2000 Jahre alte Siedlungsspuren in Lübecks Stadtmitte gesichert

Die umfangreichen Grabungen „An der Parade“ in der Lübecker Innenstadt zeigen, dass bereits vor 2000 Jahren an dieser Stelle Menschen lebten.
Die umfangreichen Grabungen „An der Parade“ in der Lübecker Innenstadt zeigen, dass bereits vor 2000 Jahren an dieser Stelle Menschen lebten.

Auch umfangreiches Fundmaterial, das den Alltag der Domkurie an der „Parade“ widerspiegelt

shz.de von
31. August 2018, 16:31 Uhr

Die Stadt Lübeck feiert in diesem Jahr ihr 875-jähriges Bestehen. Menschen lebten aber schon viel früher auf dem heutigen Altstadthügel. Das haben die Grabungen an der „Parade“ gezeigt. Hier gab es schon vor 2000 Jahren eine Siedlung.

Die seit Mai 2018 laufenden archäologischen Ausgrabungen auf dem Hof der Gewerbeschule II in der Innenstadt „An der Parade“ wurden zu Wochenende abgeschlossen. Sie erbrachten neben spannenden vorgeschichtlichen Funden, die belegen, dass bereits um Christi Geburt Menschen auf dem Stadthügel lebten, vor allem eine Fülle von mittelalterlichen und neuzeitlichen Baustrukturen. Außerdem konnte umfangreiches Fundmaterial, das den Alltag in einer dort angelegten Domkurie widerspiegelt, sichergestellt werden.

Vom mittelalterlichen Kuriengebäude selbst, das als Residenz eines Domherrn erbaut wurde und auch schriftlich in den Urkunden der Stadt überliefert ist, zeugen backsteinerne Mauerzüge unterschiedlicher Gebäudeteile. Darunter fallen auch neben dem eigentlichen Hauptgebäude zwei Treppenanlagen und kleinere Kellerräume der angrenzenden Hofbebauung, die bis in das 18. Jahrhundert hinein intensiv auf dem nach Westen zur Trave abfallenden Grundstück genutzt und immer wieder umgestaltet wurde.

Diverse Form- und Ziersteine von Fassadenschmuck und Fenstergewänden, Türportalen und Gewölbegraten sind Reste der qualitativen Ausgestaltung der noch aus dem Hochmittelalter stammenden Kurie. Zu erwähnen ist an dieser Stelle auch ein bislang im Lübecker Fundgut selten vorkommender Backstein mit Gesichtsdarstellung. Dieser in romanischer Formensprache gestaltete Backstein zeigt das Antlitz eines spitzbärtigen Mannes, dessen Schnauzer sich bis über beide Ohren erstreckt. Auch dieser diente als Zierelement und hat möglicherweise aus dem nahen Umfeld des Dombaus seinen Weg auf das spätere Kuriengrundstück gefunden.

In das 17. Jahrhundert datiert eine qualitätsvoll bemalte Glasscheibe, die das darin eingravierte Wappen des Domherrn Heinrich von Focke zeigt. Von Focke selbst, nebst Familienwappen, lässt sich unter anderem auch in den erhaltenen Schriften und Urkunden, die im Stadtarchiv gelagert werden, wiederfinden.

Im 19. Jahrhundert wurde im Zuge der Säkularisierung anstelle der Kurie eine große Stadtvilla im sogenannten portugiesischen Stil errichtet. Das als Reimansche Villa bekannte Gebäude war um 1924 Bestandteil von Deutschlands zweitgrößter Knabenschule, dem Vorgänger der heutigen Gewerbeschule.

Von dieser im Krieg beschädigten und später abgerissenen Villenarchitektur wurde neben sämtlichen Erdgeschossmauerwerken, Türgewänden sowie Kaminstandorten auch der nahezu vollständige tonnengewölbte Kellerraum freigelegt. Dieser ist in seiner Größe, Tiefe und Erhaltung ein hervorragendes Beispiel für die Baukunst des frühen 19. Jahrhunderts und bleibt selbstverständlich als Denkmal erhalten. Aktuell wird geprüft, ob eine nutzbare Integration in oder an den geplanten Neubau ermöglicht werden kann.

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