Wildfrüchte des Spätsommers : Kreten – die fast vergessenen Früchte am Knick

Kreten.
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Kreten.

Knicks waren einmal die Lebensversicherung der Menschen in SH. Und mit ihnen ein heute beinahe unbekanntes Pfläumchen.

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23. August 2017, 16:06 Uhr

Ausacker | Wenn der Spätsommer einkehrt, gibt es für Freunde der heimischen Früchte viel zu schlemmen: Äpfel, Birnen, Zwetschgen und Mirabellen warten an den Zweigen und die Einkäufe im Supermarkt fallen mit einmal sichtbar kleiner aus. Eine weitere fast vergessene Art, die mit ganz vorzüglichen Geschmacksvarietäten aufwartet, steht noch in den Startlöchern für den Sprung in den Marmeladentopf: Die Krete.

Man findet sie noch in Bauerngärten und an Knicks, wo die schlehenartigen Beeren Ende Oktober ihre bläuliche Reife zur Schau stellen. Um die Verbreitung war es einmal besser bestellt, weiß Meinolf Hammerschmidt vom Obstmuseum Pommarium Anglicum in Winderattfeld (Kreis Schleswig-Holstein). Denn zu Zeiten der Selbstversorgung hatten die bis Januar an den Zweigen hängenden Früchte in den funktionellen Knicks Angelns eine vitale Aufgabe als später Vitaminbringer im Winter. Als der Wohlstand wuchs, seien die nur mühsam zu konservierenden Früchte mit dem schwer zu entfernenden Kern fast vollständig vom Speiseplan verschwunden, erzählt Angelns bekannter Experte für alte Obstsorten.

Hammerschmidt bezeichnet die Krete als „Stammvater der Pflaume“. Auch in Zentralasien, sehr viel im Kaukasus und der Türkei hat er die langwüchsigen Büsche schon an Gebirgshängen angetroffen. In Schleswig-Holstein ist die urwüchsige Krete mit all ihren Verschiedenheiten bei Farbe, Aroma und Reifezeit nach der Ansicht Hammerschmidts ebenfalls von Natur aus verbreitet. Die Übergänge zu den heutigen Edel-Pflaumen und Zwetschgen hat er in seiner Ausstellung dokumentiert.

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Götz Bonsen

Kreten kann man als sensible Pflanzen betiteln. Zunächst dauert es zehn Jahre, bis sie erstmals tragen. Und wenn man sie auf den Stock setzt, revanchieren sie sich damit, dass sie abermals zehn Jahre gar keine Blüten ansetzen. So mussten die Menschen beim Stutzen der Knicks früher darauf achten, dass nicht gleich die Kretenlese der nächsten Jahre dem Messer zum Opfer fiel. Da die spätreifen Büsche oft schon im März blühen, kann auch ein Frühlingsfrost einen jähen Schlussstrich unter die Erntepläne ziehen.

Bestimmungshilfe

- Die stachligen, eher kahlen Sträucher (botanisch: prunus insititia) wachsen schmal bis zu bis sieben Meter hoch.
- Die Blätter sind drei bis vier Zentimeter lang.
- Die murmelartige Frucht hat einen Durchmesser von 1,5 bis drei Zentimetern, sie kann bläulich aber auch gelblich sein.
- Die Früchte wachsen nicht auf, sondern neben den Sprossdornen.
- Die Kerne nehmen ein Viertel des Gesamtgewichtes ein und sind nur schwer zu lösen.
- Die Auspflanzzeit geht von November bis April, die Ernte von Oktober bis Januar.
- Fallobst ist bei den Kreten wurmstichig.

Götz Bonsen

Der Dorn wacht neben der Frucht.

Wer Kreten vom Knick pflücken möchte, muss sich zuvor bei den private Landbesitzern eine Erlaubnis einholen.

Bei der Ausbreitung hingegen haben die Kretenbäume formidable Fähigkeiten entwickelt. Etwa drei bis vier Meter vom Urbaum entfernt lässt der Wurzeltreiber neue Büsche sprießen. Für die Umpflanzung und Vermehrung an anderen Orten sind diese Setzlinge der Weg zum Ziel. Neue Pflanzen über die Kerne zu ziehen sei ein Irrweg, sagt der Flensburger Kreten-Enthusiast Hermann Genzmer. Er hat in seinen über 30 Jahren Jahre im Dienste der Krete festgestellt, dass die Kern-Setzlinge niemals Früchte tragen. Überdies hält er die Krete nicht für eine Pflaume und schon gar nicht für eine Schlehe. „Sie hat einen Kirschkern“, sagt der Mann, der der Krete wieder einen Namen gab.

Auf die Frage, warum die Krete in den schleswig-holsteinischen Knicks über Jahrhunderte so verbreitet war und ist, hat Genzmer eine plausible Antwort. Die Bauern waren sparsam und sie bepflanzten die Wallhecken nur langsam über die Jahre. Verwendet wurde Vorhandenes. Und wenn sich ein Wurzelausläufer auf der Koppel wiederfand, wurde er auf den Knick umgesetzt. Das gab Windschutz und Frucht.

Kretenmarmelade ist ein einzigartiger Genuss.
Götz Bonsen

Kretenmarmelade ist ein einzigartiger Genuss.

Die Marmelade aus Kreten besitzt eine kräftige, dunkelrote und glänzende Farbe. Die feine Säure und der frische Geschmack machen Kretenkonfitüre zu einem echten Gaumenschmaus für diejenigen, die es nicht so süß mögen. Kirsche trifft Johannisbeere. Aus den kugeligen Früchten lässt sich nach dem ersten Frost auch ein Wein machen, fürs Brennen eines Schnapses ist die aromatische Frucht gar ein begehrtes Luxusgut. Bei Verwendung für das Letztere (sofern im legalen Rahmen) macht auch der Wurmstich nichts aus, der die Früchte häufig plagt, sie dann herunterplumpsen lässt und für den Verzehr ausschließt. Bei Rohgenuss kann man sich wie bei Schlehen einen ordentlichen „Muuhltrecker“ einfangen. Irgendwann im November schmecken die Früchte jedoch auch vom Strauch, wenn auch nur dezent.

Diese sehen reif aus, doch sie schmecken erst in fünf bis acht Wochen.
Götz Bonsen

Diese sehen reif aus, doch sie schmecken erst in fünf bis acht Wochen.

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