Strafverfolgung : Auf der Spur der Intensivtäter

Intensivtäter
Die Zahl der Einbrüche in Pinneberg stieg in 2013 an.

Es gibt Täter, die immer wieder zuschlagen. Häufig, rücksichtslos und oft auch ohne Anzeichen von Reue. Die Polizei und Staatsanwaltschaft in Lübeck schauen sich diese Intensivtäter genauer an und wollen so ein schnelleres Verfahren ermöglichen.

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28. März 2014, 06:00 Uhr

Lübeck | Ein beachtlicher Teil der Verbrechen im östlichen Schleswig-Holstein geht auf das Konto von lediglich 33 Männern. Gewalt, Einbrüche, Raub – die sogenannten Intensivtäter haben bereits eine längere „Karriere“ als Straftäter hinter sich. Doch oft ist der Weg von der Anzeige der Straftat bis zur Verurteilung lang – allein die Erfassung der Akte in der Staatsanwaltschaft kann mehrere Wochen dauern. Schließlich stapeln sich die Fälle dort zu großen Türmen. In diesen Wochen der Bearbeitung jedoch können die Intensivtäter erneut gefährlich werden. Die Staatsanwaltschaft Lübeck und die Polizei haben daher ein Konzept entwickelt, die schwersten Verbrecher unbürokratischer vor Gericht zu bringen. Die Täterorientierte Strafverfolgung (TOS) richtet sich nach den Intensivtätern – sie bekommen in der Staatsanwaltschaft und bei der Polizei jeweils einen eigenen Zuständigen, der die Verbrechen mit höherer Priorität bearbeitet – unabhängig von Ressort oder Zuständigkeitsbereich.

Seit einem Jahr arbeitet die Lübecker Staatsanwaltschaft jetzt nach dem neuen Modell, das der leitende Oberstaatsanwalt Thomas-Michael Hoffmann zum Teil aus Kiel „importiert“ hat. Doch warum sind es ausgerechnet 33 Täter? „Das orientiert sich an den Kapazitäten in der Staatsanwaltschaft“, sagt Hoffmann. Es könnten also durchaus noch weitere Täter ins Visier geraten.

Lars B. könnte einer dieser 33 Intensivtäter sein. Es gibt ihn nicht wirklich – die Staatsanwaltschaft Lübeck hat ihn quasi als prototypischen TOS-Täter aus verschiedenen Fakten und Lebensläufen entworfen, schließlich soll der Datenschutz der echten Täter gewahrt werden. Dieser fiktive Lars B. also ist schon seit seiner Jugend immer wieder gewalttätig geworden. Einbrüche, Drogenkonsum – und mehrere Körperverletzungen. Bereits mit 17 Jahren erhielt er eine Jugendstrafe auf Bewährung und ein Antiaggressionstraining. Doch das half nicht weiter. Gefährliche Körperverletzung, Diebstahl und Unterschlagung folgten und brachten ihm zweieinhalb Jahre Jugendhaft ein. Weitere Gewaltausbrüche veranlassten die Ermittler, ihn als TOS-Täter einzustufen.

„Es gibt keine streng festgelegten Kriterien, wer in das TOS-Programm aufgenommen wird“, sagt Oberstaatsanwalt Hoffmann. Doch alle Intensivtäter haben viele Delikte in relativ kurzer Zeit begangen – und gehen oft sehr rücksichtslos vor. „Da, wo früher die Schlägerei aufhörte, wenn einer am Boden lag, wird mittlerweile noch einmal nachgetreten“, sagt Hoffmann. Die Gesamtzahl der Straftaten sinke zwar, doch viele Taten werden immer brutaler. Auch schätzen die Ermittler die Wiederholungsgefahr der Intensivtäter hoch ein. „Das ist kriminalistische Erfahrung. So wie man weiß, dass nach der Zehn die Elf kommt“, sagt Hoffmann. Die meisten Intensivtäter sind Männer zwischen 20 und 30 Jahren, der älteste TOS-Täter sei Mitte 50. Oft sind die Männer ohne berufliche Perspektiven. Doch auch das soziale Umfeld spielt eine Rolle. „Einige Täter ändern sich, wenn sie beispielsweise einen neuen Partner kennen lernen“, sagt Hoffmann. Statistisch näher untersucht wurden die Intensivtäter aber nicht. Einen Überblick über Herkunft und Ausbildungsgrad gibt es daher nicht.

Beispiel-Täter Lars B. hat keine abgeschlossene Ausbildung und kommt aus einem schwierigen Familienverhältnis. Mittlerweile ist er 26 und ihm werden schwerer Raub und Körperverletzung vorgeworfen. Er soll den neuen Freund seiner Ex-Freundin mit einer Flasche geschlagen haben, so dass sein Opfer eine stark blutende Kopfwunde davon trug. Wegen seiner vergangenen Straftaten stufte man ihn als Intensivtäter ein. Doch noch während in diesem Fall ermittelt wurde, wurde Lars B. schon wieder gewalttätig: Er zerschlug einen Stuhl und bedrohte mit einem Stuhlbein einen jüngeren Mann, den er kurz zuvor kennen gelernt hatte, und forderte dessen Geldbörse. Dadurch, dass Lars B. als TOS-Täter erfasst ist, kamen seine Strafakten schnell auf den Tisch „seines“ Staatsanwalts – und der brachte den Intensivtäter schnell in Haft.

Häufig kommen mutmaßliche Täter nach der Festnahme bis zum Urteil wieder auf freien Fuß, weil keine Haftgründe vorliegen. „Doch bei TOS-Tätern ist die Wiederholungsgefahr belegt – und das ist neben der Fluchtgefahr ein Haftgrund.“ Auch das Gerichtsverfahren kam bei Lars B. dann relativ schnell. Wenige Monate nach der Tat mit dem Stuhlbein folgte dann das Urteil: Fünf Jahre und drei Monate muss Lars B. jetzt in der JVA Lübeck einsitzen. Ob ihn das von Verbrechen dauerhaft abhält, ist unklar. Wenn nicht, nehmen ihn die Ermittler wieder streng ins Visier.

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