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Des Nordens größter Wasserhahn : Zu Besuch im Wasserwerk Schulensee: So wird unser Wasser sauber

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Durchsichtig, geruchs- und geschmacklos und rein – so soll Trinkwasser sein. Doch was muss passieren, damit es so aus unseren Hähnen fließt? Aufschluss gibt ein Besuch an der Quelle des Kieler Trinkwassers.

Irgendwas kann hier nicht stimmen. Es dröhnt, feine Tröpfchen wirbeln durch die Luft und ein übler Geruch nach faulen Eiern schwebt über dem sprudelnden Wasser – jenem Wasser, das demnächst aus den Hähnen von etwa 180.000 Haushalten in Kiel und Umgebung fließen wird. Hier kommt es wie ein gigantischer, stinkender Springbrunnen daher. „Das hat alles seine Richtigkeit“, versichert Gunnar Bandholz. „Schwefelwasserstoff ist ein natürlicher Bestandteil im Grundwasser. Und in dieser Anlage treiben wir ihn aus.“

Bandholz ist Betriebsmeister im Wasserwerk Schulensee im Süden von Kiel, dem größten Wasserversorger in Schleswig-Holstein. Täglich werden hier 33.000 Kubikmeter Trinkwasser produziert – umgerechnet ist das eine volle Badewanne für fast jeden Einwohner der Landeshauptstadt.

Die Kieler haben Glück. Was das Trinkwasser angeht, können sie aus dem Vollen schöpfen. Tief unter der Oberfläche befindet sich ein riesiger Grundwasservorrat, der durch Regenwasser ständig wieder aufgefüllt wird. So würde es der Laie ausdrücken. Der Experte spricht von einem „Grundwasserleiter, der sich komplett aus Regenwasser regeneriert“. Die Bodenschichten über diesem Wasserspeicher nehmen den Stadtwerken schon eine Menge Arbeit ab: Das Regenwasser durchfließt mehrere Ton- und Kieslagen, die bereits viele Stoffe herausfiltern und die Wasserqualität erhöhen – ein mächtiger Gratis-Puffer. „Bis so ein Regentropfen von uns wieder an die Oberfläche befördert wird, vergeht viel Zeit“, sagt Gunnar Bandholz.

Wie riesige Strohhalme saugen 19 Brunnen das Grundwasser aus 150 bis 180 Metern Tiefe an die Oberfläche, woraufhin es im Wasserwerk Schulensee zu Trinkwasser gemacht, besser gesagt: veredelt, wird. Denn trinken kann man es schon vorher, wie der Test am „Wareneingang“ zeigt. Aus einem Wasserhahn an einem dicken Rohr, welches das sogenannte Rohwasser (gefördertes Grundwasser) zu den Filtern im Wasserwerk leitet, zapft Gunnar Bandholz einen Becher Flüssigkeit ab. Schwenkt ihn und riecht daran, als wäre es Rotwein und er ein Weinkenner. Dann nimmt er einen großen Schluck. „Schmeckt leicht metallisch, aber sonst einwandfrei.“

Für den metallischen Geschmack sind Eisen und Mangan verantwortlich – natürlich vorkommende Stoffe, welche dem Menschen nicht schaden. Im Gegenteil, sie sind sogar essenziell für den Körper. Ein hoher Gehalt im Trinkwasser hätte allerdings unangenehme Begleiterscheinungen. Neben dem metallischen Geschmack wären dies Rostflecken, Verfärbungen der Wäsche und Ablagerungen in den Rohren. Deshalb filtert das Wasserwerk Eisen und Mangan heraus.

Tonnenweise Sand verbergen sich in den Filterbecken des Wasserwerks. Die feinen Körnchen stammen aus bayerischen Gebirgsregionen.
Tonnenweise Sand verbergen sich in den Filterbecken des Wasserwerks. Die feinen Körnchen stammen aus bayerischen Gebirgsregionen. Foto: Michael Staudt
 

Wie in der heimischen Kaffeemaschine das Wasser durch das Kaffeepulver sickert hier das Rohwasser durch eine zwei Meter dicke Quarzsand-Schicht. Darin leben Organismen, welche die unerwünschten Stoffe aus dem Wasser binden und sie auf diese Weise entfernen. Ganz ohne Chemie. „Aber so ein Organismus ist auch nur ein Mensch“, sagt der Betriebsleiter. „Er funktioniert nicht immer gleich gut. Wird der Sand mal ausgetauscht, dauert es eine Zeit, bis sie ihre Arbeit wieder aufnehmen. Bis zu drei Monate kann es dauern, bis der Filter wieder die volle Leistung bringt. Man muss ihn dann erstmal in Ruhe lassen.“Alle 72 Stunden wird der Sand durchgespült und wieder aufgelockert, sonst würde der Filter irgendwann überlaufen.

Der Weg des Wassers Schritt für Schritt: Zunächst wird das Rohwasser verdüst, d. h. möglichst fein zerstäubt. So wird das Wasser mit Sauerstoff angereichert und Schwefelwasserstoff ausgetrieben. Die braunen Ablagerungen sind oxidiertes Eisen.
Der Weg des Wassers Schritt für Schritt: Zunächst wird das Rohwasser verdüst, d. h. möglichst fein zerstäubt. So wird das Wasser mit Sauerstoff angereichert und Schwefelwasserstoff ausgetrieben. Die braunen Ablagerungen sind oxidiertes Eisen. Foto: Michael Staudt
 

Die Wasserbecken befinden sich hinter Glasscheiben, es ist dort stockdunkel. Licht würde das Algenwachstum begünstigen. Die kleinen Fenster, durch die man einen Blick auf die riesigen Filter werfen kann, öffnet Bandholz nur ungern. „Gewöhnlich ist es bei großen Maschinenhallen so, dass sich der Mensch schützen muss“, sagt er. „Hier ist es umgekehrt.“ Eine Baustelle bereitet ihm deshalb aktuell Bauchschmerzen. Einige Filterbecken aus Beton werden saniert. Das bedeutet: Handwerker müssen das Werk betreten und es staubt. Gelangt Staub ins Wasser, könnte das zu einer Aufkeimung führen – das wäre so etwas wie der Super-GAU. Doch kein Grund zur Panik: Erstens ist hier alles hermetisch abgeriegelt und Sicherheitsvorkehrungen wie Staubschleusen installiert, zweitens erfolgen noch mehrere Qualitätskontrollen, bevor das Wasser in die Haushalte gelangt.

In den Filterbecken sickert das Wasser durch eine zwei Meter dicke Schicht aus Quarzsand. Dabei werden Eisen und Mangan herausgefiltert. Je nachdem, wie viel Wasser die Kieler gerade brauchen, sind mehr oder weniger Becken in Betrieb.
In den Filterbecken sickert das Wasser durch eine zwei Meter dicke Schicht aus Quarzsand. Dabei werden Eisen und Mangan herausgefiltert. Je nachdem, wie viel Wasser die Kieler gerade brauchen, sind mehr oder weniger Becken in Betrieb. Foto: Michael Staudt
 

In der Maschinenhalle dröhnt es. Nur mühsam kann sich die Stimme gegen den Lärm der Pumpen und Luftentfeuchter durchsetzen. Doch kein Angestellter ist diesem Lärm kontinuierlich ausgesetzt. Nur ein gutes Dutzend Menschen arbeitet im Wasserwerk Schulensee. Die meiste Arbeit machen die Pumpen und Filter ganz allein.

Draußen erinnert ein riesiges Becken mit zähem, braungefärbten Inhalt eher an eine Kläranlage als ein Trinkwasserwerk – nur ohne den penetranten Geruch. Mit Trinkwasser hat das Ganze zum Glück auch nichts mehr zu tun. Die braune Brühe ist das Abfallprodukt des Wasserwerks: Eisen-Mangan-Schlamm, den die Filter aus dem Grundwasser gefischt haben. „Regelmäßig kommt ein Saugwagen vorbei und fährt den Schlamm auf eine Deponie“, sagt Bandholz.

Ist Nitrat im Trinkwasser? Oder Blei? „Ganz hartnäckige Kundenanfragen landen auch mal direkt bei mir“, erzählt Bandholz. In den meisten Fällen kann er die Leute beruhigen. „Was Nitrat angeht, liegt unser Wasser 95 Prozent unter dem Grenzwert“, erklärt er. In ländlich geprägten Gebieten sei das durchaus anders. Durch übermäßiges Güllen gelangen in einigen Regionen Schleswig-Holsteins so viele Nährstoffe in den Boden, dass der natürliche Puffer nicht mehr ausreicht und das Grundwasser verunreinigt wird. Die Wasserwerke müssen dann eingreifen – das treibt die Wasserpreise in die Höhe. Und Blei, daskönne höchstens über veraltete Hausleitungen ins Trinkwasser gelangen – dafür hafte der Eigentümer, erklärt Bandholz. Im Betriebslabor kann er selbst kleine Tests durchführen, um die Wasserqualität zu überprüfen. Doch den „offiziellen“ Test mache ein großes, akkreditiertes Labor.

Das reine Wasser fließt in dicken Rohren aus den Filtern in den Keller des Wasserwerks, wo es gesammelt wird. Hinter den Wänden links und rechts befinden sich die Filterbecken.
Das reine Wasser fließt in dicken Rohren aus den Filtern in den Keller des Wasserwerks, wo es gesammelt wird. Hinter den Wänden links und rechts befinden sich die Filterbecken. Foto: Michael Staudt
 

Und wieder dröhnt es. Wenn die Filter ihre Arbeit geleistet haben, fließt in dicken blauen Rohren das sogenannte Reinwasser in einen riesigen Behälter im Keller des Wasserwerks. Von dort aus wird es auf die Reise in das städtische Wassernetz geschickt. Bis wenig später irgendein Kieler seinen Wasserhahn aufdreht, um sich einen Tee zu kochen.

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erstellt am 01.Nov.2015 | 19:15 Uhr

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