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Lübeck

14. Dezember 2017 | 05:57 Uhr

Als der Priwall zum Flugplatz wurde

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Vor 100 Jahren entstand der Flughafen Travemünde – in den 1920ern das „Drehkreuz des Nordens“ im Luftverkehr

shz.de von
erstellt am 04.Feb.2014 | 11:27 Uhr

Der Priwall hat in den vergangenen 100 Jahren eine rasente Entwicklung genommen – vom Trockenplatz für Fischernetze über den Veranstaltungsort für Pferderennen bis hin zur Ferienkolonie, die jetzt mit dem Projekt Waterfront durch Hotel und Promenade rund um den Passat-Liegeplatz – in den 1930er Jahren gebaut als U-Boot-Hafen – gekrönt werden soll.

Eine Facette der Geschichte des Priwalls droht mit der neuen Bebauung fast vollständig in Vergessenheit zu geraten: Travemünde war über mehrere Jahrzehnte die Wiege der Seefliegerei, der Priwall ein großer, kombinierter Land- und Seeflughafen, der Mitte der 1920er Jahre das „Luftkreuz des Nordens“ genannt wurde.

Vor 100 Jahren entdeckte die Luftfahrtindustrie die günstige Lage der Halbinsel Priwall für sich: Die Pötenitzer Wieck – eine binnenseeartige Ausbuchtung an der Travemündung – bot beste Vorraussetzungen als Start- und Landefläche für Wasserflugzeuge: knapp drei Kilometer lang, etwa neun Metern tief. Das Land bot besten Schutz gegen allzu starken Seewind. Nach ersten Anläufen im Jahr 1913 hier einen Flugplatz zu bauen, gelang es den Lübeckern nach zähen Verhndlungen am 13. Februar 1914 einen Vertrag mit dem Kriegsministerium zu schließen. Invetoren standen bereit, um 400 000 Mark zu investieren. Am 9. März 1914 stimmte die Bürgerschaft dem Ganzen zu. Am Ende des heutigen Fliegerwegs entstanden kurz darauf hölzerne Flugzeughallen – eine für Seeflugzeuge, eine Werft und eine für eine Fliegerschule – sowie ein Verwaltungsgebäude. Zusammen mit den „Deutschen Flugzeugwerken Leipzig“ (DFW) gründete die Freie Hansestadt die Flugzeugwerft Lübeck-Travemünde GmbH. Das Gelände mit der frisch gebauten Infrastruktur verpachteten die Lübecker an die neuen Nutzer.

Der Start war bescheiden: Gerade einmal 18 Mitarbeiter hatte die Flugzeugwerft 1914. Mit Verlauf des Ersten Weltkriegs steigerte sich jedoch die Zahl erheblich – 189 Beschäftigte waren es gegen Kriegsende.

Neben dem Bau von Flugzeugen der DFW sollten Piloten hier geschult werden; in der Fliegerschule sollten ständig 36 Offiziere Dienst schieben. Trotz des militärischen Charakters war angedacht, dass auch Zivil-Piloten hier ausgebildet werden sollten. 200 Mann stark war die Belegung des Flugplatzes dann in den Planungen.

Der erste Start von den oft zitierten „tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten“ fand am 5. Juni 1914 statt. Viele der Piloten kamen aber nicht weit, stürzten in den aus Sperrholz, Bespannstoff und Drähten gebauten Maschinen noch an der Platzgrenze ab. Während heute gegen Fluglärm demonstriert wird, sah das vor 100 Jahren noch anders aus: „So mancher wird gerade im Hinblick auf die Fliegerei sich dazu entschließen, seinen Urlaub in Travemünde zu verbringen“, hieß es damals in einer Lübecker Zeitung.

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs ging der Flugplatz an Anton Herman Gerard Fokker über – der Schweriner Konstrukteur der berühmten nach ihm benannten Dreidecker (die meist mit Manfred von Richthofen, dem „Roten Baron“, in Verbindung gebracht werden).

Fokker verkaufte die Werft bereits ein halbes Jahr später an Carl Caspar, Chef der Hanseatischen Flugzeugwerke AG in Hamburg. Dieser ließ später auf dem Priwall rund 30 Flugzeugtypen entwickeln, etwa 25 davon wurden gebaut, doch nur wenige fanden Abnehmer – der Bankrott war nicht abzuwenden. Auch hier spielte wieder die militärische Nutzung der Luftfahrt eine große Rolle. Unter dem Deckmantel ziviler Erprobung und unter Umgehung der Beschränkungen des Versailler Vertrages hatte Caspar schon früh Aufträge des Reichsverbandes der Deutschen Luftfahrtindustrie erhalten, um Seeflugzeuge zu erproben. Doch auch diese konnten die Caspar-Werke nicht retten. Letztlich stiegt die Reichsmarine bis 1927 nach und nach in der Firma ein – der Grundstein für die spätere Erprobungsstelle der Luftwaffe auf dem Priwall war gelegt.

Die Glanzzeit der Fliegerei auf Priwall begann jedoch ab 1927, als die Deutsche Luft Hansa AG – die spätere Lufthansa – von Travemünde aus Linien nach Kopenhagen, Göteborg und Oslo einrichtete. Ans Ufer des Priwalls wurde eine der damals größten Flugzeughallen Deutschlands gebaut: 60 mal 60 Meter groß, versehen mit zwölf Meter hohen Toren.

Die zivile Luftfahrt konnte sich bis 1934 auf dem Priwall halten. Dann übernahm das Militär vollends das Kommando – und drückte dem Areal seinen Stempel auf. In Teilen ist das bis heute noch zu erkennen – wie an der Seefahrtsschule und dem ehemaligen Priwall-Krankenhaus.

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