Brandstiftung im Jahr 1996 : Demo in Lübeck: Gedenken an Brandanschlag in der Hafenstraße

Teilnehmer an der Demonstration in Lübeck gegen rechte Gewalt.

Teilnehmer an der Demonstration in Lübeck gegen rechte Gewalt.

In der Nacht zum 18. Januar 1996 starben zehn Asylbewerber in Lübeck. Die Tat ist bis heute nicht aufgeklärt.

shz.de von
20. Januar 2018, 16:23 Uhr

Lübeck | In der Nacht zum 18. Januar 1996 starben in der Hafenstraße in Lübeck zehn Menschen. 38 wurden teils schwer verletzt und überlebten nur durch Glück. Die Opfer stammten aus Zaire, Togo, Angola und dem Libanon. Die Brandstiftung in der Unterkunft ist bis heute – 22 Jahre nach der Tat – nicht aufgeklärt. Die Ermittlungen stehen unter starker öffentlicher Kritik. In Lübeck demonstrierten am Samstag nach Polizeiangaben rund 250 Menschen gegen rassistische Gewalt und erinnerten an die mutmaßliche Tat von Rechtsextremen. Zu dem Gedenken hatte das Lübecker Flüchtlingsforum aufgerufen. Unterstützt wurde die Demo unter anderem von der SPD Lübeck und der Linkspartei der Hansestadt.

Der Demonstrationszug führte vom Konrad-Adenauer-Platz durch die Innenstadt. Am Holstentorplatz wurde der Aufzug mit einer Abschlusskundgebung beendet. Die Demonstration verlief laut Polizei ruhig und friedlich.

Die Feuerwehr bei Löscharbeiten am Wohnheim für Asylbewerber in Lübeck am 18. Januar 1996.
Imago/Teutopress
Die Feuerwehr bei Löscharbeiten am Wohnheim für Asylbewerber in Lübeck am 18. Januar 1996.

Im Demo-Aufruf heißt es: „Dieser Brandanschlag, eingebettet in ein Klima, in dem die Angst vor 'zu vielen' Geflüchteten geschürt wurde, gilt heute bundesweit als Symbol für rassistische Gewalt. Doch der Brand in der Hafenstraße reiht sich ein in eine lange Liste von Gewalttaten. [...] Noch immer schüren und nutzen politische Kräfte diese Angst und ziehen daraus ihren Erfolg. Die AfD, eine offen rassistische, antisemitische und sexistische Partei sitzt in den Parlamenten, die sog. 'Identitäre Bewegung' zeigt sich öffentlich völkisch und gewalttätig. Stammtischparolen, die sie vor wenigen Jahren nur im engsten Kreis geäußert haben, sind salonfähig geworden. [...] Der Hass, den sie verbreiten, tötet auch heute Menschen. Vergangenes Jahr dokumentierte die 'Chronik flüchtlingsfeindlicher Anschläge' 3.729 rassistische Gewalttaten. Rassismus ist seit langem Alltag in Deutschland. Doch auch nach 22 Jahren nehmen wir das nicht hin! Gemeinsam gehen wir gegen Rassismus auf die Straße, kämpfen laut und bunt für einen politischen Richtungswechsel und gedenken den Betroffenen des Brandanschlags in der Hafenstraße, sowie allen Betroffenen rechter Gewalt!“

Die Hintergründe des verheerenden Brandes vom 18. Januar 1996 sind bis heute unklar. Fest steht nur, dass das Feuer im ersten Stock des Hauses gelegt wurde. Doch wer die Brandstifter waren – Hausbewohner, wie die Staatsanwaltschaft vermutete oder Täter mit ausländerfeindlichem Hintergrund, wie vor allem linke Gruppen und Flüchtlingsorganisationen glauben – ist juristisch nie geklärt worden.

1996 wurde zwei Tage nach dem Brand ein Hausbewohner unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Er wurde wegen besonders schwerer Brandstiftung angeklagt, später jedoch von zwei Gerichten – dem Landgericht Lübeck im Juni 1997 und dem Landgericht Kiel im November 1999 – freigesprochen. Der junge Libanese war in Tatverdacht geraten, weil er zu einem Sanitäter, der in der Brandnacht seine Verletzungen behandelte, gesagt haben soll: „Wir waren's.“ Im Prozess sagte er dagegen aus, er habe mit den Worten „Die waren's“ ausländerfeindliche Täter gemeint.

Tatsächlich hatte die Polizei noch in der Brandnacht vier der rechten Szene zugerechnete junge Männer aus Nordwestmecklenburg festgenommen, die am Brandort aufgefallen waren. Sie wurden einen Tag später wieder laufen gelassen. Trotz versengter Haarspitzen und Augenbrauen habe es keinen Anfangsverdacht gegen sie gegeben, hieß es damals. In den folgenden Monaten sorgten die Männer noch mehrmals für Aufsehen, weil sie Geständnisse ablegten, diese dann aber wieder zurückzogen.

Die Prozesse waren von Anfang an auch ein Politikum. Vor allem linke Gruppen warfen der Justiz vor, einseitig ermittelt und Beweise für einen ausländerfeindlichen Anschlag unterdrückt zu haben. Tatsächlich gab es eine Reihe von Ermittlungspannen. So wurden Beweisstücke nicht gesichert und wenig plausibel erscheinende Aussagen der Männer aus Mecklenburg-Vorpommern kaum hinterfragt. Andere Prozessbeobachter äußerten die Vermutung, die Hausbewohner hätten durch ihre Aussagen den Verdacht von der Hausgemeinschaft ablenken wollen.

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