Aufruhr im Theater Lübeck

Will auch die begeistern, die noch nie in der Oper waren: Anthony Pilavachi hat in Lübeck Erfolge gefeiert. Spektakulär hat er auf der Bühne verkündet, nie mehr für das Haus arbeiten zu wollen.
Will auch die begeistern, die noch nie in der Oper waren: Anthony Pilavachi hat in Lübeck Erfolge gefeiert. Spektakulär hat er auf der Bühne verkündet, nie mehr für das Haus arbeiten zu wollen.

Erfolgsregisseur Anthony Pilavachi verkündet nach Opernpremiere, nie mehr in Lübeck inszenieren zu wollen

shz.de von
22. Januar 2015, 15:07 Uhr

Theaterdonner oder handfester Skandal? Der Eklat um Anthony Pilavachi lässt die Protagonisten nicht los. Rückblende: Vor einer Woche hatte der Regisseur den Premierenapplaus für „La Damnation de Faust“ lächelnd unterbrochen und verkündet, er werde nie mehr im Lübecker Theater inszenieren und: die Verantwortlichen wüssten um die Gründe. Die räumen am Folgetag zwar Pannen und saisonbedingte Probleme ein, zeigten sich unterm Strich aber überrumpelt von der Aktion ihres Stars.

War es etwa so: Anthony Pilavachi, der Regisseur, der dem städtischen Musiktheater mit insgesamt 18 Produktionen zu überregional, ja international beachteten Erfolgen verhalf, hat im provinziellem Dilettantismus die Segel gestrichen?

Oder war es vielleicht so: Der große Regisseur Anthony Pilavachi hat einmal mehr seine Allüren nicht im Griff gehabt und nun medienwirksam das Tischtuch zerschnitten?

Irgendwo dazwischen könnten die Ursachen liegen, die zum Premierenskandal am Theater Lübeck geführt haben. Christian Schwandt, Geschäftsführender Theaterdirektor, räumt ein, dass die Proben zu Hektor Berlioz’ schwierigem Musikwerk rumpelnd angelaufen seinem: „Herr Pilavachi war es gewohnt, als einer der Ersten mit ausgeruhtem Personal in die neue Spielzeit zu starten“, sagt er, „die Probem zu ‚La Damnation’ haben jedoch in der Adventszeit begonnen – in einer Zeit, die für alle am Theater kräftezehrend ist.“ Und da sei es dann zu Auseinandersetzungen über den schlecht vorbereiteten Chor und über nicht funktionierende Technik gekommen.

Debatten mit dem Vollblutregisseur Pilavachi sind indessen nicht neu. Der Meister – ein ausgewiesener Perfektionist – ist dafür bekannt, im Sinne seiner Ideen auch schnell mal laut und heftig zu werden. Die Ergebnisse bescherten dem überschaubaren Haus an der Beckergrube aber große Erfolge: Die ausgezeichneten „Ring“-Inszenierungen trugen Pilavachis Stempel, „Parsifal“, „Tristan und Isolde“ und „Der Wildschütz“.

Dass er den Lübeckern ausgerechnet mit seiner wohl besten Arbeit zu „La Damnation de Faust“ die Freundschaft kündigt, traf zumindest Schwandt offenbar unvorbereitet. Der Direktor zeigte sich nach Pilavachis öffentlich-wirksamen Aufkündigung weiterer Zusammenarbeit geradezu verdattert und weiß auch Tage später den überbordenden Gerüchten nichts Erhellendes entgegenzusetzen. Von Kommunikationsblockaden zwischen Regisseur und Theaterleitung ist da die Rede, von Deckelungsversuchen der künstlerischen Freiheit, aber auch von zusammengebrüllten Künstlern, insbesondere Choristen, die Pilavachis Ansprüchen nicht genügten.

Dass zumindest letztere nicht vollends erfüllt werden konnten, war zur Premiere für geschulte Ohren deutlich; Fehler in der Vorbereitung hat die Theaterleitung auch eingeräumt. Sein extrem feines Gespür für große Auftritte hat der Regisseur jedenfalls am Premierenabend demonstriert, als er die Bühne für jedermann sichtbar ganz zur seinen machte.

Ansonsten ist Pilavachi mit dem Berlioz-Stück die Quadratur des Kreises einmal mehr nahezu gelungen: In einem Haus, das eben nicht zu den hoch subventionierten gehört und das finanziell und personell entsprechend schnell an enge Grenzen stößt, hat er mit seinem Regie-Team den Schatz des künstlerischen Potenzials gehoben und eine hochintelligente und gleichermaßen bewegende Inszenierung gezaubert, deren Qualität weit über das hinausgeht, was an einem Stadttheater zu erwarten ist.

Andererseits, so wird in Theaterkreisen kritisiert, weiß Pilavachi seit vielen Jahren, dass ein Stadttheater weder das Personal noch die Ausstattung einer Staatsbühne aufbieten kann. Im Gegenteil, so untermauerte Schwandt gerade, sei es die Aufgabe von Häusern wie dem Lübecker, Künstlern den Weg in die großen Häuser zu bereiten.

Auf Facebook untermauerte Pilavachi seine Kritik an den Verantwortlichen des Theaters Lübeck noch einmal. „Die Verantwortlichen“ seien nicht auf ihn zugekommen, hatte er auf der Premierenbühne orakelt. Die Verantwortlichen – neben Schwandt insbesondere Opernchefin Katharina Kost-Tolmein – hoffen indessen, dass sich die Wogen mit der Zeit wieder glätten. Sicher ist, dass in der kommenden Spielzeit nichts von Pilavachi zu sehen sein wird. In dieser Spielzeit ist „La Damnation de Faust“ morgen, Sonnabend, um 19.30 Uhr zu sehen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen