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Flughafen Lübeck : Der neue Investor hat einen zweifelhaften Ruf

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der neue Heilsbringer für den Erhalt des Lübecker Flughafens heißt Winfried Stöcker. Die Begeisterung der Hanseaten ist so groß, dass sie ganz zu vergessen scheinen, wer dieser Mann eigentlich ist.

Keine Hoffnung? Kleine Hoffnung? Die letzte Maschine ist vom Flughafen Lübeck gestartet, die Zahl der Mitarbeiter von 75 im September 2015 auf 31 heruntergefahren. Im Ringen um eine Lösung für den insolventen Airport hat sich mit dem Lübecker Mediziner und Unternehmer Winfried Stöcker ein Mann zu Wort gemeldet, der schon einmal Interesse am krisengeschüttelten Betrieb zeigte. Fachkundiges Personal hätte er auch in petto. Lokalpolitiker und lokale Wirtschaftsvertreter sind dem Gedanken an Stöcker als Retter nicht abgeneigt. Vergessen sind randständige Äußerungen.

Wenn sich kein Käufer findet, ist Mitte Mai Schicht im Schacht. Diese Frist, die mutmaßlich allerletzte, hat Insolvenzverwalter Klaus Pannen erkämpft; die Stadt hat dafür auf das Vorkaufsrecht an einem Grundstück verzichtet. Viel ist nicht mehr los am Flughafen, seit die letzte Maschine des einzig noch verbliebenen Kunden Wizz Air abgehoben hat. Wie zuvor Ryanair ist der ungarische Billigflieger nach Hamburg-Fuhlsbüttel abgewandert. Und wo kein Passagierverkehr ist, machen andere Geschäfte auch keinen Sinn.

 

Die Hoffnung allerdings stirbt nicht nur zuletzt, sie ist sogar wieder aufgeflackert. Denn außer mit einem Interessenten, der in Blankensee ausgemusterte Flugzeuge recyceln, und einem, der den Airport als Flugplatz erhalten will, hat sich Winfried Stöcker, Chef des Medizintechnik-Unternehmens Euroimmun, zu Wort gemeldet. Sein Unternehmen grenzt an das Flughafengelände, vor vier Jahren hatte Stöcker den Verbleib seiner Firma in Lübeck mit der Existenz des Flughafens in Zusammenhang gebracht.

Aktuell ist klar, dass es Linienflüge vorerst nicht ab Lübeck geben wird – egal, wie ein neuer Besitzer hieße. So will Stöcker dem Vernehmen nach zunächst vor allem die Betriebsgenehmigung des Airports erhalten und das Planfeststellungsverfahren zum Abschluss bringen. Betriebskostenzuschüsse von der Stadt, die er bei seinem Anlauf vor drei Jahren noch forderte, stehen aktuell nicht zur Debatte.

Dafür hat er zwei Leute auf seiner Gehaltsliste, die sich bestens mit dem Lübecker Airport auskennen: Jürgen Friedel, der bis Oktober 2013 fast zweieinhalb Jahre Geschäftsführer des Flughafens war, und Stefanie Eggers. Beide hat Stöcker 2014 für sein Görlitzer Kaufhaus-Projekt engagiert, Friedel als Projektleiter, die ehemalige Flughafen-Sprecherin Eggers als Projektmanagerin. Obgleich skeptisch, steht zumindest Friedel offenbar parat. Der NDR zitierte ihn jüngst so: „Ich bin ja selbst sehr skeptisch für die nächsten Jahre – und so sagt das auch Herrn Stöcker. Aber er glaubt langfristig daran. Und hat ja auch bei Euroimmun schon öfter den richtigen Riecher bewiesen.“

 

Begrüßt wird das Engagement des rührigen Unternehmers von Hanse-Belt, Kaufmannschaft, IHK. Im Rathaus herrscht mehrheitlich die Meinung, dass ein privater Weiterbetrieb des Flughafens für die Stadt günstiger sei als die Abwicklung, Bürgermeister Bernd Saxe spricht Stöcker „beste Voraussetzungen“ zu.

Von Politik und Wirtschaft offiziell nichts zu hören ist derzeit über Stöckers eigenwillige Stellungnahmen zu bundespolitischen Phänomenen. Das war im Dezember 2014 noch anders, als er als Hausherr des Görlitzer Kaufhauses erst ein Willkommenskonzert für Kriegsflüchtlinge verbot und dann in einem Interview mit der „Sächsischen Zeitung“ nachlegte: Diese Flüchtlinge seien ihm nicht willkommen. „Die reisefreudigen Afrikaner sollen sich dafür einsetzen, dass der Lebensstandard in ihrem Afrika gehoben wird, anstelle bei uns betteln zu gehen“, hatte er gesagt, sich hinterher öffentlich für die Wortwahl entschuldigt, in der Sache jedoch nicht nachgelassen. Damals hatten sich Universitäts-Offizielle von ihrem Sponsor Stöcker distanziert und Lübecks CDU-Fraktionsvorsitzender Andreas Zander klare Kante gezeigt: „Wenn jemand das in der heutigen Zeit ernsthaft äußert, muss man sich überlegen, ob er sich nicht auf seinen geistigen Zustand untersuchen lassen muss.“

Löste mit seinen Aussagen eine Diskussion aus: Der Unternehmer Wlnfried Stöcker. Archivbild
Löste mit seinen Aussagen eine Diskussion aus: Der Unternehmer Winfried Stöcker. Archivbild Foto: dpa
 

Neuere Äußerungen des potenziellen Flughafen-Käufers sind kein Thema an der Trave. Die sind nachzulesen zwischen einem Rezept für Rhabarber-Kaltschale, einer ausführlichen Anweisung zum Thema „Bemalte Spiegeleier für das Osterfest“ und dem „Aufruf zum Sturz der Kanzlerin Merkel“ in einem Interview mit der Online-Zeitung „Buergerstimme – Zeit für Veränderung“. Dort nimmt er wieder einmal Stellung zu seinem umstrittenen Interview mit der „Sächsischen Zeitung“ vom Dezember: „Dass aber die Sensationspresse in Görlitz und in Lübeck daraus so einen Skandal macht, damit habe ich nicht gerechnet“, klagt er. Die „Buergerstimme“ macht ansonsten mit Schlagzeilen wie „Frankreich: Offene Wahlmanipulation verhindert Erfolg des Front National“ von sich Reden. Das Stöcker-Interview überschreibt sie mit „Aufstand der Anständigen“. In ihm gibt Stöcker am Ende „Menschen da draußen“ mit auf den Weg: „Lassen Sie sich Ihr demokratisches Recht auf Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit nicht nehmen, weder von Politikern, noch von arroganten Journalisten, die glauben, Ihnen vorschreiben zu dürfen, was Sie zu denken und zu sagen haben, und die einfältig und überheblich auf Menschen herabblicken, deren stichhaltige Beweggründe sie nicht durchschauen.“

Insolvenzverwalter Klaus Pannen will im Mai entscheiden, wer den Flughafen bekommt.

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erstellt am 24.Apr.2016 | 10:34 Uhr

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