Neunjährige beim Ministerpräsidenten : „Was tun Sie für die Flüchtlinge, Herr Albig?“

Torsten Albig hat sich viel Zeit genommen, um Jonnas Fragen zu beantworten. Und auch wenn sie über ein ernstes Thema sprachen, gab es auch mal etwas zu lachen. Die beiden Kina-Maskottchen Piet und Paula waren natürlich auch dabei.
Torsten Albig hat sich viel Zeit genommen, um Jonnas Fragen zu beantworten. Und auch wenn sie über ein ernstes Thema sprachen, gab es auch mal etwas zu lachen. Die beiden Kina-Maskottchen Piet und Paula waren natürlich auch dabei.

Die neun Jahre alte Jonna aus Tremsbüttel interviewt den Ministerpräsidenten Torsten Albig. Mit einem Brief an die Kina-Redaktion hatte alles angefangen.

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27. Juni 2015, 19:15 Uhr

Immer wieder hört sie von Flüchtlingen, denen Schlimmes geschieht: Die neunjährige Jonna aus Tremsbüttel im Kreis Stormarn macht sich darüber viele Gedanken. Nach einem Bericht auf der Kina-Seite unserer Zeitung über ein großes Bootsunglück auf dem Mittelmeer griff Jonna zu Zettel und Stift und schrieb einen Leserbrief.

Ihre Meinung: Man sollte dafür sorgen, dass es in der Heimat der Flüchtlinge ruhig ist, niemand Hunger haben muss und jeder sauberes Trinkwasser. Auch Krieg und Armut sollte man bekämpfen. So lange es aber nicht so ist, wünscht sie sich von ihren Politikern, dass sie sichere Wege für die Flüchtlinge schaffen.

Die Kina-Redaktion fand: Das muss Jonna mal mit einem Politiker besprechen. Ministerpräsident Torsten Albig war sofort bereit, sich mit Jonna zu treffen und ihre Fragen zu beantworten.

Jonna: Was tun Sie für die Länder, aus denen die Menschen fliehen?
Torsten Albig: Die Menschen fliehen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Manche Länder sind sehr arm, zum Beispiel weil das Wetter schlecht ist und damit die Ernte ausfällt. Dort können wir helfen, indem wir zeigen, wie man besser Getreide anbauen kann, die Felder wieder in Ordnung bringt oder indem man dort Fabriken baut, damit die Menschen wieder Arbeit haben.
Da, wo jetzt noch Krieg ist, ist es viel schwieriger. Dort werden Menschen bedroht, weil sie zum Beispiel eine andere Religion haben. Daher haben sie Angst um ihr Leben und sind auf der Flucht. Wir versuchen, mit den Politikern dieses Landes zu reden. Oft wollen die aber gar nicht mit uns reden. Wir helfen auch, nach einem Krieg ein Land wieder aufzubauen, denn oft gibt es dort nicht einmal mehr Straßen oder Schulen. Das geht oft nur mit Hilfe der Bundeswehr und Soldaten aus anderen Ländern. Aber das dauert natürlich. Es gibt leider keine allgemeine einfache Antwort darauf, was wir für diese Länder tun können. Aber wir dürfen nicht aufgeben, unsere Hilfe anzubieten.

Wie helfen Sie den Flüchtlingen, dass sie auf ihrem Weg sicher sind?
Da gibt es viele Möglichkeiten. Wir brauchen hier bei uns zum Beispiel ganz viele Menschen in sozialen Berufen, zum Beispiel im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Da würden wir gern sagen: Kommt zu uns und arbeitet in diesen Berufen. Dann könnten die Menschen in ihren Ländern zu unseren Botschaften gehen und ein Visum bekommen. So müssen sie nicht mehr heimlich zu uns kommen. Denn bei Flüchtlingen kommen oft Schleuser ins Spiel. Das sind Menschen, die so tun, als wollten sie helfen. Aber sie nehmen den Flüchtlingen das ganze Geld für diese Hilfe weg. Und dann kommen sie auf ein Boot, das gar nicht seetüchtig ist und sind schon wieder in Gefahr.

Gibt es einen anderen Weg, als mit Booten zu fahren?
Ja, es gibt viele Wege. Es gibt auch Flüchtlinge, die über Land fliehen, oft sogar zu Fuß. Aber das ist auch gefährlich. Viele, die aus Afrika fliehen, haben nur die Möglichkeit, mit dem Boot zu fliehen. Da legen die Schlepper irgendwo am Strand ein Boot hin.
Ja, ich hatte da ja auch eine Idee, dass man mit sicheren Booten immer hin- und herfahren könnte.
Das ist eine ziemlich gute Idee. Die hatten wir auch schon. Das scheitert aber oft daran, dass wir gar nicht in die Häfen fahren können, um die Menschen dort abzuholen.

Und was tun Sie für die Menschen, wenn sie hier ankommen?
Wir wollen, dass sie sich bei uns sicher und willkommen fühlen. Das ist wirklich sehr wichtig. Außerdem bieten wir den Menschen möglichst schnell Sprachkurse an. Stell dir vor, du musst irgendwohin fliehen und kannst die Sprache nicht sprechen und die Schrift nicht lesen. Dann bist du erstmal völlig verloren. Die Kinder, die zu uns kommen, wollen ja auch in den Kindergarten und in die Schule gehen. Auch dafür müssen wir sorgen.
Dann wollen wir wissen, was die Erwachsenen für Berufe haben. Einer kann Brücken bauen, ein anderer ist Zahnarzt, seine Frau vielleicht Krankenschwester, ein anderer Buchhändler oder Gemüsehändler. Wir müssen überlegen, was die Menschen hier tun können. Es ist blöd, wenn du das Gefühl hast, nicht gebraucht zu werden.
Und dann brauchen wir natürlich Wohnungen. Die müssen zum Teil erst noch gebaut werden. Für den Anfang bauen wir große Häuser, wo die Flüchtlinge ankommen, sich erst einmal sicher fühlen können und zur Ruhe kommen. Wir sprechen mit ihnen, warum sie geflohen sind. Es kommen ja auch welche, die keinen Grund hatten, die sich nur reingemogelt haben und die wir wieder nach Hause schicken.

Und wie entscheidet man, wer bleiben darf?

In unserem Grundgesetz steht: Wer verfolgt wird, hat ein Recht darauf, bei uns geschützt zu werden. Das heißt: Wer belegen kann, dass er aus einem Land kommt, in dem er verfolgt wird, kann bleiben.

Und wenn die zurückmüssen: Wie lange braucht man, um das zu entscheiden?

Das ist eine gute Frage! Darüber reden wir gerade ganz oft mit der Bundeskanzlerin. Bisher hatten wir zu wenige Mitarbeiter, die das entscheiden konnten. Es hat uns überrascht, dass so viele Flüchtlinge kommen. Die Entscheidung, ob jemand bleiben darf, sollte nur drei Monate dauern. Doch manchmal dauert das bis zu zwei Jahre. Jetzt haben wir mehr Stellen geschaffen für Leute, die das entscheiden.

Und wenn die Leute zurück müssen und verletzt sind? Die können ja nicht gleich zurück.

Das ist richtig. Wenn sie verletzt sind, behandeln wir sie natürlich und sorgen dafür, dass es ihnen wieder gut geht. Ich habe auch entschieden, dass niemand im Winter zurückgeschickt wird, wenn es in seinem Land einen harten Winter gibt. Auch wenn ich weiß, dass sie nicht bleiben können, schicke ich sie nicht im Januar in ihre Heimat zurück, wo sie kein Zuhause mehr haben und vielleicht in einer Blechhütte leben und Angst haben müssten, dass sie dort erfrieren.

Wie kann ich den Flüchtlingen helfen?
Das ist ganz einfach. Du kannst zum Beispiel mit den Kindern spielen und sie ganz normal behandeln wie deine Freundinnen hier in Deutschland. Die Flüchtlinge sind oft traurig, weil sie ihre Heimat verloren haben oder ihre Freunde oder ihre Familie nicht mitnehmen konnten. Wenn wir für sie da sind, bekommen sie das Gefühl, dass sie bei uns willkommen sind und wir nette Menschen sind. Das ist die allergrößte Hilfe, die wir leisten können.
Aber das allerwichtigste ist, dass man aus dem Fremden einen Bekannten macht, indem man ihn kennenlernt. Und aus dem Bekannten wird irgendwann ein Freund.

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