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Lübeck

20. Oktober 2017 | 01:46 Uhr

Enge Gänge : Das unbekannte Lübeck

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

90 Wohngänge und Höfe sind in der Altstadt erhalten geblieben und erzählen spannende Geschichten.

Kopf einziehen, eintauchen in die schmale Passage und plötzlich ist das städtische Getriebe ganz weit weg. Irgendwo klappert noch Geschirr. Sonst nichts außer Grün, einigen Stockrosen, Astern und Ruhe. Dies ist der Gang „Durchgang“, der die Wahmstraße mit der Aegidienstraße verbindet, einer von 90 noch existierenden Gängen und Höfen, von denen auch Einheimische nur einige kennen. Eine Wanderung zu diesen städtebaulichen Kleinodien lohnt sich. Der Lübecker Verkehrsvereins lädt auch heute um 16 Uhr ein zu „Gänge und Höfe“-Treffpunkt: das Welcome Center, Holstentorplatz 1.

Es begeistert, Lübecks Gänge zu entdecken. Balhorns Gang (Hundestraße), Hellgrüner Gang (Engelswisch) Kattundrucker-Gang (Wakenitzmauer), Spinnrademacher-Gang (Engelsgrube), Weintrauben-Gang (Hundestraße) – Namen, die Geschichten versprechen. Da ist zum Beispiel der Füchtigshof an der Glockengießerstraße, der Friedrich Wilhelm Murnau für seinen Film „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ in zwei Szenen als Kulisse diente. Und apropos Film: Heinrich Breloer ließ in seinen „Buddenbrooks“ Senator James Möllendorpf in einer heimlichen Absteige „irgendwo in einer unstandesgemäßen Straße“ (Thomas Mann, „Buddenbrooks“), einem Torten-Bordell im Hellgrünen Gang, an einem Übermaß an Kuchen sterben.

Wer so wohnte, war arm dran. Eigentlich sind Gänge nichts anderes als Wohnanlagen auf Höfen, die hinter den Vorderhäusern liegen. Entstanden sind sie aus reiner Raumnot, überliefert ist ihre Existenz aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, just zu einer Zeit, als die Hansestadt, die im Jahr 1227 noch ganze 6000 Einwohner gezählt hatte, auf 18.800 im Jahr 1350 explodiert war.

Die bestand aus rund 25.000 Menschen, die in damals rund 120 Gängen lebten. Die meisten Gänge, nämlich 180 an der Zahl, soll es zum Ende des 17. Jahrhunderts gegeben haben. Eng sind viele Zugänge für unsere modernen Verhältnisse. Einer Vorgabe hatten sich aber auch die sparsamsten Gang-Bauherren zu fügen: Ein Sarg musste durchpassen.

Schäbige Hütten oder gar Elendsquartiere sind Lübecks Gänge und Höfe längst nicht mehr. Im Gegenteil: Liebevoll gepflegt und gepflastert, sind Großstadt-Oasen entstanden. Da gibt es den idyllischen Rosenhof An der Obertrave, der vorbei an begrünten Fassaden in die Hartengrube führt, wo sich in Nummer 20 auch gleich Schwans Hof befindet, der, 1296 von Johannes von Swane errichtet, ältester Wohngang der Stadt sein soll. Wie in so vielen der Gänge erhebt sich hier einer der sieben Lübecker Türme über die Hausdächer, in diesem Fall der der Petrikirche. Oder der Rademacher Gang (Hartengrube 9), der, bestückt mit bunt bepflanzten Kübeln, in den Grützmacher Hof führt. Oder der üppig begrünte Aegidienhof (Aegidienkirchturm voraus!). Oder Glandorps Hof und Glandorps Gang (benannt nach dem Stifter von 1612, Johann Glandorp).

Wo Gänge und Höfe offen stehen, sind Besucher willkommen, aber unbedingt gebeten, der Privatsphäre der Bewohner Respekt zu zollen. Wer will, kann sich auch führen lassen.

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