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Schlussspurt im Wahlkampf : Landtagswahl 2017: Die Werbespots der Parteien im Test

vom
Aus der Onlineredaktion

Ein viraler Internet-Hit könnte am Ende sogar eine Entscheidung bringen. Doch wie gut sind die Filme der Parteien?

Kiel | Kurze Filmspots werden auch im Landtags-Wahlkampf immer wichtiger. Trotz eher geringer Produktionskosten lässt sich damit über soziale Netzwerke und Youtube mit etwas Geschick einiges an Reichweite für die eigene Kampagne zur Wahl am 7. Mai gewinnen. Inhalte, Agenda, Profil und Persönlichkeit des Kandidaten in ein glaubhaftes wie pfeffriges 1,5-Minuten-Format zu stopfen – das ist die Kunst, und es ist immer ein Akt der Kompromisse. Zu viel heruntergespulter Inhalt wäre unverträglich, zu viel Personalisierung hingegen könnte die Wähler irritieren. Und dann gibt es da noch die alte aber oft missachtete Regel der politischen Kommunikation: Man sollte immer mehr Worte über die eigene Mission als über die Schwächen des Gegners verlieren.

Wem gelingt das? Wie schlagen sich Ministerpräsident Torsten Albig und sein aussichtsreichster Herausforderer Daniel Günther (CDU) und all die anderen Kandidaten in dieser Disziplin? Ein Überblick.

 

Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)

 

Es verwundert wenig, dass wie in norddeutscher Bierwerbung ausdrucksstarke Natur-, Wellen- und Heimatmotive den häufigsten Rahmen der diesjährigen Wahlkampf-Filme bilden. Die SPD setzt auf eine Trilogie an Film-Spots, die alle mit dieser zeitlos-meerumschlungenen Kulisse aufwarten und schließen. „Wir können das“, „wir wollen das“ und „wir machen das“ heißen die drei kurzen Kapitel der Kampagne. Darin redet der durchs Bild spazierende, aufs Meer blickende Ministerpräsident Torsten Albig wie ein Visionär aus dem Off über das Erreichte, das noch Unerreichte, Stürme und die Stärken des Landes, Ralf Stegners Stimme pflichtet ihm mitunter bei. Vor den starken Bildern und der Musik wird in kurzen Texthappen das vorgeführt, was aus den Versprechen der Küsten-Koalition umgesetzt wurde. Der dritte Film widmet sich der Zukunft und hinterlegt größtenteils eine Albig-Rede mit Musik. Bis zu 100.000 Aufrufe sprechen für eine wirkungsvolle Kampagne.

 

 

Christlich Demokratische Union (CDU)

 

Der CDU-Streifen beginnt sogleich beinahe mit dem Kardinalfehler: Man redet über die Schwächen der Regierungskoalition. Wohl will man damit eine Wechselstimmung erzwingen. Es geht um Schlaglöcher, den ausbleibenden Breitbandausbau, schlechte Bildung. Schnell aber kommt der eigene Kandidat im hellblauen Dress an der Universität herbeigejoggt. Dynamisch und frisch – und wie Albig am liebsten allein und unabhängig. Vehement für G9 ist er und erklärt mit fast schüchterner Stimme seine Gestaltungspläne. Zum Slogan „der packt an“ passt das nicht. Aus dem Paternoster im Landeshaus kommend ändert er sein Outfit ins Förmliche und schlüpft dabei von der Rolle des Bürgers in die des Politikers. Sehr bescheiden für jemanden, der Ministerpräsident werden will. 44.000 Aufrufe zeigen, dass hier Luft nach oben gewesen wäre.

 

Die Grünen

 

Die Grünen fahren eine rasant-urbane Landpartie. Ein mit elektronischer Musik hinterlegtes Video zeigt in rascher Schnittfolge das thematische Selbstbild der Partei: Öko-Landbau, fleißige Windräder, liebesspielende Schweine, Homo-Liebe und das elektrisierende Spitzenduo Heinold-Habeck. Um Problemstellungen und konkrete Ziele geht es in diesem auf die Jugend-Wähler abzielenden Video ohne politische Stimmen nicht. Das ändert sich im klassisch angelegten Streifen zwei: Dort kommt zunächst Robert Habeck aus dem Off zu Wort. Der Frontmann und die Spitzenkandidatin reden über die Erfolge des jeweils anderen und machen das Duo. Spot 1 kommt bei Facebook auf 57.000 Aufrufe, Film 2 ist bei Youtube ein Rohrkrepierer.

 

Freie Demokraten (FDP)

Wolfgang Kubicki spaziert schnellen Schrittes, aber doch leicht grantig an der Strandmeile in seiner Wahl-Heimat Strande entlang, die ihn – wie er sagt – glücklich macht. Die Kamera verfolgt sein Gesicht, umkreist es, man sieht ihn über die anderthalb Minuten Länge fast nur von vorne. Eindruck: Der FDP-Mann hat etwas Ehrliches zu sagen. Seine Worte werden blau markiert untertitelt. Er spricht über Heimat, über Familie, über Freunde und die glücklichsten Menschen. Dann kommt das Aber: wirtschaftlich sei man ganz weit hinten. Das Geld für Breitbandausbau, Straßensanierung, Polizei, mehr Sicherheit und kostenfreie Kitas sei da. Ein einfaches, extrem personalisiertes Video, das 33.000 Mal (Facebook 44.000) angeschaut wurde.

 

Südschleswiger Wählerverband (SSW)

Lars Harms kann mit dem SSW ja nur gewinnen, heißt es. Und so gibt der Friese sich im Wahlkampf so bürgernah und schmerzbefreit wie selten ein Politiker zuvor. Der Wahlkampfspot verzichtet gemäß der Minderheitenrolle auf jegliches Getöse, aber auch auf Inhalt. Harms spaziert in seiner Heimatstadt Husum wie ein Anti-Held umher. Der gutmütige Immerda markiert vor dem Klang von „You can make it if you try“ den hilfsbereiten, kinderliebenden Tollpatsch, der auch die erdigen Seiten des Lebens kennt, den aber auch schwerste Rückenlage am Ende nicht in die Wogen wirft. Gut gemeint – aber vielleicht nicht unbedingt stimmig mit dem Slogan „SSW - darauf kannst Du Dich verlassen“.

 

Die Linke

Und wieder geht es für anderthalb Minuten an den Strand. Dort wird ein Mann namens Herr Albig interviewt. Doch man vernimmt nur Möwengekreische. Dieser Herr Albig ist zwar anwesend, aber er kann nicht sprechen, nicht hören und nicht sehen, denn sein Kopf steckt tief im Sand. So hat er keine Antwort auf steigende Mieten, öffentlichen Nahverkehr, beitragsfreie Kitas und all die anderen Fragen des schauspielenden Reporters zu linken Gerechtigkeitsthemen. Die Linke profiliert sich hier voll und ganz als ungemütliche Oppositionspartei. Sehr gelungen und mit 41.000 Youtube-Aufrufen ein voller Erfolg für eine Partei, die nicht im Landtag vertreten ist.

 

Die Freien Wähler

Ein Auto fährt durchs Land. Von oben ahnt man es bereits, dann wird es klarer: Es geht um kaputte Straßen. Bürger kommen zu Wort, sie schildern ihre Missstände: Schulen, Krise der Landwirtschaft. Die Freien Wähler vermarkten sich glaubhaft und ohne große Stilmittel als Sammelbecken der „kleinen Themen“. Am Ende stellt sich Spitzenkandidat Thomas Thedens als „anständige Alternative“ vor und wirbt um die Mitbeteiligung der Bürger. Knapp 5.000 Aufrufe.

 

Alternative für Deutschland (AfD)

Der AfD-Spot ähnelt früheren Fernsehwerbespots von Protestparteien. Die Angstfaktoren kommen aber eher unfreiwillig. Es beginnt mit fünf besorgten Bürgern deren Redezeit alle zehn Sekunden von einem durchs Bild fliegenden AfD-Swoosh gestoppt wird. Der erste fühlt sich belogen und sucht Zeitungslesend nach der Wahrheit, der zweite redet für soziale Gerechtigkeit, die dritte fordert Respekt für Familien ein, Nummer vier marschiert im Wald und sehnt sich nach mehr Sicherheit und Ordnung, während im unscharfen Bildhintergrund eine nebulöse blonde Frau umherschleicht. Ist das Absicht oder Panne? Muss sie oder muss er sich fürchten?
Nummer fünf strebt nach bezahlbarem Wohnraum. Dann kommt Spitzenkandidat Nobis ins Spiel und redet über den Handlungsunwillen der „Altparteien“ und die angestrebte Wahrung des Bekannten. Gut 4600 Aufrufe sind für eine Protestpartei keine große Hausnummer.


 

Die Piraten

Die vier Abgeordneten der Piraten spielen mit den ihnen entgegengebrachten Klischees: Hacker, Nerds und Freaks mit Internet-Humor. Schließlich präsentiert die Viererbande – immer vor der Kulisse des zu verlierenden Landeshauses – ihre Positionen zu digitaler Bildung, Datenschutz, Bürgerbeteiligung, Tierschutz aber auch zur medizinischen Versorgung auf dem Land. Auf Youtube bekam das Video bislang magere 2082 Klicks.

 

Die Partei

Bei der Partei wird nicht nur die obligatorische Strandkulisse bemüht – es wird auch geplantscht wie es einst Halle Berry in „James Bond 007 – Stirb an einem anderen Tag“ tat. Allerdings baden die Satiriker nicht im Bikini sondern mit Anzug und Krawatte – und das zahlreich. Dann geht's rückwärts und plötzlich sind wieder alle trocken. Die Überwindung der Inhalte ist vollkommen. 16.719 Aufrufe (Stand: 26.4.) hat das Video bisher bei Youtube.

 

Partei Zukunft Schleswig-Holstein (Z.SH)

Wieder geht es an den Nordsee-Strand, diesmal mit Lasse Lorenzen. Wie wird und wie soll sie aussehen, diese Zukunft auf dem Land? Lorenzen blickt aufs Meer. Die Positionen und Keywords werden smartphonegerecht untertitelt. Vor dem Hintergrund des Strandes spricht Lorenzen mit wenigen Zwischeneinblendungen vor statischer Kamera. Es geht um Themen, aber es wird nicht lästig. Der Hinweis „vergleiche uns im Wahl-o-Mat“ wirkt einladend für eine genauere Beschäftigung mit der Partei. Diese sorgt sich um den Fortbestand der ländlichen Räum und stellt sich gegen deren Entkernung. Das beinhaltet auch Markenthema der Partei, die Krankenversorgung. Frauen sollen wieder wohnortnah entbinden können, Umweltschutz wird großgeschrieben. All dies sei notwenig für die Zukunftschance, den Tourismus.

 

Liberal-Konservative Reformer Schleswig Holstein (LKR)

Mit dem heutigen Stand der Technik ließe sich recht problemlos ein Video zaubern, das den Anschein von Professionalität vorgibt. Das misslingt hier völlig. Der Hintergrund ist mit Wahlplakaten verbarrikadiert, der Zoom ist wild, das Licht schlecht, es wird unbeholfen geschwenkt, der Ton ist blechern, die Standbilder angesichts der Größe der Partei noch zu verzeihen. Abseits der verzeihlichen technischen Engpässe macht Jürgen Joost inhaltlich einen einzigen Fehler: Er verplempert seine Redezeit mit Tiraden gegen die Regierung und vergisst dabei, seine eigenen Angebote zu erwähnen. So hackt er vor allem auf Lieblingsfeind Ralf Stegner und Rot-Grün herum – plötzlich sind die endlos erscheinenden 1:38 Minuten vorrüber. So bleibt der Eindruck einer Reform-Partei ohne eigene Inhalte. Das Portal campaigningandstrategy.de vergibt hierfür die Note 5,5. Für beachtliche 55.000 Zuschauer allein bei Youtube hat die persönliche Zuspitzung dennoch gereicht.

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erstellt am 26.Apr.2017 | 08:01 Uhr

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