte sich nach einem harmonischen Familienleben an. Vielleicht hat Svenja in einer Traumwelt gelebt. In Wahrheit muss ihr doch jemand gefehlt haben, dem sie sich mit ihren Nöten anvertrauen konnte. Ich glaube, ihre ganze Familie hat sie da irgendwie im Stich gelassen.“

Die Lübecker Staatsanwaltschaft ermittelt weiter wegen der Tötung von Neugeborenen. Auf eine Aussage von Svenja K. darf sie jedoch nicht hoffen. „Sie hat sich einen Verteidiger genommen, spricht nicht mehr mit uns“, erklärt der Leitende Oberstaatsanwalt Thomas-Michael Hoffmann.

Totgeburt oder getötetes Kind? Beim Baby vom Rensefelder Friedhof war es nicht mehr möglich, diese Frage zu klären, zu stark die Verwesung. Das Verfahren gegen Svenja K. wurde eingestellt. Bei den Schließfach-Babys wollten die Ermittler nicht aufgeben – obwohl die die üblichen Verfahren der Gerichtsmedizin nicht gegriffen haben. Staatsanwalt Hoffmann: „Wegen der fortgeschrittenen Fäulnis war zum Beispiel der sogenannte Schwimmtest der Lungen gar nicht mehr möglich.“ Die Lungen von Neugeborenen schwimmen nur, wenn sie auch geatmet haben.

Nun will die Staatsanwaltschaft aber Spezialisten hinzuziehen, die herausfinden sollen, ob die beiden Babys bei der Geburt gelebt haben. „Wir lassen nichts unversucht“, sagt Hoffmann.

Aber warum hat sich das Jugendamt nach dem Fund des ersten Babys nicht um die Familie gekümmert, vielleicht hätte das zweite Drama verhindert werden können? Anja Sierks-Pfaff, Sprecherin des zuständigen Kreises Ostholstein: „Wir waren nie mit dem Fall befasst, weil niemand an uns herangetreten ist. Dies wäre Aufgabe der Ermittler gewesen, wir wussten damals ja nicht einmal den Namen der Mutter.“

Wenn eine Gefährdung der drei minderjährigen Kinder vorgelegen hätte, wäre das Jugendamt informiert worden, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Die Kripo habe das überprüft und solide Familienverhältnisse vorgefunden. Man habe der Mutter allerdings Material mit Hilfestellungen für den Fall einer weiteren Schwangerschaft übergeben.

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