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Plasmaspender in Kiel : Zwischen Lebensrettung und Industrie

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Besuch im Kieler Zentrum von CSL Plasma: Rund 1300 Spender pro Woche lassen sich pieksen. Zwei Kieler erzählen, warum sie regelmäßig dabei sind. Ein Grund, aber nicht der einzige: der Nebenverdienst.

shz.de von
erstellt am 11.Okt.2014 | 06:15 Uhr

Es piept, die Geräte müssen bedient werden. Die Luft riecht nach Desinfektionsmittel. Künstliches Licht erhellt den Raum, in dem 35 Liegen nebeneinander an der Wand stehen. Draußen am Sophienblatt rauschen die Autos vorbei, drinnen läuft die Maschinerie der Plasmaspende. Stunde um Stunde, Tag um Tag. Mit übereinander geschlagenen Beinen, manchmal ein Magazin auf dem Schoß, manchmal Kopfhörer auf den Ohren, lassen sich gerade zwei Dutzend Kieler anzapfen. Es sind Frauen und Männer, viele jüngere, einige mittleren Alters, einige mit Freizeitkleidung, andere im Büro-Look. Manche ballen eine Faust, pumpen, damit das Blut besser fließt. Etwa 1300 Spender pro Woche werden hier, im Zentrum von CSL Plasma in Kiel, pro Woche durchgeschleust.

Steffi Schramm und Heinz Behrmann werden für ihre Spende vorbereitet. Center-Managerin Gesine Lamp packt mit an. Manschette am Oberarm, Armbeuge gereinigt, Kanüle liegt bereit. Ein Piekser in die Vene, und der Schlauch füllt sich.

Für die beiden Kieler ist die Prozedur ein Ritual. Angst vor dem Pieks? Ja, vielleicht beim ersten Mal. Aber Heinz Behrmann hat das schon 1346 Mal gemacht. Das sieht man seinen beiden Armbeugen auch an – sie sind vernarbt. Er hält in der Landeshauptstadt den Rekord. Mit seinen 62 Jahren ist er stolz darauf. Aufhören, das kommt für ihn nicht in Frage: „ So lange ich gesund bin, mache ich weiter.“ Sein Ziel: die 1500er-Marke knacken.

Steffi Schramm (28) studiert in Kiel BWL, ist seit sechs Jahren dabei, mit über 150 Spenden. Sie erzählt: „Kommilitonen fingen damit an, verdienten sich so etwas dazu.“ Auch Steffi Schramm überzeugte anfangs das Geld. Rund 20 Euro erhalten Plasmaspender pro Spende – Aufwandsentschädigung nennt das die Firma CSL Plasma, die das Kieler Zentrum am Sophienblatt seit Mitte der 70er Jahre betreibt. Inzwischen, betont die Studentin, gehört der wöchentliche Besuch einfach für sie dazu –„die sind alle nett hier“, sagt die 28-Jährige. Sie fühlt sich gut, weil sie anderen Menschen mit ihrer Spende hilft. Sie hat, ebenso wie Behrmann, auch einen Organspendeausweis. Ganz nebenbei erhält sie selbst alle paar Wochen einen Gesundheits-Check, ein Blutbild, dazu. Sind ihre Werte in Ordnung, darf sie weiterspenden. Maximal alle vier Tage ist das grundsätzlich möglich. Anders als bei Vollblutspenden regeneriert der Körper sich viel schneller.

So erklärt sich auch, wie Heinz Behrmann auf seine hohe Zahl an Spenden kommt. Er hat 1978 damit angefangen. Auch er freut sich über den Zusatzverdienst, sagt aber, das sei nicht das Entscheidende. Sondern: „Ich will der Kieler Rekordspender bleiben!“ Behrmann hat trotzdem nachgerechnet – „um die 20 000 Euro müsste ich inzwischen erhalten haben“, sagt er. Doch gespart wurde das Geld nie. Er arbeitet seit mehr als 40 Jahren als Verwaltungsangestellter in der Kieler Arbeitsagentur, ist Langstreckenläufer. In gewisser Weise betrachtet er auch das Plasmaspenden als Langstreckenlauf.

Während das Blut in die so genannte Plasmapherese-Maschine läuft, wird es unter Hinzufügen eines Gerinnungshemmers flüssig gehalten. Es darf nicht klumpen. Denn die Spender erhalten am Ende wichtige Bestandteile ihres eigenen Blutes, die roten und die weißen Blutkörperchen sowie die Blutplättchen, zurück. In einer Art Zentrifuge wird das Blut in seine Bestandteile getrennt, das Plasma fließt in eine Flasche. Wenn eine bestimmte Menge erreicht ist, stoppt die Zentrifuge. In die Vene des Spenders fließt nach etwa einer Dreiviertelstunde das Blut zurück, dem nun ein gewisser Anteil des Plasmas fehlt. Pro Spende kommen zwischen 650 und 850 Milliliter zusammen. Um den Flüssigkeitsmangel auszugleichen, wird es mit Kochsalzlösung angereichert. Ist der Vorgang beendet, zieht ein Mitarbeiter die Kanüle aus der Vene. Auch bei Behrmann und Schramm. Pflaster drauf, fertig.

Center Managerin Gesine Lamp (37) selbst darf kein Plasma spenden, wie sie sagt. Jeder, der zugelassen werde, müsse gesund sein und dessen Blutbild bestimmte Kriterien erfüllen, was in ihrem Fall nicht passe. Und warum benötigt CSL Plasma so viel von dem Blutbestandteil? „Dadurch, dass Plasma ein Grundstoff ist, der nicht synthetisch hergestellt werden kann, ist er so wichtig für uns.“ Die Chefin ergänzt geradeheraus: „Für uns ist es eine Ware. Ein Rohstoff für Medikamente. Wir sind die Pharmaindustrie.“

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