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Ertrunkene Flüchtlinge im Mittelmeer : „Cap Anamur“-Kapitän aus Lübeck: „Niemand verlässt freiwillig sein Land“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Stefan Schmidt rettete vor elf Jahren 37 Flüchtlinge. Seine Forderung heute: Deutschland muss mehr Flüchtlinge aufnehmen.

Lübeck | Was sind das für Menschen, die sich im Mittelmeer dem Tod aussetzen? „Die Ärmsten der Armen“, sagt Stefan Schmidt. Vor elf Jahren rettete der Lübecker als Kapitän der „Cap Anamur“ selbst 37 junge Männer vor dem Ertrinken und hat die Angst der Flüchtlinge bis heute vor Augen. „Das Mittelmeer ist voller Toter“, sagt er seitdem. Und doch könne man die Situation einst mit dem Massensterben jetzt kaum noch vergleichen.

Stefan Schmidt ist heute Beauftragter des Landes Schleswig-Holstein für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen. Er hat rund um die Welt vom Tanker bis zum Massengutfrachter „alles gefahren“. 2004 heuerte er als Kapitän auf der „Cap Anamur“ an, dem Schiff der gleichnamigen Hilfsorganisation, um Hilfsgüter nach Westafrika und Irak zu bringen. Im Sommer traf die „Cap Anamur“ zwischen Malta und Lampedusa auf ein marodes Boot mit 37 Flüchtlingen. Schmidt ordnete die Rettung an, wurde zusammen mit dem Erstem Offizier und dem Chef der Hilfsorganisation in italienische Untersuchungshaft genommen, vor Gericht gestellt und erst 2009 freigesprochen. Heute hat Schmidt die Sache der Bootsflüchtlinge zu seiner eigenen gemacht. Er ist Mitbegründer des Vereins „Borderline Europe“ und hält inzwischen europaweit Vorträge über die Not der Flüchtlinge.

Die Frage, ob Deutschland angesichts der Bootsflüchtlinge in der Pflicht ist, hält Schmidt kaum auf dem Stuhl. „Was sonst!“, sagt er und verweist auf die jüngsten unfassbaren Zahlen. Und auch das sagt Schmidt ganz klar: „Aus Brüssel hören wir immer den Ruf, es müsse etwas gegen die Schleuser getan werden. Vergessen wird dabei allzu oft, dass wir vor allem den Flüchtlingen helfen müssen, damit die den Schleusern nicht in die Hände fallen.“ Die Forderung, Flucht selbst zu verhindern, ist für Schmidt keine Option. „Niemand verlässt freiwillig sein Land in eine unbekannte Zukunft“, sagt er. „Die Menschen fliehen vor Krieg und Not. In Syrien beispielsweise können wir doch gar nicht eingreifen. Sollen wir denn zugucken, wie die Leute schon am Strand sterben?“

Gerade Deutschland sieht Schmidt dabei in der Verantwortung, auch wenn es darum geht, Flüchtlinge aufzunehmen. „Von den Hunderttausenden, die auf der Flucht sind, nimmt unser wohlhabendes Land zweimal 10.000 auf, nach Schleswig-Holstein kommen davon übrigens zweimal 118. Diese Zahl kann uns doch nicht wirklich schon an unsere Grenzen führen.“

Hilfe verlangt Schmidt auch für die Türkei und Libanon, wo Hunderttausende Flüchtlinge unter schlimmen Umständen in hoffnungslos überfüllten Lagern ausharren. Auf dem Mittelmeer fordert er den Einsatz professioneller Retter. Die Rettung, die er selbst vor elf Jahren leitete, nennt Schmidt heute provozierend „harmlos“. Einst hätten sich afrikanische Fischer, „denen wir die Fische weggefischt haben“, als Fluchthelfer ein Zubrot verdient. Seit aber kriminelle Banden und auch die Mafia Fluchthilfe als lukratives Geschäft entdeckt hätten, sei die Gefahr für die Hilfesuchenden emporgeschnellt. „Und für die Flüchtlinge ist kriminelle Fluchthilfe die letzte Rettung, denn für sie bleibt sonst nur, im Krieg oder an Hunger zu sterben.“

Und dann packt Schmidt noch einmal die Frage an, ob die Deutschen in der Pflicht sei. „Wofür sind wir denn zuständig in der Welt?“, fragt er zurück. „Wollen wir eine Mauer um Deutschland ziehen?“

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erstellt am 21.Apr.2015 | 06:59 Uhr

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