Wissenschaft : Zu Hause lernen – Wie läuft es in Deutschland?

Johanna, Lukas und Hannah treffen Michael Tressat und Natasche Janke online zum Interview.
Johanna, Lukas und Hannah treffen Michael Tressat und Natasche Janke online zum Interview.

Bildungspflicht statt Schulpflicht: Flensburger Forscher stellen das Bildungssystem, wie es ist, in Frage.

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27. Oktober 2020, 07:00 Uhr

Lernen im Lockdown, wie hat das funktioniert und wie ging es den Schülern damit? Genau das prüfen Wissenschaftler der Europa-Universität Flensburg mit dem Forschungsprojekt „adhocc“, das sie im Mai gestartet haben. Hannah, Johanna und Lukas haben Michael Tressat und Natascha Janke gefragt, was dabei herauskommt.

Wie sieht Ihre Studie aus?

Michael Tressat: Wir haben bisher 36 Schülerinnen und Schüler an 36 Schulen in sieben Bundesländern, auch in Schleswig-Holstein, befragt. Alle Schüler sind zwischen elf und 19 Jahre alt. Wir wollen wissen, wie es ihnen unter den Bedingungen von Corona in Schule, Freizeit und Familie ging. Jedes Interview hat eine Laufzeit von ein bis zwei Stunden. Daraus ergeben sich 1100 Seiten Text. Noch ist die Studie nicht abgeschlossen.

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Wie hat das Lernen zu Hause Ihren bisherigen Kenntnissen nach funktioniert?

Michael Tressat: Das hängt von der Umsetzung durch Schule und Lehrkräfte, den Bedingungen der Kinder zu Hause und ihren Persönlichkeiten ab. In der Tendenz war es für Schülerinnen und Schüler einfacher, die eine Familie haben, die sie stark unterstützt und Geld hat. Allerdings gab es auch da Ausnahmen. Bei einem Mädchen zum Beispiel, das total selbstständig ist, hat das Lernen super funktioniert. Sie möchte gar nicht mehr zurück in die Schule. Andererseits kamen manche gar nicht mit der Situation zurecht. Pauschal sagen kann man das nicht.

Wie haben die Schüler die Menge der zu bearbeitenden Aufgaben empfunden?

Natascha Janke: Die Lehrkräfte haben den Arbeitsaufwand unterschiedlich eingeschätzt, sodass entweder zu viele oder zu wenig Aufgaben verteilt wurden. Dadurch waren viele Schülerinnen und Schüler über- oder unterfordert.

Halten Sie es für möglich, dass alle Schulen digitale Medien in den Unterricht einbauen?

Natascha Janke: Prinzipiell könnte ich mir das vorstellen. Es gibt aber einige Probleme, die die Digitalisierung etwas verzögern. Zum Beispiel muss man bedenken, dass je nach Gesellschaftsschicht beispielsweise die finanziellen Mittel fehlen, um sich einen eigenen Laptop kaufen zu können. Weder Schulen noch Familien können das alleine lösen – hier ist die Bildungspolitik gefragt.

Wie sehen Sie Homeschooling mit Blick auf die Zukunft?

Michael Tressat: Die Coronakrise macht schon länger bekannte Probleme des Schulsystems noch offenbarer. Zum Beispiel zu große Klassen, Inklusion oder ein sehr breit gefächertes Leistungsspektrum. Ich ziehe zwei Schlüsse. Zum einen: Abschaffung der Schulpflicht! Wir sollten eine Bildungspflicht einführen, weil Homeschooling unter den jetzigen Bedingungen abenteuerlich ist. Die Leistungsstarken könnten dann entscheiden, dass sie eigenständig lernen. Zum anderen ist es nötig, Lehrkräfte angemessen auszustatten. Wenn Homeschooling durch einen erneuten Lockdown wieder notwendig wäre, hätten Personen aus einem instabilen sozialen Umfeld eine düstere Zukunft.
 
 

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