Interview mit János Darvas : Kina-Reporter im Jüdischen Museum: Aus dem Leben eines Juden

Elisa, Enna, Janos Darvas, Lina, Khalil (hinten von links), Marek, Karla und Omair treffen sich im Jüdischen Museum, der früheren Synagoge in Rendsburg.

Elisa, Enna, Janos Darvas, Lina, Khalil (hinten von links), Marek, Karla und Omair treffen sich im Jüdischen Museum, der früheren Synagoge in Rendsburg.

János Darvas aus der jüdischen Gemeinde Kiel sprach mit den Kindern auch über den Schutz von Synagogen.

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10. Oktober 2019, 19:58 Uhr

Rendsburg | János Darvas ist praktizierender Jude aus der jüdischen Gemeinde Kiel. Er hat sich mit den Kina-Reporterinnen und Reportern getroffen, um von seinem Glauben und seiner Religion zu erzählen. Auch über die Ereignisse in Halle, bei denen am Dienstag, 9. September, zwei Menschen getötet wurden, sprach Darvas.

Herr Darvas, ist Ihr Name ein jüdischer Name?

János Darvas ist ein ungarischer Name – in Ungarn bin ich geboren. Jedes jüdische Kind bekommt für gewöhnlich auch noch einen hebräisch-jüdischen Namen, der normalerweise nicht in den europäischen Papieren und Ausweisen steht. Mein Name lautet Israel.

Begegnen Ihnen nicht-jüdische Menschen anders, wenn sie erfahren, dass Sie Jude sind?

Eigentlich nicht. Ich habe persönlich habe zum Glück noch nicht wirklich Antisemitismus erfahren. Aber manchmal gab es einige Bemerkungen gegenüber Juden in meiner Anwesenheit. Besonders die älteren Generationen sind noch mit Vorurteilen behaftet. Gerade an den Geschehnissen am Mittwoch in Halle sieht man auch, dass es hierzulande noch immer Antisemitismus gibt. Und dass Synagogen einen besonderen Schutz benötigen. Ich würde mir wünschen, dass der Schutz von Synagogen irgendwann nicht mehr notwendig ist.

Kann jeder einfach zum Judentum konvertieren?

Ja, jeder kann zum Judentum konvertieren, dennoch muss man erst einmal viel über die Religion lernen. Dazu gehört auch das Bewusstsein, dass man ein großes Schicksal teilt.

Kann man das Judentum auch ablegen?

Ja, natürlich. Du kannst als Jude entscheiden, Christ, Moslem oder Atheist zu sein. Aber dann bleibst du trotzdem Jude, und zwar aus zwei Gründen. Es gibt Leute, die die Religion nicht praktizieren und sich trotzdem als Jude bezeichnen. Sie fühlen sich zu dieser Gemeinschaft gehörend. Es gibt Leute die wollen mit dieser Religion nichts mehr zu tun haben. Das nützt aber nichts in den Augen der anderen. Das hat man im Nationalsozialismus gesehen. Da waren viele Juden, die sich längst nicht mehr als Juden empfunden haben, die kannten die Religion nicht mehr, fühlten sich als Deutsche, dennoch wurde gesagt, du bist ein Jude.

Orthodox, liberal oder konservativ: Zu welcher Ausrichtung gehören Sie?

Ich würde eher sagen liberal, aber progressiv liberal. Frauen und Männer sind gleich berechtigt. Das ist bei den Orthodoxen nicht der Fall. Das zweite ist, dass wir die Tradition pflegen, ohne zu erwarten, dass sie voll umgesetzt werden. Das ist jedem selbst überlassen.

Gestern war der Feiertag Jom Kippur. Können Sie sagen, was das ist?

Jom Kippur ist der höchste Feiertag und heißt Versöhnungstag. Erstmal wird gefastet, für 24 Stunden. Man isst und trinkt nichts in dieser Zeit. Es geht nicht um eine Selbstqual, sondern es geht um eine Freifühlung von körperlichen Dingen, und darum, sich vollkommen mit sich selbst zu konfrontieren. Wer bist du selbst? Was hast du gemacht in diesem Jahr. Man konfrontiert sich dann mit seinen Sünden und mit seinen Fehlern, aber man nimmt auch die Fehler anderer auf sich. Es ist kein Trauertag, sondern ein Freudentag.

Welcher ist ihr Lieblingsfeiertag?

Als Kind war es das Pessach-Fest. Das wird zu Hause gefeiert mit der Familie. Es gibt ungesäuertes Brot, das versteckt war. Wir mussten es dann als Kinder suchen, und hatten dann einen Wunsch für ein Geschenk frei. Wir haben gesungen und es gab gutes Essen. Es war ein wunderschönes Fest.

Feiern Sie denn auch Weihnachten?

Ich habe eine nicht jüdische Frau und wir feiern es ein bisschen, aber sonst ist es nicht mehr üblich. Früher war es in Deutschland sehr verbreitet, dass Juden auch Weihnachten feierten, da es eine Art deutsche Identität war. Nicht unbedingt, um Jesus anzuerkennen. Aber normalerweise nein.

Was finden Sie persönlich am Judentum am schönsten?

Da sind viele Dinge, die ich gut finde, wir haben aber auch viele Probleme, so wie in vielen anderen Religionen und Kulturen. Das Schönste für mich aber ist die Selbstverantwortung. Unsere Religion oder unsere Tradition geben es uns nie einen anderen Menschen vor, der vollkommen ist, und dem man nacheifern kann. Moses ist nicht perfekt. Er macht Fehler. Unsere Aufgabe ist es, zu sagen nobody is perfect, aber du kannst selber deinen Weg gehen. Das ist meine Interpretation.

Das ist das Judentum

Die Synagoge ist das Gotteshaus der Juden. Wie in jeder Religion, leben auch Juden ihren Glauben unterschiedlich aus. Man unterscheidet in drei Ausübungsarten: Orthodox, liberal und konservativ. Orthodoxe Juden befolgen ihren Glauben ziemlich streng. Die Mitte bilden konservative Juden. Sie üben ihren Glauben nicht so streng aus wie die orthodoxen, aber auch nicht so locker wie Angehörige der liberalen Ausrichtung. Das Judentum basiert auf der Tora – ihr Gebetsbuch. Die Tora besteht aus mehreren zusammengenähten Pergamenten, auf denen der Text von fünf Büchern steht. Sie ist auf Hebräisch geschrieben – und das per Hand. Dadurch dauert die Herstellung einer einzelnen Tora selbst für erfahrene Produzenten bis zu einem Jahr und es ist verboten, sie zu zerstören.

 Deshalb gibt es sozusagen „Tora-Friedhöfe“, wo nicht genutzte Toren aufbewahrt werden. Manchmal landet eine Tora aber auch im Museum. Zum Beispiel im Jüdischen Museum in Rendsburg. Es befindet sich in dem Gebäude einer ehemaligen Synagoge. In einer ehemaligen deshalb, weil die Synagoge in der Reichspogromnacht von Nazis angezündet wurde. Dabei wurde die Bima – von wo aus die Tora während des Gebets verlesen wird – zerstört, weshalb der jüdische Glaube dort heute nicht mehr praktiziert wird. Heutzutage befindet sich hier ein Museum über die Bräuche des Judentums. Dazu gehören zum Beispiel 14 Feste im Jahr. Jom Kippur ist das alljährliche Versöhnungsfest im September/Oktober und der wichtigste Feiertag im Judentum.

Zu Neujahresbeginn (ebenfalls September/Oktober) feiern Juden das Fest Rosch Ha-Schana. Der jüdische Kalender richtet sich nach den Mondzeiten. Die Juden feiern, ähnlich wie die Christen, auch eine Konversion. Bei evangelischen Christen ist das die Konfirmation, im Judentum die Bar-Mizwa (bei Jungen) oder Bat-Mizwa (bei Mädchen). Jungen feiern das Fest nach dem 13. Lebensjahr, Mädchen nach dem zwölften. Das Alter ist deshalb unterschiedlich, weil Mädchen früher in die Pubertät kommen als Jungen. Nach dieser Feier gilt man als volljährig sowie als offizielles Mitglied der jüdischen Gemeinde.

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