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Lübeck

20. Oktober 2017 | 16:37 Uhr

Der Abschied vom „Landgraben“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Die Gaststätte an der Grenze zu Ostholstein, Lübecker Familienbetrieb in 4. Generation, veranschaulicht ein Stück Stadtgeschichte

Ein Fest noch, dann ist Schluss: Per 31. März sperren Wirt und Wirtin der Gaststätte „Zum Landgraben“ die Türen zu. Nach vier Generationen in Familienhand schließt an der Krempelsdorfer Allee 84 eine Institution, und es endet ein Stück Bewirtungsgeschichte, die anderswo längst dem Zeitgeist gewichen ist.

Ein gelblicher Klinkerbau. Die 1960er Jahre sind außen und innen wie konserviert. Die Gaststätte „Zum Landgraben“ ist das letzte Haus auf Lübecker Boden an der Grenze zu Stockelsdorf und steht da wie aus der Zeit gefallen. Gerade deswegen geben sich Vereine, insbesondere solche aus Stockelsdorf, hier die Klinke in die Hand. Renate und Wilfried Evers, die 64 und 74 Jahre alten Wirtsleute, mögen sie nicht aufzählen, damit „niemand gekränkt ist, wenn er nicht erwähnt wird“. Es sind 14 an der Zahl, Sänger, Tänzer, Karnevalisten, Sparklubs, Tauben- und Kakteenzüchter, Skatspieler, Angler, die sich regelmäßig im „Landgraben“ versammeln.

An Gästemangel liegt es gewiss nicht, wenn die Wirtsleute schließen müssen. „Oh, nein“, sagt Evers, seine Frau verweist auf gesundheitliche Gründe und beide haben ein feuchtes Glitzern in den Augen. „Unsere Gäste machen uns den Abschied nicht leicht“, sagt er, sie nickt, erzählt von Abschiedsgeschenken und herzlichen Gesprächen und einer langen gemeinsamen Geschichte, die die Wirtsleute mit ihren Gästen verbindet: „Wir sind zusammen älter geworden.“ Beide Seiten wissen, dass es so etwas wie den „Landgraben“ nicht mehr geben wird. Selbst wenn sich ein Pächter findet: Im jetzigen Konzept schlägt ein Evers’sches Herz. Ein neuer Wirt muss Neues bringen. „Und das wird teuer“, sagt er und zeigt ins wunderbar altbackene Rund. Vor allem sei fraglich, ob ein neuer Wirt die alten Kunden begeistern kann.

Die Gäste kommen, weil sie beim Ehepaar Evers Gediegenes finden: einen Saal mit Bühne, der große Zeiten erlebt hat, herzliche Anteilnahme. Und Hausmannskost. Bauerfrühstück, Sauerfleisch. Aus der Tüte kommen bestenfalls die Fritten, die es zu einer phänomenalen Currywurst gibt. Currywurst? Die erwartet man nicht unbedingt in einer Gaststätte, die ihren dörflichen Charakter sogar gegen die B206 vor der Tür verteidigt hat, die seit Ausbau in den 1960er Jahren laut geworden ist. Doch, doch, sagt

Wilfried Evers, der Wirt. Im „Landgraben“ sei man einst sogar Vorreiter in Sachen Currywurst gewesen. Lachend erzählt der 74-Jährige von den frühen Formen des Gerichts: „Da wurde die Wurst noch gekocht.“ Wann genau das war, weiß er nicht mehr. Seine Mutter Karla Evers war damals noch für die Küche verantwortlich. „Eine hervorragende Köchin“, sagt Renate Evers (64) mit einem kleinen Seufzer. Vor 45 Jahren hat sie in die Gaststätte eingeheiratet: eine junge Verwaltungsangestellte bei der Hansestadt,

die über Nacht zur Gastronomin wurde. Vom Kochen habe sie damals so gut wie nichts verstanden, sagt sie. Dass die Schwiegermutter ein strenges Regiment geführt hat, sagt die freundliche Wirtin nicht. Man ahnt es, wenn sie „vom größten Lob“ erzählt, das die da schon schwerkranke Karla Evers ihr mit dem Satz bescherte, sie, die Schwiegertochter, solle das Zepter am Herd übernehmen, sie könne ohnehin längst besser kochen. Seitdem ist sie Chefin in der „Landgraben“-Küche, ihre Grünkohl-, Eisbein- und

Spargel-Essen haben geradezu magnetische Wirkung, erzählt Wilfried Evers. Er ist stolz auf seine Frau.

Dass er die Gaststätte einmal übernimmt, ist für ihn immer klar gewesen. „Ich wollte nichts anderes“, sagt Wilfried Evers, und so kam er nach einer Lehre zum Einzelhandelskaufmann und der Bundeswehrzeit an die Seite seiner Mutter in den „Landgraben“. Evers packt ein dickes braunes Album auf den Tisch. Alte Familienfotos sind darin, historische Aufnahmen der Gaststätte und eine Liste, auf der die Geschichte des Hauses akribisch dokumentiert ist. „1880 gab es erste Unterlagen von einer Schankwirtschaft Stadt Lübeck“, erzählt er. „1889 hat mein Urgroßvater Rudolf Johann August Howoldt die Wirtschaft gekauft und bis 1929 selbst betrieben.“ Weil der Urgroßvater sich gleichzeitig um einen Kolonialwarenladen kümmern musste, verpachtete er die Gastwirtschaft, bis sie 1948 von seinem Sohn Rudolf und dessen Frau Paula, den Großeltern des heutigen Wirts, übernommen wurde. 1964 folgte Karla Evers, seit 1988 ist Wilfried Evers der Wirt.

Das Ehepaar wohnt über der Wirtschaft. Zwei Töchter sind hier aufgewachsen. Insgesamt fünf Enkel haben sie den Eltern beschert. „Langweilig wird uns sicher nicht“, sagt der Wirt. Sechs Tage die Woche sind beide für die Gäste da gewesen. Von 10 bis 13 Uhr und 15 Uhr bis „open end“. Nur mittwochs ist Ruhetag. Eine lange Geschichte liegt hinter ihnen. Wilfried Evers blättert noch einmal in seiner braunen Mappe, liest aus einem Pachtvertrag von 1936: „170 Mark für Gaststätte und Wohnung“, erzählt von der Ausspannstation, die Urgroßvater und Großvater betrieben, von den Straßenbahn-Endhaltepunkten der Linien 3 und 4 direkt vor der Tür (heute
Linie 9), erinnert sich kopfschüttelnd an längst überkommende Auflagen wie Tanzerlaubnis und Polizeistundenverlängerung.

Nein, sie schließen nicht leichten Herzens. „Unsere Gäste machen es uns wirklich nicht leicht“, sagt Evers und auch daraus klingt Stolz. Er selbst hat sich um alternative Gaststätten für „seine“ Vereine gekümmert. Gäste wiederum kümmerten sich um eine gebührende Abschiedsfeier: Ein Frühlingsfest am 28. März (Karten gibt’s beim Wirt) mit Schlagern der 1940er Jahre. Vor diesem Tag haben sie Respekt. Sagen Renate und Wilfried Evers. Und schlucken.

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