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Lübeck

23. Oktober 2017 | 01:43 Uhr

Bücherspende für Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Lübeck: „Deutsch lernen durch Bilder- und Wörterbücher “ / Alternative auf der „Walli“ hat mehr als 5600 Transit-Flüchtlinge unterstützt

Einfache Idee mit einer großen Wirkung: Die Lübeckerin Susanne Schmidt zur Nedden hat in ihrem Bekanntenkreis um Buchspenden geworben, um Flüchtlingen beim Lernen der deutschen Sprache zu helfen. Die Resonanz ist groß: Am Freitag wurden die ersten 200 Bücher übergeben.

Ein Bekannter aus Berlin brachte Susanne Schmidt zu Nedden auf die Idee der Aktion: Sprache lernt man durch Lesen, außerdem werden Wörterbücher und Bild-Wörterbücher für den täglichen Umgang benötigt. Die gibt es aber in der Regel nicht.

Dörte Eitel, die Geschäftsführerin der Gemeindediakonie, die in Lübeck die 33 Gemeinschaftsunterkünfte mit rund 1300 Flüchtlingen betreibt, ist begeistert. „Der Bedarf an Lehr-, Wörter- und Bildwörterbüchern ist riesig. Und dass wir jetzt Kinderbuchklassiker wie ’Die kleine Raupe Nimmersatt’ auf Deutsch und Arabisch in einer Ausgabe haben, ist toll.“

Susanne Schmidt zu Nedden bekommt viel positive Resonanz. Eine Freundin mit wenig Geld habe ein Kinderbuch für fünf Euro gespendet, „damit wenigstens ein Kind glücklich wird.“ Bei dem einen Kind werde es nicht bleiben, sagt Sonja Schmidt, stellvertretende Bereichsleiterin Obdach und Asyl bei der Gemeindediakonie. Sie plant die Einrichtung von kleinen Bibliotheken in den Unterkünften. Damit wird der Nutzerkreis noch größer.

Wer Bücher spenden möchte, kann sich in der Lübecker Buchhandlung Buchfink im Wirth-Center in der Ratzeburger Allee die gewünschten Titel aussuchen. Von dort gehen die Exemplare direkt in die Unterkünfte in der Hansestadt.

Die Bereitschaft in Lübeck, Menschen auf der Flucht zu unterstützen, ist derzeit am eindrucksvollsten auf der Wallhalbinsel zu erleben. Am 9. September 2015 wurden die ersten Transit-Flüchtlinge in der „Alternative“ auf der Wallhalbinsel („Walli“) aufgenommen. Mehr als 5600 Menschen auf der Flucht wurden von Freiwilligen vom Bahnhof abgeholt, auf der Walli mit warmen Essen, Kleidung und Übernachtungsplätzen versorgt. Für sie wurden Fährtickets gebucht und der Transfer zum Skandinavienkai organisiert.

„Ebenso haben wir Menschen unterstützt und weitergeleitet, die in Lübeck bleiben wollen oder andere Reiseziele hatten. Hunderten Menschen wurde auch mit medizinischem Rat geholfen, wenn nötig wurden sie zu Arztpraxen oder in die Klinik zur weiteren Behandlung begleitet“, sagt Jana Schneider vom Lübecker Flüchtlingsforum. Für die Fährtickets wurden inzwischen mehr als 200  000 Euro aufgewendet – die Hälfte stammt aus Spendengeldern. „Diese praktische Solidarität mit Menschen in Not ist für uns auch ein politisches Statement: Für offene Grenzen, Bewegungsfreiheit und gegen alle Bestrebungen, das Asylrecht einzuschränken“, beschreibt Jana Schneider die inhaltliche Grundlage des Transitzentrums auf der „Walli“.

Die gesamte Unterstützungsarbeit dort wird ehrenamtlich geleistet. Hunderte Helfer organisieren sich in Schichten, darunter insbesondere die Dolmetscher. „Wir wollen weitermachen, so lange unsere Hilfe beim Transit benötigt wird. Es gibt zurzeit keine Anzeichen dafür, dass die Bewegung der Menschen nach Skandinavien zurückgeht. Täglich passieren je nach Fährkapazität zwischen 200 und 400 Menschen unser Zentrum. Dafür brauchen wir weiterhin Helfer, Sach- und Geldspenden“, appelliert Jana Schneider.

Der Konzert- und Cafébetrieb auf der „Walli“ soll jetzt nach vier Wochen schrittweise wieder eröffnet werden. Die ersten Konzerte in Live-Club „Treibsand“ finden an diesem Wochenende statt.

Die Unterstützung der Hansestadt Lübeck bestehe bislang in der Übernahme der Kosten von Miettoiletten, verstärkter Müllabfuhr und den Bussen des Stadtverkehrs für den Transfer nach Travemünde. Hinzu komme bislang ein Gebäude des benachbarten Grünflächenamtes. „Um den Betrieb der Walli und das Transitzentrum parallel und bis in den Winter hinein fortsetzen zu können, benötigen wir noch die zwei, weiteren kleineren Gebäude auf diesem benachbarten Gelände“, sagt Christoph Kleine vom Flüchtlingsforum. Diesen Standort wolle das Grünflächenamt ohnehin bald aufgeben. Kleine: „Wir brauchen die Gebäude aber jetzt, damit Menschen im Winter nicht im Zelt schlafen müssen. Seit zwei Wochen ist uns ein Mietvertrag in Aussicht gestellt worden, der aber immer noch nicht vorliegt. Über die weiteren Gebäude gibt es zwar Gespräche in der Verwaltung, aber für uns ist bis heute nicht klar, wer eigentlich unser Ansprechpartner ist. Für uns ist diese schleppende Zusammenarbeit frustrierend und enttäuschend“, so Kleine. „Wir verlangen wirklich nicht viel von der Stadt Lübeck. Ohne die Arbeit der Walli würden täglich hunderte Menschen am Bahnhof und am Fährterminal in Travemünde stranden. Nach unserer Einschätzung wäre die Stadt nicht darauf vorbereitet, diese Geflüchteten auch nur annähernd menschenwürdig zu versorgen“, so Christoph Kleine abschließend.

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