Der Geschichte(n)erzähler

projektleiter der neuen ausstellungim hansemuseum - der hamburger historiker tillmann bendikowski

Der Historiker Tillmann Bendikowski leitet im Europäischen Hanse- museum das neue Ausstellungsprojekt „Der Konsens“

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20. April 2018, 14:10 Uhr

Zu behaupten, dass er gerne erzählt, wäre eine maßlose Untertreibung. Der Hamburger Historiker Tillmann Bendikowski, Jahrgang 1965, ist ein besessener Erzähler. Und er war schon immer neugierig auf Geschichte. Da war es nur konsequent, beide Leidenschaften zu verknüpfen und das Ganze zum Beruf zu machen: Bendikowski erzählt Geschichte. Gerade arbeitet er an seiner zweiten Ausstellung für das Europäische Hansemuseum in Lübeck: „Der Konsens. Europas Kultur der politischen Entscheidung“. Eröffnung ist am 10. Mai.

„Der Konsens“ - klingt das etwa aufregend? Bendikowski, der für diesen Begriff nichts kann, braucht zwei, höchstens drei Sätze, um Interesse zu schüren. Vom Hansetag des Jahres 1518 kommt er zum Europäische Rat der 28 Staats- und Regierungschefs, der sich demnächst wieder trifft, und darauf, dass beide Gremien trotz der 500 Jahre, die sie trennen, eines gemeinsam haben: die Entscheidung im Konsens. Nach weiteren zwei, höchstens drei Sätzen hat er sein Gegenüber am Schlafittchen. Europa steht mit einem mal in ganz neuem Licht da, wird zur politischen Meisterleistung und die Regierungschefs zu hat arbeitenden Leuten, denen man bitteschön doch nicht immer nur mit wohlfeiler Schelte, sondern mit Anerkennung begegnen möge.

Bendikowski steht auf der Dachterrasse des Europäischen Hansemuseums. Ein paar Meter unter ihm wird an der Ausstellung gearbeitet. Er mag dieses Museum ganz besonders. „Ein neues wirtschaftshistorisches Museum, das ich gleich geschätzt habe“, sagt er. Die Betonung liegt auf neu. Denn hier, im gerade einmal drei Jahre alten Komplex an der Untertrave, muss man keine alten Bahnen verlassen, kann frisch und auch gegen den Strich denken. Vergangenes Jahr hat Bendikowski hier die Sonderausstellung „Geld. Macht. Glaube. Reformation und wirtschaftliches Leben“ kuratiert. Und schon bei den Vorarbeiten zeigte sich, dass die Chemie stimmt.

Nun also der Konsens, bei dem er Projektleiter ist. Die jungen Leute haben er und das Museum nicht nur, aber im hohen Maß im Blick, die, die meist eher widerwillig in Museen zu holen sind. Und das soll nun ausgerechnet mit Europa geschehen, das erstens weit weg ist und zweitens ebenso wie seine Regierungschefs häufig kritisiert und selten gelobt wird. Es gibt leichtere Geschäfte. Aber es sind eben auch die Museen, in denen Bendikowski seiner Leidenschaft, dem Erzählen, nachkommen will.
Was einen guten Erzähler ausmacht? Er wolle nicht pathetisch klingen. Bendikowski windet sich ein bisschen und sagt: „Man muss grundsätzlich jeden Menschen mögen.“ Was nicht heißt, dass es verboten ist, jemanden unsympathisch zu finden, sondern was vielmehr die Bereitschaft zu Begegnungen auf Augenhöhe bedeutet. Bendikowski beschwört ein Lagerfeuer herauf, um das Menschen sitzen. „Der Erzähler setzt sich in den Kreis und beginnt seine Geschichte im Vertrauen darauf, dass man ihm zuhören will.“ Da gibt es kein Gefälle zwischen Sender und Empfänger, sondern die Erkenntnis, dass das Publikum eine wichtige Rolle spielt.Die Kunst des Erzählens hat Bendikowski zielstrebig verfolgt. In Osnabrück aufgewachsen, volontierte er nach Abitur und Zivildienst zunächst bei der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ und war Lokaljournalist. „Das habe ich geliebt“, sagt er, und da durfte ich ja schon mal erzählen. Aber weil die Neugierde auf Geschichte ihn nicht losließ, machte er sich 1985 in Bochum an das Abenteuer Studium: Geschichte, Publizistik, Kommunikationswissenschaften und Theorie und Didaktik der Geschichte. 1999 wurde er promoviert, das Thema seiner Dissertation, „Lebensraum für Volk und Kirche. Kirchliche Ostsiedlung in der Weimarer Republik und im ,Dritten Reich’“ machte er zur ersten seiner Buchveröffentlichungen. In Buchform folgten Auseinandersetzungen mit der „Macht der Töne. Musik als Mittel politischer Identitätsfindung im 20. Jahrhundert“, mit der Varusschlacht („Der Tag, an dem Deutschland entstand“), mit Friedrich dem Großen , mit dem Ersten Weltkrieg. 2016 erschienen „Der deutsche Glaubenskrieg: Martin Luther, der Papst und die Folgen“ und „ Helfen. Warum wir für andere da sind“. Zwischendrin veröffentliche der dreifache Vater mit „Allein unter Müttern. Erfahrungen eines furchtlosen Vaters“ ein Stück eigene Geschichte.

Nach dem Studium beantwortete sich die Frage „Was nun?“ bald und wohl auch wie von selbst. Bendikowski gründete die Hamburger Medienagentur Geschichte und erzählt Geschichte „in allen denkbaren Formaten“. Den Markt dafür gibt es, sagt er, man müsse sich nur mal an den Kiosken umtun, dort stapeln sich einschlägige Zeitschriften und Sonderveröffentlichungen. „Da ist es doch nur noch guter Wille und gutes Handwerk, in diesem Bereich seinen Beitrag zu leisten“, sagt er.

Er mag Menschen. Das ist kein Lippenbekenntnis des kommunikationsfreudigen Historikers. Aber er liebe auch die Ruhe in den Archiven, dort die Quellen zu studieren und dabei auf „unglaubliche Geschichten“ zu stoßen. „Die Vergangenheit schweigt – nichts spricht für sich selbst. Geschichte muss zum Sprechen gebracht werden“, heißt es auf seiner Homepage. Wer seine Reformationsschau im Hansemuseum gesehen hat, weiß, dass Bendikowski ihr Lautsprecher ist. Auch zur neuen Ausstellung darf man sich auf Überraschendes freuen, zum Beispiel auf Planspiele, bei denen sich die Besucher selbst im Konsens versuchen können. Und auf einen Katalog, der unterhaltsam erklärt, wie Europa funktioniert.

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