Der Lübecker Marzipanapfel

Einmal kosten, bitte: (v.l.) Meinrad Hieble,Heinz Egleder, Antje Hay, Museumschefin Susanne Füting und Rüdiger Brandt laden ein zum zweiten Lübecker Apfeltag.
Einmal kosten, bitte: (v.l.) Meinrad Hieble,Heinz Egleder, Antje Hay, Museumschefin Susanne Füting und Rüdiger Brandt laden ein zum zweiten Lübecker Apfeltag.

Im Domhof sind beim 2. Lübecker Apfeltag in Vergessenheit geratene Sorten wiederzuentdecken

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04. Oktober 2018, 17:49 Uhr

Wenn das kein Grund zum Feiern ist: Seit Jahren waren die Apfelerträge nicht so reich wie 2018. Und die lange sonnige Trockenheit, die so viele andere Gewächse in Not brachte, hat dem Obst ein besonders intensives Aroma verliehen. An diesem Sonntag, 7. Oktober, kann man sich in Lübeck davon überzeugen. Am Tag des Erntedankfestes laden das Museum für Natur und Umwelt, der Verein Hanse-Obst und das Netzwerk „Essbare Stadt“ in den Domhof zum 2. Lübecker Apfeltag.

Die Frucht vom Baum der Erkenntnis, das soll sich dort wie schon 2017 zeigen, ist tausendfach vielfältiger, als der moderne Mensch ahnt. Er scheint so alltäglich, der Apfel. Wie ein Ei dem anderen gleichen sich die Früchte in den Auslagen der Supermärkte. Wenn dort mehr als fünf Sorten angeboten werden, wähnt sich der Kunde schon im Paradies der Vielfalt. Ein Witz - und in den Augen der Pomologen ein schlechter. Mehr als 30 000 Apfelsorten gibt es weltweit, in Deutschland, so schätzt Heinz Egleder von Hanse-Obst, allein 3000. Er kümmert sich im Lübecker Raum seit Jahren um den Fortbestand alter Obstsorten und schafft paradiesische Zustände. Nicht nur auf seinem 35000 Quadratmeter großen Gelände am Krummesser Baum, auf dem Äpfel, Birnen, Kirschen Pflaumen, Quitten, 150 alte Obstgehölze insgesamt mit dem Lübecker Marzipanapfel in ihrer Mitte, leben und wo – Egleder will keine Obstplantagen, sondern Obstbiotope – Laubfrosch- und Eidechsenpopulationen, Bienen, Erdhummeln, Schmetterlinge, Meisen, Zilpzalps, Nachtigallen, Nesseln, Wiesenbärenklau und ihre Räume finden. Hanse-Obst, 2013 mit dem Ziel, Obst-Kultur zum Wohl von Mensch, Tier und Pflanze zu erhalten, ins Leben gerufen, hat 1000 Obstbäume in Lübeck und Umgebung gepflanzt. Bisher.

Und der Verein hat in Vergessenheit geratene Obstsorten aufgestöbert und nachzüchten lassen, der Lübecker Marzipanapfel ist eine davon, der Ruhm von Lübeck eine andere. Auch darum geht es beim Apfeltag: alte lokale Sorten wiederzuentdecken. Wer bislang Unbekanntes in seinem Garten erntet, dem will Pomologe Jens Meyer, einer der besten Sortenbestimmer überhaupt, weiterhelfen. Für 2,50 Euro begutachtet er Äpfel und Birnen. Mit Glück ist eine verschollen geglaubte Sorte dabei. Man möge für eine erfolgreiche Bestimmung allerdings mindestens fünf möglichst unterschiedliche Früchte eines Baumes mitbringen, sagt Egleder, auch, weil den Besuchern Gelegenheit gegeben werden soll, die Sorten zu probieren. Pomologe Meyer präsentiert außerdem wieder eine umfangreiche Ausstellung. Traumhafte 100 Sorten hatte er vergangenes Jahr mitgebracht.

Die Neugierde auf das, was die Natur an Vielfalt zu bieten hat, wächst – auch oder gerade weil die Sorten Golden Delicious, Jonagold, Red Delicious etwa 70 Prozent des gesamten europäischen Angebots abdecken und zu einem Einerlei in heimischen Obstschalen geführt haben. Lange faltenlos haltbar zu sein, ist auf Kosten des Geschmacks gegangen. Selbst die Namen waren früher fantasievoller. Jakobsapfel von Trittau, Drüwken, Fürst Blücher, Pohls Schlotterapfel, Roter Pariner sind alte Apfelsorten, die Rüdiger Brandt von Hanse-Obst demjenigen zum Anbau empfiehlt, der aktiv etwas für den Erhalt bedrohter Sorten tun möchte. Bei den Birnen nennt er Lübecker Sommerbergamotte, Graf Moltke, Herrenhäuser Winterchristbirne, Lübecker Prinzessbirne, Grüne Sommermagdalene.

Die wachsende Lust der Menschen auf undressiertes Obst hat im vergangenen Jahr die Organisatoren des 1. Lübecker Apfeltages überrascht. 2700 Besucher fanden sich an 20 Ständen im Domhof ein. 2018 ist das Fest gewachsen. An 34 Ständen wird „der komplette Lebenszyklus von Obstbäumen“ abgedeckt (Meinrad Hieble, Hanse-Obst); heißt: Der Bogen spannt sich vom Bäumchen aus der Baumschule über Tipps zu Standortanforderungen einzelner Sorten, Pflege, Verarbeitungsmöglichkeiten, Rezepte, Kostproben bis hin zu Produkten, die aus Obstbaumholz entstehen können

Wer will, kann von einer mobilen Mosterei vor Ort Saft pressen lassen, ab 150 kg mitgebrachter Früchte aus eigenem Obst, darunter wird gemischt. Der Liter kostet, abgefüllt in Fünf-Liter-Kartons, 1 Euro.

Auch das gehört zum AApfeltag: Tipps, was mit welchem Apfel zu machen ist und welche Frucht wann am besten schmeckt.

Übrigens: Ein bisschen feiern sich Lübecks Apfel-Aktivisten auch selbst. Die Kooperation zwischen Bürgern und Behörden sei wahrscheinlich einzigartig in Deutschland, sagt Heinz Egleder. Verwaltung, Stadtwald, Untere Naturschutzbehörde, Museum, Verein - man arbeite an einem gemeinsamem Ziel nach dem Motto, dass Schwierigkeiten da sind, um gelöst zu werden.

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